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Schützin über Rollenbilder im Verein„Uniformen, Marschieren und Waffen wirken auf viele abschreckend“

Bente Gudehus ist im Vorstand ihres Schützenvereins im Landkreis Celle. Die Strukturen seien hierarchisch, doch sie schätzt die Gemeinschaft.

Interview von

Finja Schmidt

taz: Frau Gudehus, Schützenverein klingt für viele nach Uniform, Hierarchie und alten Rollenbildern – ist das bei Ihrem Verein auch so?

Bente Gudehus: Ein Stück weit stimmt das schon. Die Uniform und auch das Marschieren gehören einfach dazu, das ist ein zentraler Teil der Tradition. Und auch Hierarchien sind bei uns definitiv spürbar, gerade in Versammlungen oder wenn es um Entscheidungen im Vorstand geht. Bei den Rollenbildern ist es ein bisschen ambivalenter. Es gibt noch klassische Strukturen, zum Beispiel dass lange bestimmte Dinge Männern vorbehalten waren. Gleichzeitig hat sich da aber auch schon einiges verändert, zum Beispiel dass Frauen heute selbstverständlich im Vorstand sind.

taz: Sie zum Beispiel, Sie sind im Vorstand Ihres Schützenvereins. Was macht man denn so als Schützin?

Gudehus: Primär schießen. Bei uns tut man das noch auf Papierscheiben, aber bald werden wir, wie in anderen Vereinen, eine elektronische Anlage haben. Dafür trifft sich die Damengruppe jeden Dienstag. Das ist allerdings kein klassisches Training mit Trainer, sondern eher ein Schießen unter Beobachtung. Es muss immer jemand mit entsprechender Fortbildung da sein, der uns beaufsichtigt.

taz: Worauf muss diese Person besonders achten?

Gudehus: Grundlegend wird auf den verantwortungs- und respektvollen Umgang mit den Waffen geachtet. Zum Beispiel, dass die Waffe in senkrechter Haltung von der Waffenkammer in den Schießstand gebracht wird. Die Waffe darf niemals auf einen Menschen gerichtet werden. Bei Vergehen würde die Person des Stands verwiesen werden.

taz: Und mit welchen Waffen schießen Sie?

Gudehus: Die Frauen schießen für gewöhnlich mit Luftgewehren auf eine Distanz von 10 Metern. Die Waffe ist eher leicht und auch ab 12 Jahren im Verein frei erlaubt. Das schießen wir meistens im Stehen, kann aber auch im Sitzen gemacht werden. Und dann gibt es noch das Kleinkaliber, KK. Das ist für längere Distanzen von 50 bis 100 Metern geeignet und erfordert etwas mehr Präzision. Dafür könnte man stehen, sitzen oder auch liegen.

taz: Und womit schießen die Männer?

Gudehus: Die schießen meist mit der Luftpistole oder mit KK. Ich denke, das kommt daher, dass die KK-Gewehre schwerer und lauter sind als Luftgewehre und die meisten Damen dementsprechend lieber mit dem Luftgewehr schießen. Es wird mit jedem Gewehr, unabhängig von der Klasse, auf Pappscheiben geschossen. In der Mitte ist ein schwarzer Kreis, der möglichst zu treffen ist, das ist die 10, also der „Volltreffer“. Jedes Jahr kommen alle eine Woche vor dem Schützenfest im Vereinsheim zusammen, wo Anwärter auf die Königswürde auf die entscheidenden Scheiben schießen.

taz: Das ist das Fest mit Autoscooter für alle, oder?

Gudehus: Genau. Das Schützenfest feiert zwar die Schützen, die in diesem Jahr die Besten beim Schießen waren, aber das Dorf ist dazu eingeladen. Am Freitagabend gibt es ein gemeinsames Abendessen und danach ist die Proklamation der Besten. Damit wird das Wochenende eröffnet. Im Festzelt auf dem Schützenplatz ist an beiden Abenden Party und sonntags ist Kindertag. Da organisieren wir tagsüber verschiedene Stationen und die Kinder können sich selbst mal am Lichtpunkt schießen probieren. Dabei „schießt“ man, anstatt mit echter Munition, mit einem Lichtstrahl.

taz: Und das laute Feiern und Schießen stört niemanden im Dorf?

Gudehus: Nein, das Vereinsheim mit angrenzendem Schützenplatz befindet sich im hinteren Teil des Dorfes. Weit weg von den Häusern.

taz: Und was ist mit den Schützenkönigen?

Gudehus: Wir haben die Tradition, dass wir Schützen zu den Majestäten marschieren, um denen die Ehre zu erweisen. Jede Majestät, nicht jede, aber die wichtigsten, sage ich mal, bekommt eine Scheibe, die dann ans Haus gehangen wird. Das ist eine extra angefertigte Holzscheibe, auf der das Jahr und der Titel steht.

taz: Wer sind die wichtigsten Majestäten?

