Schriftstellerinnen über das Schreiben: Jenseits der Schubladen

In dem von Ilka Piepgras herausgegebenen Band „Schreibtisch mit Aussicht“ denken 24 hochkarätige Autorinnen über das Schreiben nach.

Die Schriftstellerin Siri Huvstedt an ihrem Schreibtisch in Brooklyn NY. Vor ihr eine volle Bücherwand

Siri Huvstedt an ihrem Schreibtisch in New York Foto: Annabel Clark/Redux/laif

Ob sie schon Arbeit gefunden habe, fragte eine Mutter die Schriftstellerin Anne Tyler, während beide Frauen auf dem Pausenhof auf ihre Kinder warteten, oder ob sie immer noch nur schreibe.

Aus dieser Frage ging ein Essay hervor: „Ich schreibe nur“ (im Original: still just writing) von Anne Tyler. Er war der Impulsgeber für die Journalistin Ilka Piepgras, die Situation schreibender Schriftstellerinnen zu erhellen, und bildet nun auch das Herzstück der Anthologie „Schreibtisch mit Aussicht“.

24 europäische und amerikanische Schriftstellerinnen reflektieren in dem von Ilka Piepgras herausgegebenen Band auf sehr persönliche Weise über das, was ihren Schreiballtag ausmacht, und die Bedingungen, unter denen sie ihrer Arbeit nachgehen. Sie schreiben über Inspirationsfindung, unmögliche Identitäten und literarische Vorbilder.

Männer kommen in dieser Anthologie nicht zu Wort. Das ist programmatisch so gewollt. Männliche Schriftsteller arbeiten unter privilegierten Umständen. Niemand würde ihnen die obige Frage stellen oder ermitteln, wie sie Beruf und Vatersein vereinbarten.

Ilka Piepgras (Hg.): „Schreibtisch mit Aussicht“. Kein & Aber, Zürich 2020. 288 Seiten, 23 Euro

Sowohl als Rezensentinnen als auch als Gegenstand von Rezensionen sind Frauen dagegen in Kunst und Literatur nach wie vor stark unterrepräsentiert. Männer, lautet das gängige Klischee, produzierten Weltliteratur, wohingegen Frauen Selbstbeschau betrieben und allenfalls sogenannte Bekenntnisliteratur lieferten. Literarische Frauenfiguren, die in die Geschichte eingegangen sind, man denke an Madame Bovary, Anna Karenina oder Effi Briest, entsprangen männlichen Federn.

Das hat natürlich Spuren hinterlassen. Die Frau, notiert die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in „Schreibtisch mit Aussicht“, habe kein Werk: „Mir fehlt in der Debatte um weibliche Kunst und Weiblichkeit im Öffentlichen immer ein einziges Wort: Verachtung.“

Werkstattberichte von Frauen sind tatsächlich rar. Mit umso größerem Interesse liest man deshalb, wie etwa Joan Didion George Orwells Essay „Why i write“ für sich beantwortet und über „die aufregendsten Stunden ihres Lebens“ berichtet, die sie damit zubringe, „Worte auf Papier rumzuschieben“. Die Schriftstellerin Sibylle Berg rechnet nach, dass sie ungefähr zehn Jahre gebraucht hat, „um das Schreiben zu lernen“.

Zadie Smith denkt nach über das „Ich, das ich nicht bin“, die amerikanische Autorin Siri Hustvedt wirft die Frage auf, ob ein Text männlich oder weiblich sein kann und was ihn zu dem einen oder dem anderen mache, und die französische Autorin Leila Slimani hält es für völlig normal, sowohl gute als auch schlechte Bücher zu schreiben: Ich setze mich dann einfach an den Computer und arbeite weiter.“

Die Schriftstellerin Eva Menasse erinnert sich an eine Aussage von Joyce Carol Oates: „Die Leute glauben, ich schreibe den ganzen Tag. Dabei schreibe ich den ganzen Tag nur um.“ Die österreichische Schriftstellerin habe sich diesen Lehrsatz zu eigen gemacht: „Es macht mir unendlich große Freude, umzuschreiben. Rumzuprobieren. Die Satzstellung zu ändern. Da gibt es im Deutschen so viele Möglichkeiten. Es gibt so viele Möglichkeiten dafür, im Deutschen. Im Deutschen gibt es so viele Möglichkeiten dafür. Welche ist die beste?“

Die Autorin Kathryn Chetkovich schließt mit einem kühnen Akt der Selbst­ermächtigung

Interessant auch die Schriftstellerin Kathryn Chetkovich, Lebensgefährtin des amerikanischen Autors Jonathan Franzen. Sie schreibt in ihrem erstmals in deutscher Übersetzung vorliegenden Essay „Neid“ auf fesselnde Weise über das Gefühl, mit einem Schriftsteller zusammen zu sein, der bei Weitem erfolgreicher ist als man selbst.

„Ich mache die Arbeit, die ich mir ausgesucht habe“

Glaubwürdig und selbstkritisch nimmt die Autorin Geltungsbedürfnis, Vergleichsprozesse und Geschlechtergefälle unter die Lupe. Sie schließt ihre Geschichte mit einem kühnen Akt der Selbstermächtigung, sich selbst eine Erlaubnis zu geben, die, so die Autorin, immer noch vielen Frauen fehle: „In dieser Geschichte mache ich nicht die Arbeit, für die ich geboren wurde, und vielleicht nicht einmal die Arbeit, die ich am besten kann, sondern die Arbeit, die ich mir ausgesucht habe.“

Auch die Selbstzensur, der Schriftstellerinnen häufig stärker als ihre männlichen Kollegen unterliegen, kommt zur Sprache. So reflektiert Antonia Baum die eigene Angst, Nabelschau zu betreiben und dafür in die Schublade „weibliches Schreiben“ gesteckt zu werden, aber auch, wie die Geburt ihres Kindes ihren Alltag und ihr Zeitmanagement verändert hat. Denn, formuliert Antonia Baum, solange es genderspezifische Ungerechtigkeiten gebe, werde eine schreibende Frau auch häufig einen Text „in diesem genderspezifischen Blick“ schreiben.

„Schreibtisch mit Aussicht – Schriftstellerinnen über ihr Schreiben“ schließt mit einer Korrespondenz zwischen der kanadischen Schriftstellerin Sheila Heti und Elena Ferrante, Autorin der neapolitanischen Saga „Meine geniale Freundin“, und stellt Fragen zu Kinderlosigkeit, eingeimpften Schuldgefühlen und dem Vorwurf des Narzissmus, den sich viele zeitgenössische Schriftstellerinnen gefallen lassen müssen.

„Die Frau, die sich selbst überwacht“, antwortet Ferrante, „ohne sich überwachen zu lassen, ist die große Errungenschaft unserer Tage.“

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