piwik no script img

Schwangerschaftsabbruch in BremerhavenGuter Wille, aber kein Überblick

In Bremerhaven soll ein bedarfsgerechtes Angebot zur Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen entstehen. Aber die Daten fehlen – und die Möglichkeiten auch.

Schwangerschaftsabbruch in Bremerhaven: Seit Jahren ist die Versorgungssituation dort nach Aussage der Familienplanungsorganisation Pro Familia prekär, wobei erst seit 2020 öffentlich darüber gesprochen wird. Zeitweise hatte sogar ein Paar aus eigener Initiative einen Shuttle-Service eingerichtet, um Frauen mit dem Privatauto zum Eingriff die 65 Kilometer nach Bremen zu fahren. Dort gibt es deutlich mehr Möglichkeiten, eine Schwangerschaft abzubrechen. Betroffen sind auch Schwangere, die im niedersächsischen Umland Bremerhavens leben.

Wie es derzeit genau in Bremerhaven aussieht, ist unbekannt. Die Beratungsstelle von Pro Familia, die sich am besten mit der Situation auskennt, hat keine Zeit für ein Telefonat. Auf der offiziellen Liste der Bundesärztekammer gibt es gar keine Einträge für die 120.000-Einwohner:innen-Stadt, aber die Liste ist unvollständig. Viele Praxen lassen sich dort nicht eintragen aus Sorge vor Anfeindungen oder weil sie nur eigene Pa­ti­en­t:in­nen versorgen wollen oder können.

Auch das kommunale Krankenhaus steht nicht auf der Liste. In der Vergangenheit hatte dort ein niedergelassener Arzt an wenigen Tagen im Monat Schwangerschaftsabbrüche nach der Beratungsregelung, also vor der 14. Schwangerschaftswoche, durchgeführt. 20 waren es im Jahr 2024, das hatte eine Abfrage der Gesundheitssenatorin ergeben.

Insgesamt waren in dem Zeitraum im Land Bremen nach der offiziellen Statistik 2.350 Schwangerschaften abgebrochen worden. Eine Aufschlüsselung auf die beiden Gemeinden Bremen und Bremerhaven lässt die Gesetzeslage nicht zu.

Kein Anspruch auf Repräsentativität

Vergangene Woche versprach Bremens zentrale Gleichstellungsstelle (ZGF) eine „wissenschaftliche Studie“, die Aufschluss darüber geben soll, wie bedarfsgerecht die Versorgung ungewollt schwangerer Personen in Bremerhaven ist.

„Die Studie untersucht unter anderem die Erreichbarkeit von Versorgungsangeboten, die Terminverfügbarkeit, die Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Methoden des Schwangerschaftsabbruchs sowie strukturelle und organisatorische Rahmenbedingungen für Betroffene“, heißt es weiter in einer Pressemitteilung zum Thema.

Dazu würden Interviews mit Expertinnen und Experten geführt, zudem gebe es eine anonyme Online-Befragung von ungewollt schwangeren Personen. Allerdings erhebe die Studie keinen Anspruch auf Repräsentativität, räumt eine Sprecherin der ZGF auf Nachfrage ein. Und dass es sich um eine Masterarbeit von Studierenden des Studiengangs Gesundheitsökonomie und -management der Universität Bremen handle.

Der Fragebogen erhebt nicht, wann ein Schwangerschaftsabbruch stattgefunden hat, was die Aussagekraft zusätzlich erschwert. Dennoch erhofft sich die ZGF belastbare Hinweise darauf, „wie ungewollt Schwangere in Bremerhaven die Versorgung tatsächlich erleben“. Diese würde sie dann „in die Diskussion einbringen“.

Viel zu diskutieren gibt es allerdings nicht. Zwar hat sich Bremen 2023 mit den Stimmen von CDU und FDP als einziges Bundesland gesetzlich verpflichtet, für ein „bedarfsgerechtes Angebot zur Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen“ zu sorgen. Aber die Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen, sind sehr begrenzt.

Schwangerschaftsabbruch steht nach wie vor als Tötungsdelikt unter Strafe und ist keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen

Das liegt daran, dass Schwangerschaftsabbruch nach wie vor als Tötungsdelikte unter Strafe steht und keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen ist. Niedergelassene Ärz­t:in­nen sowie Krankenhäuser sind nicht verpflichtet, die Versorgung sicherzustellen. Im Gegenteil: Das Schwangerschaftskonfliktgesetz erlaubt sogar ausdrücklich die Weigerung, an einem Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken.

Daher hat sich die Bremer Gesundheitsbehörde bisher darauf beschränkt, Fortbildungen von Me­di­zi­ne­r:in­nen finanziell zu fördern. Nach Auskunft eines Sprechers hat die Gesundheitsbehörde einmalig im Jahr 2023 eine kostenlose Fortbildung zum medikamentösen Schwangerschaftsabbruch angeboten.

In Bremen wird diese Methode immer noch seltener als im Bundesdurchschnitt durchgeführt. 2025 wurden auf ganz Deutschland bezogen 49 Prozent aller Schwangerschaften medikamentös abgebrochen. In Bremen waren es 10 Prozentpunkte weniger.

Zudem hat die Gesundheitsbehörde nach Angaben ihres Sprechers eine Fortbildung zur kriminologischen Indikation finanziert. Diese kann durch einen Arzt oder eine Ärztin nach einer Vergewaltigung gestellt werden oder wenn die schwangere Person unter 14 Jahre alt ist. In diesen Fällen entfällt die Pflicht, sich beraten zu lassen. In Bremen wurde diese Indikation in den vergangenen beiden Jahren gar nicht gestellt, in den Jahren davor nur in wenigen Fällen. Das ist aber fast überall in Deutschland so.

Im September will die Bremer Gesundheitsbehörde den Bericht über die Versorgungslage im Jahr 2025 vorstellen.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare