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Sci-Fi-Film „Resurrection“China sehen … und sterben?

Mit „Resurrection“ ist Regisseur Bi Gan ein Meisterstück gelungen, das das Kino selbst aufs Podest hebt. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt.

Gut 130 Jahre ist es her, dass die Lumière-Brüder mit einer Vorführung in Paris die Geburtsstunde des Kinos einläuteten. Was anfangs von den beiden als „Ergänzung zur Fotografie“ erdacht wurde, entwickelte sich schnell zu einem weltweiten Siegeszug sondergleichen.

Fast jeder erdenkliche Stoff wurde seitdem erprobt, raffiniert und gelegentlich auch auserzählt. Umso beachtenswerter ist es, wenn heute ein Regisseur seinen cineastischen Vorbildern Respekt zollt und gleichwohl seine völlig eigene Handschrift findet. Noch erstaunlicher ist es, wenn einem beim Gang ins Kino die Kinnlade gleich zweimal runterfällt. Der neuste Film des chinesischen Auteurs Bi Gan ist ein Exkurs in die (Film-)Geschichte, der staunen lässt.

„Resurrection“, dessen chinesischer Originaltitel so viel wie „Wilde Zeiten“ bedeutet, ist zweifelsohne ein abenteuerlicher Ritt: durch die Zeiten genauso wie durch die Genres. Ebenso wie Bis zwei vorangegangene Werke, „Kaili Blues“ und „Long Day’s Journey into Night“, lässt sich der Film nur schwer in klassische Kategorien einordnen, ist mal Sci-Fi, mal Historiendrama, mal Romanze. Es handelt es sich um eine freie Assoziation von Gedanken und Ideen, die ein großes Ganzes ergeben.

Der Film

„Resurrection“. Regie: Bi Gan. Mit Shu Qi, Jackson Yee u. a. China/Frankreich 2025, 160 Min.

Im Mittelpunkt der verschiedenen Handlungsstränge steht der sogenannte Fantasmer (Jackson Yee) – ein grotesk entstellter Ausgestoßener in einer futuristischen Gesellschaft, in der den Menschen die Unsterblichkeit winkt. Um ewig zu leben, muss die Fähigkeit zu träumen aufgegeben werden. Ein Angebot, das der Fantasmer ausschlägt, um mithilfe von Opium im Tiefschlaf seinen Sehnsüchten nachzugehen und der Realität zu entkommen. Ihn zu fangen und zu töten ist die Aufgabe seiner Gegenspielerin, der „Großen Anderen“ (Shu Qi).

Das Kino als Tempel der Träume

Innerhalb des Prologs werden schnell zwei Dinge deutlich. Einerseits ist „Resurrection“ eine Liebeserklärung an das Kino selbst. Denn als die Große Andere den Fantasmer erwischt, entdeckt sie einen Filmprojektor in seinem Körper. Aus Mitleid mit seinem Schicksal schenkt sie ihm mithilfe einer eingelegten Filmrolle einhundert zusätzliche Jahre an Zelluloiderinnerungen, bis er das Zeitliche segnet. Das Kino wird für ihn somit zum erlösenden Tempel der Träume.

Andererseits macht Bi Gan klar, dass er der richtige Mann für diese monumentale Hommage an seine eigene Kunstform ist. Der Film beginnt mit einer lodernden Flamme, die sich durch eine Leinwand brennt und ein neugieriges chinesisches Kinopublikum offenbart, das ebenso gebannt durch das Feuer in unsere Richtung starrt wie wir in die seinige. Plötzlich ertönt Orchestermusik, und die Menschenmenge hastet aus dem Saal, als wären sie Statisten in einem neu aufgelegten Stummfilm.

Kurz darauf dringt die Große Andere in die Träume des Fantasmers ein. Während sie immer tiefer in seine Opiumhöhle hinabsteigt, werden die Kulissen um sie herum schemenhafter und die monströsen Schatten unheimlicher. Wer hierbei die Bühnenbilder des „Dr. Caligari“ oder die langfingrige Silhouette des „Nosferatu“ vor Augen hat, liegt völlig richtig. Im Interview mit der taz verrät Bi, dass er ein großer Fan des deutschen expressionistischen Films ist. „Nicht nur wegen der Ästhetik, sondern auch, weil er mich inspiriert.“ Für ihn fördere der Stil die „Angst und auch die Träumerei des echten Lebens“ zutage. Es sind zwei Elemente, die seine aktuelle Reise durch das turbulente letzte Jahrhundert Chinas maßgeblich prägen.

Wie Tarkowski auf Steroiden

In seinen Träumen schlüpft der Fantasmer in immer neue Rollen. Mal ist er der Assistent eines Musikers in einer ruchlosen Neo-Noir-Kulisse, mal ein von Zahnschmerzen geplagter Mönch in einem Tempel und mal ein Trickbetrüger auf der Suche nach dem großen Geld. Meisterhaft findet sich Schauspieler Yee in jeden dieser Charaktere ein. Bi lenkt dabei den Fokus auf ständig wechselnde Aspekte: Jeder der Träume spricht einen unterschiedlichen Sinn an und lässt dabei die Episoden des 20. Jahrhunderts miteinander verschwimmen.