Gudehus: Zum einen der Hauptkönig, der die größte Scheibe bekommt. Er ist der König des Vereins für ein ganzes Jahr. Da dürfen nur Männer mitmachen. Dann bekommt der Ehrenkönig eine Scheibe, denn er ist der König, der zuvor schon mal Hauptkönig gewesen ist. Quasi der König aller Könige. Es gab früher einen Jugendkönig, da durften nur die Jungs darauf schießen und es gab eine Mädchenbeste. Der Jugendkönig hat eine Scheibe bekommen, die Mädchenbeste aber nicht. Das hat sich vor allem durch die Beteiligung verändert, sodass die Mädchen jetzt auch mit auf die Jugendkönig-Scheibe schießen. Und dann gibt es die Damenbeste.

taz: Nicht die „Hauptkönigin“?

Gudehus: In anderen Vereinen gibt es eine Hauptkönigin, was deutlich ebenbürtiger wirkt. Bei uns tatsächlich nicht. Das könnte mit der unterschiedlichen Gewehrklasse zu tun haben. Die Damenbeste bekommt auch erst seit zwei Jahren eine Scheibe. Ich selbst war die Erste, die eine Scheibe an die Hauswand bekommen hat. Dafür wurde von der Damengruppe ein Antrag gestellt.

Im Interview: Bente Godehus

Die Frau

Bente Gudehus, geboren 2003 in Celle, ist dort aufgewachsen und lebt bis heute auf dem elterlichen Hof. Für ihr Studium zog sie nach Höxter, wo sie derzeit den Bachelorstudiengang Umweltingenieurswesen absolviert. Neben dem Reiten spielt auch der Schützenverein eine wichtige Rolle in ihrem Leben: Seit ihrer Kindheit ist sie dort aktiv und wurde 2022 in den Vorstand gewählt – als eine der wenigen jungen Frauen im Verein.

Die Zahlen

Mehr als 1,3 Millionen Menschen sind in den Vereinen des Deutschen Schützenbundes organisiert. Die Mitgliederzahl wächst seit dem Ende der Pandemie wieder, die Entwicklung ist allerdings regional unterschiedlich. Die Vereine sind in Landesverbänden organisiert, der mit Abstand größte ist der Bayerische Sportschützenbund mit über 470.000 Mitgliedern. Auch in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ist das Schützenwesen stark präsent, weniger dagegen im Osten Deutschlands: In der DDR waren die traditionellen Schützenvereine verboten.

Die Tradition

Entstanden sind die Schützenvereine aus den mittelalterlichen Bürgerwehren, daher kommt auch die Tradition der Trachten, die von Verein zu Verein verschieden sind. Höhepunkt im Vereinsleben ist das Schützenfest, bei dem der Schützenkönig und/oder die Schützenkönigin gefeiert werden. Seit 2015 sind die Schützenvereine von der Deutschen Unesco-Kommission als „immaterielles Kulturerbe“ anerkannt.

Die Frauenfrage

Immer wieder ins Gerede kommen Schützenvereine wegen sexuellen Übergriffen gegen Frauen. So wurden erst dieses Jahr zwei Schützen in Hannover zu einer Geldstraße verurteilt, weil sie beim jährlichen Umzug durch die Stadt eine Polizistin belästigt hatten: Sie hatten sie gegen ihren Willen mit den Worten „Alter Brauch, gute Sitten“ auf die Wange geküsst.

Während in Hannover seit wenigen Jahren Schützi*innen aller Geschlechter „Bruchmeister*in“ werden können – ein Ehrenamt, das bis dahin Männern vorbehalten war – gibt es an anderen Orten Vereine, bei denen immer noch keine Frauen mitschießen dürfen. So lehnte die Schützengilde in Wildeshausen bei Bremen sogar einen Antrag ab, Mädchen beim Kinderschützenfest mitmachen zu lassen.

taz: Jetzt bekommen also alle eine Hauswanddekoration.

Gudehus: Fast. Die ganz Kleinen heißen bei uns Gespenster- oder Schülerkönig – die bekommen noch keine Scheibe an die Hauswand. Auch der Seniorenkönig bekommt keine Scheibe. Zudem bekommen die Majestäten unterschiedlich viel Geld, denn der Hauptkönig bekommt auf jeden Fall am meisten. Das hängt weniger mit dem Geschlecht als mit der Bedeutung des Titels zusammen und ist eher eine Aufwandsentschädigung. Vom Hauptkönig wird erwartet, das ganze Jahr bei Veranstaltungen präsent zu sein und Getränke auszugeben. Die Damenbeste ist eigentlich ebenso wichtig, da sie die beste Schützin ist und entsprechend ähnlichen Erwartungen gestellt sein sollte, aber sie bekommt weniger Geld.

taz: Wie regelmäßig gehen Sie noch zum Schießen?

Gudehus: Ich bin nicht mehr wöchentlich da. Früher waren wir eine starke Jugendgruppe, aber ich bin mittlerweile fast die Einzige, die sich aktiv beteiligt und auch im Vorstand des Schützenvereins ist.

taz: Und was ist Ihre Rolle als Vorstandsmitglied?

