Open Source Technologie im Ukrainekrieg: Mit neuer Technologie den Kriegsverbrechen auf der Spur
Der Einsatz von Open Source Intelligence (OSINT) ist in der Ukraine ein investigatives Instrument der Pressefreiheit. Straftäter können identifiziert werden.
„Glaubst du, wir können damit etwas anfangen?“, fragte mein Redakteur, nachdem wir einem abgehörten Telefonat gelauscht hatten, das der ukrainische Sicherheitsdienst veröffentlicht hatte. Es war eine dieser schlaflosen Nächte im Frühjahr 2022. Wir saßen in einem Keller und versteckten uns vor Granatenangriffen.
Auf der Aufnahme sagte eine Frauenstimme zu einem Mann: „Na los, vergewaltige ukrainische Frauen. Ich erlaube es. Benutz nur ein Kondom.“ Im März 2025 sagte ich vor Gericht aus. Wir hatten das Paar hinter diesem Telefonat identifizieren können. Die Frau eines russischen Soldaten wurde verurteilt. Wegen des internationalen Haftbefehls hat sich ihre Welt seitdem auf Russland beschränkt. Meine hatte sich erweitert – denn von einem Keller aus konnte ich per Laptop überall hinschauen, wo Satelliten, Telefondaten, soziale Medien und sogar schwache digitale Spuren funktionierten.
Haben Sie je ein Massengrab mit einem Lineal vermessen? Das Foto eines ermordeten Mädchens studiert, das Ihnen ähnelt? Oder versucht, diejenigen zu identifizieren, die Ihren Kollegen getötet haben? Unsere Redaktion wurde nach Ukraines „Revolution der Würde“ 2014 gegründet, um Korruption zu untersuchen – ein Grund der Proteste.
Der Text ist Teil der Sonderbeilage der taz panterstiftung zum Tag der Pressefreiheit, der am 2. Mai 2026 zusammen mit der wochentaz erscheint. Das Oberthema ist Technologie und Pressefreiheit. Die Publikation wird nur durch Spenden finanziert. Vielen Dank für Ihre Unterstützung! Alle Texte aus der Beilage erscheinen auch auf taz.de im Schwerpunkt Pressefreiheit.
Lange vor der großen Invasion nutzten wir schon Open Source Intelligence (OSINT). Die Social-Media-Beiträge der Kinder eines korrupten Beamten aufzuspüren und ihre Urlaubsfotos zu geolokalisieren, konnte unterhaltsam sein. Hunderte Bilder ermordeter Zivilisten zu geolokalisieren überhaupt nicht.
Doch mussten wir wissen, wer genau an der russischen Invasion beteiligt war – samt Namen und Gesicht. Was in den besetzten Gebieten geschah – im Detail. Wie gestohlenes ukrainisches Getreide transportiert wurde – nach Route. Und alles, während wir weiter unsere eigene Regierung zur Rechenschaft zogen.
Der Krieg in der Ukraine ist der am besten dokumentierte Krieg der Geschichte. Diese wird jetzt nicht mehr nur von den Siegern geschrieben. Da Journalisten die sich ständig weiterentwickelnden Werkzeuge beherrschen (die OSINT-Methoden schreiten in atemberaubenden Tempo voran), kann die Führung des Aggressorstaates die Darstellung der Ereignisse nicht mehr völlig steuern.
Die Fälle „Kursk“ und „Moskwa“
Im Jahr 2000 hatte Wladimir Putin noch milde gelächelt, als ihn Larry King von CNN auf den Untergang des U-Bootes „Kursk“ ansprach. Doch schließlich waren Russlands Behörden gezwungen, die Katastrophe und den Tod aller 118 Besatzungsmitglieder anzuerkennen, nachdem norwegische Taucher die Luke des Wracks geöffnet und bestätigt hatten, dass es keine Überlebenden gab.
Am 14. April 2022 versenkten ukrainische Neptun-Raketen den Kreuzer „Moskwa“, das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte. Das unterbrach Russlands Vorherrschaft im Schwarzen Meer. Moskau leugnete den Vorfall zunächst, dann folgten Behauptungen über eine „vollständige Evakuierung“ der Besatzung. Innerhalb eines Tages bewiesen wir, dass Wehrpflichtige – deren Kriegsteilnahme der Kreml bestritten hatte – auf dem Schiff ums Leben gekommen waren. Keine Insiderinfos. Keine Taucher. Nur Open-Source-Recherche. Schließlich musste Moskau einen Teil der Wahrheit zugeben. Technologie wurde zu einer Säule der Pressefreiheit.
Doch OSINT kann nicht für sich allein stehen. Es muss mit traditioneller Berichterstattung kombiniert werden, mit Dokumenten, menschlichen Quellen, strenger Überprüfung. Offene Daten liefern einen Anhaltspunkt, Journalismus verwandelt sie in Beweismaterial. Man kann endlos Fotos von russischen Feiern durchforsten und versuchen, den Soldaten zu entdecken, der Zivilisten verschleppte. Aber nur ein Überlebender kann ihn identifizieren, nur ein echtes Dokument seinen Dienst nachweisen.
Die Geschichte des ermordeten Mädchens, das mir ähnelte, recherchierten wir nie. Ihre Angehörigen flehten uns an, nicht weiter daran zu arbeiten, sie fürchteten, die Leiche würde exhumiert. Ich sagte, die Welt müsse doch wissen, was während der Besetzung von Izium geschah. Sie sagten, ihre Seele verdiene Frieden. Ich zog mich zurück. Denn es geht nicht nur darum, was man aufdecken kann, sondern wie verantwortungsbewusst man diese Erkenntnisse nutzt.
Valeriya Yegoshyna ist Investigativjournalistin bei Schemes, dem ukrainischen Dienst von RFE/RL, in Kyjiw.
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