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Sündenbock im DFB-TeamSchuld ist immer Sané

Leroy Sané steht nach den ersten beiden Gruppenspielen mal wieder in der Kritik. Wer denn auch sonst? Rational ist die Debatte eh nicht zu erklären.

„Die schlechteste Frage von allen“, findet Jamie Leweling. Gerade wurde der deutsche Flügelspieler auf der Pressekonferenz vor dem letzten Gruppenspiel gegen Ecuador von einem Reporter darauf angesprochen, wie er denn Leroy Sané sehe. Per se ist die Frage keineswegs schlecht.

Angesichts der Tatsache, dass Sané in den ersten beiden Gruppenspielen nicht gerade mit starken Leistungen überzeugen konnte, ist sie sogar durchaus berechtigt. Aber was soll der direkte Konkurrent im Kader schon dazu sagen? Soll er sich selbst ins Spiel bringen? Man hat fast das Gefühl, die Sehnsucht danach ist rießengroß. Sané-Kritik scheint mittlerweile ein Volkssport zu sein.

Schon seit der Nominierung, ja seit Sané den FC Bayern im vergangenen Jahr Richtung Galatasaray Istanbul verließ, diskutiert das Land über ihn mit besonderer Vehemenz. Mit dem Wechsel in die schwächere türkische Liga, so hieß es, verbaue sich der 30-Jährige die Tür zur Nationalmannschaft. „Das Geld vor die Weltmeisterschaft gestellt“, lautete der Vorwurf, noch bevor Sané je für Galatasaray auflief.

Seine erste Saison in Istanbul verlief dann obendrein enttäuschend – Sané zählte nicht zum Stammpersonal, erzielte nur sieben Tore in 43 Spielen. Das lieferte den Kritikern weiteres Futter. Sie behaupten, Sané sei nicht mehr gut genug für die Nationalelf und erst recht kein Kandidat für die Weltmeisterschaft.

Aufgefrischte schlechte Erinnerungen

Dass Sané mit zwei Toren und einer Vorlage im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen die Slowakei im November maßgeblich zur deutschen WM-Teilnahme beitrug, ist in der öffentlichen Wahrnehmung schon wieder in Vergessenheit geraten. Immer wieder aufgefrischt werden dagegen die Erinnerungen an seine schlechten Auftritte. Im letzten Testspiel vor der Nominierung pfiff das Stuttgarter Publikum Sané bei seiner Einwechslung aus. Als Bundestrainer Nagelsmann im Mai den WM-Kader inklusive Sané bekanntgab, war der Aufschrei groß. Selbst die viel diskutierte Torwartfrage rückte die Personalie Sané nicht aus dem Fokus.

Nagelsmann erklärte, er traue sich zu, „den Spieler so zu kitzeln, dass am Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen über ihn fallen als negative“. Wie schwer das werden würde, zeigte schon das letzte Testspiel gegen die USA. Sané rückte für den verletzten Lennard Karl in die Startelf, tat sich wie die gesamte deutsche Mannschaft schwer, erzielte das 2:1 – und kassierte dennoch Kritik.

Nun sind zwei Gruppenspiele vorbei, doch Sané nimmt weiter eine herausgehobene Stellung bei den Beobachtern der Nationalmannschaft ein – wie die Frage auf der Pressekonferenz zeigt. Selbst beim 7:1-Auftaktsieg gegen Curaçao, an dem es eigentlich nichts herumzumäkeln gab, hatte mancher dann doch an Sané etwas auszusetzen. Auch nach dem schwächeren zweiten Spiel gegen Elfenbeinküste wurde sein Name bei der Generalkritik am häufigsten genannt.

Diese Fixierung auf Leroy Sané als Störfaktor des deutschen Spiels ist schon bemerkenswert

Kapitän Joshua Kimmich, der mit Sané auf der rechten Seite spielte, und der Bundestrainer stellten sich demonstrativ hinter den 30-Jährigen. Sie lobten seine Laufbereitschaft und Defensivarbeit. Ex-DFB-Kapitän Ilkay Gündoğan, der mit Sané schon bei Manchester City spielte und jetzt bei Galatasaray Istanbul unter Vertrag steht, schrieb in seiner Spiegel-Kolumne: „Oft hat Leroy das Gefühl, dass die Leute nur darauf warten, dass er etwas falsch macht.“ Diese Erwartungshaltung könne einen kreativen Spieler lähmen. „Wenn ständig die Angst mitspielt, dass nach dem ersten Fehler sofort wieder Kritik aufkommt: Wie soll Leroy da dauerhaft funktionieren?“

Ist die Frage an Leweling, der kein schlechtes Wort über seinen Teamkollegen verlor, also unberechtigt? Nein. Es wäre falsch zu behaupten, Sané habe sich eine weitere Startelfnominierung unbedingt verdient. Doch es wirkt seltsam, wenn nur über den Einsatz von Sané diskutiert wird.

Einen Tag zuvor stellte sich Nadiem Amiri den Fragen der Journalisten. Der Mainzer hatte mit seiner starken Vorlage zum 1:1 auf sich aufmerksam gemacht. Trotzdem wollte niemand von ihm wissen, wie er den nach seiner Verletzung noch nicht wieder in Topform befindlichen Jamal Musiala einschätzt – obwohl Musiala sein direkter Konkurrent auf der Zehnerposition ist. Diese Fixierung auf Leroy Sané als Störfaktor des deutschen Spiels ist schon bemerkenswert.

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