Gudehus: Ich bin Teil des Festausschusses und arbeite an den Veranstaltungen mit, also primär Osterfeuer, Laternenumzug und natürlich das Schützenfest, das Highlight des Jahres.

taz: Und können Sie viel bewegen?

Gudehus: Im Ausschuss können wir viel entscheiden, aber Versammlungen wie die Jahreshauptversammlung sind stark hierarchisch. Der Altersdurchschnitt ist hoch, die Meinungen ähneln sich oft. Einmal wurde ich statt mit meinem Namen als „junges Fräulein“ angesprochen und das vermittelt mir schon das Gefühl, nicht voll ernst genommen zu werden.

taz: Stellt das ein Problem für den Rest des Vereines dar?

Gudehus: Ja. Der Verein braucht frischen Wind und junge Leute, besonders mit Blick auf die Zukunft. Ein Umdenken wäre nötig, aber Neues auszuprobieren, ist riskant, weil Verantwortliche dafür geradestehen müssen, falls es scheitert. Die Hemmschwelle ist also hoch.

taz: An was haben Sie da gedacht?

Gudehus: Wir haben mal daran gedacht eine Mottoparty zu organisieren – mehr zu bieten für alle, die Lust auf Feiern und Tanzen haben. Dafür hätten wir Eintritt verlangt und mit dem Umsatz dann das Schützenfest mitfinanzieren können. Das wäre aber mit einer großen finanziellen Vorbelastung verbunden und das Risiko wollte keiner eingehen. Zuvor organisierte Events, wie zum Beispiel ein Familiennachmittag, sind vom Ort nicht wirklich angenommen worden.

taz: Wie schauen Sie auf problematische Entwicklungen wie Frauenverbote oder rechte Parolen?

Gudehus: Für mich ist das weniger ein spezifisches Vereinsproblem als ein gesellschaftliches, besonders in eher dörflichen Strukturen. Solche Haltungen entstehen überall dort, wo Menschen mit ähnlichen Ansichten zusammenkommen, ob im Verein oder privat. Natürlich ist rechtsradikales Gedankengut klar abzulehnen. Problematisch ist aber, dass einzelne Vorfälle im öffentlichen Raum schnell auf ganze Vereine zurückfallen, weil Personen als Teil dieser Gemeinschaft wahrgenommen werden.

taz: Kann ein Vereinsumfeld solche Meinungen verstärken?

Gudehus: Ja, insofern als Vereine Räume schaffen, in denen sich Menschen regelmäßig austauschen. Dadurch können sich extreme Ansichten gegenseitig bestärken. Gleichzeitig wird vieles zu schnell mit „Tradition“ gerechtfertigt. Tradition ist aber nicht nur schlecht, entscheidend ist, sie mit modernen Werten zu verbinden.

taz: Wie stehen Sie zu rein männlichen Schützenvereinen?

Gudehus: Für mich widerspricht das dem eigentlichen Gedanken eines Schützenvereins. Ein Verein sollte offen für alle sein, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung. Sonst wäre „Männerverein“ die ehrlichere Bezeichnung.

taz: Manche Schützenvereine haben Nachwuchsprobleme. Haben Sie eine Idee, warum?

Gudehus: Die Außenwirkung spielt eine große Rolle, denke ich. Uniformen, Marschieren und Waffen wirken auf viele abschreckend und werden schnell mit militärischen Strukturen oder fragwürdigen Weltbildern verbunden. Gleichzeitig gibt es heute viel mehr alternative Freizeitangebote. Früher sind wir mit dem Zug extra an der Grundschule vorbeigegangen und haben Kinder eingesammelt. Die sind mitmarschiert, einfach weil sie es cool fanden, Teil von etwas zu sein. Heute stehen da keine Kinder mehr, die abgeholt werden wollen.

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taz: Droht den Schützenvereinen das Aus?

Gudehus: Die Gefahr ist sehr groß, dass wir einfach viel interner feiern und es keine Veranstaltung mehr für den Ort, sondern nur noch für uns ist, weil das Interesse von außen abschwächt. Viele Vereine werden in Zukunft Probleme bekommen, neue Mitglieder zu gewinnen. Wobei man da regional unterscheiden muss. Wir sind stadtnah und haben mehr konkurrierende Angebote. In dörflicheren Regionen ist die Beteiligung an den Vereinen viel höher, die Gemeinschaft im Verein hat einen höheren Stellenwert.

taz: Würden Sie heute noch in den Verein eintreten?

Gudehus: Wahrscheinlich nicht. Ich bin mit den Traditionen aufgewachsen, für mich war das selbstverständlich und ich schätze bis heute das Gemeinschaftsgefühl, diese „Vereinsfamilie“. Aber ohne diese persönliche Bindung und bei sinkender Aktivität meiner Altersgruppe würde mir der Anreiz fehlen.

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