„Ich will, dass die Zuschauer den Film nicht nur mit ihren Augen wahrnehmen, sondern intuitiv und instinktiv“, verrät der Regisseur. Das soll zum Nachdenken anregen – auch über die eigene Existenz.

Die Einflüsse von Bi Gan sind vielfältig und reichen von den surrealen Traumwelten David Lynchs bis zum taiwanischen New-Wave-Kino von Hou Hsiao-hsien. Sein selbsterklärter größter Vordenker bleibt jedoch der russische Avantgardist Andrei Tarkowski mit seiner poetischen Filmsprache. „Er ist in die metaphysischen Fragen des Lebens eingetaucht und hat mich dazu inspiriert, diesen Themen nachzugehen.“

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Trailer „Resurrection“

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Spektakulärer Farbwechsel mitten im Traum

Immer wieder tritt der Einfluss des Altmeisters in Erscheinung, etwa als ein Musiker Bachs Kirchenlied „Komm, süßer Tod“ auf dem Theremin anstimmt (ähnlich prägnante Bach-Bezüge finden sich in Tarkowskis Filmen). Doch ehe wir zu lange in diesen süßlichen Reminiszenzen verweilen, zieht Bi schon das nächste Ass aus dem Ärmel: ein Schuss aus dem Nichts, ein Stich ins Ohr oder eine Kerze, die langsam dahinschmilzt.

Das Herzstück von „Resurrection“ bildet zweifelsohne der vorletzte Traum, der sich beinahe über das gesamte letzte Viertel des Films erstreckt. Der Fantasmer wacht als junger Halbstarker namens Apollo am letzten Abend des Jahres 1999 auf, wo ihm die scheinbar gleichgesinnte Tai Zhaomei (Li Gengxi) begegnet, deren wahres Wesen sich ihm erst im Laufe der Nacht offenbart.

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum diese fast 40-minütige Sequenz so aus dem Rest des Films hervorsticht. Etwa wegen des spektakulären Farbwechsels von Rot zu Blau, der sich fast genau zur Hälfte des Traums vollzieht, als Apollo ein Fenster eintritt und damit in eine fremde Welt eintaucht. Oder aber die hoffnungslose Liebe, die das Aufeinandertreffen von ihm und Tai entfacht. Was die Szene so prägnant macht, ist jedoch ein anderer Umstand. Denn die Reise durch die Nacht ins neue Jahrtausend kommt ohne einen einzigen Schnitt aus.

In Überlänge zum Cannes-Erfolg

Der Longtake ist zu einer Art Markenzeichen von Bi geworden. In jedem seiner drei bisherigen Spielfilme kommt eine ununterbrochene Szene vor, die sich über mehr als eine halbe Stunde erstreckt. Auch darüber hinaus gibt es viele Parallelen zwischen seinen Werken. Für gewöhnlich geht es um Protagonisten, die am Rande der Legalität operieren und mit Gangsterbossen aus dem Unterbauch der chinesischen Gesellschaft aneinandergeraten, die oft auch eine Vorliebe für Karaokesingen haben.

Es geht um Menschen auf der Suche: nach Verwandten, verflossenen Liebschaften oder manchmal auch einfach nur nach Hoffnung in einer diffusen Welt. Und es geht um das Unbewusste, das immer wieder rauschhaft nach oben sprießt.

Wie ein Kaleidoskop setzen sich diese geteilten Motive in seinen Werken neu zusammen und bringen dadurch immer wieder ungeahnte Nuancen hervor. „Jeder meiner Filme hat einen anderen Akzent, auch wenn die Filmsprache gleich bleibt“, so Bi Gan im Gespräch.

„Resurrection ist ein Film, der einen nicht bei der Hand nimmt, sondern einfach mit sich reißt. Man muss sich auf die lose zusammengenähten Gedankenteppiche einlassen, mit denen Bi den Kinosaal nach und nach auskleidet. Was genau sie offenbaren, bleibt oft vage, als wäre man selbst gerade aus einem Traum erwacht. Aber eines kann man sich bei seinem Kinobesuch gewiss sein: etwas ganz Großem beigewohnt zu haben. Im Wettbewerb von Cannes gewann er dafür 2025 den Sonderpreis der Jury.

Dem Fantasmer dabei zu beobachten, wie er durch Chinas Epochen stolpert, hat etwas Herzzerreißendes und Versöhnliches zugleich. Und vielleicht werden unsere Nachkommen in hundert Jahren sagen, dass Bi damit etwas gelungen ist, von dem er selbst bislang nur zu träumen wagen dürfte: ein Stück Filmgeschichte zu schreiben.

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