SPD schließt Thilo Sarrazin aus

Zu spät

Die SPD hat Sarrazin ausgeschlossen – zehn Jahre nach seinen rassistischen Thesen. Sie hat zu lange gewartet.

Sarrazin im Gericht vor Mikrofonen

So sieht er sich am liebsten, im Fokus der Aufmerksamkeit: Thilo Sarrazin Foto: dpa

Das Ausschlussverfahren der SPD gegen Thilo Sarrazin zeigt beispielhaft, welche Flurschäden der Wankelmut einer Führung anrichten kann. Vor neun Jahren begnügte sich die damalige SPD-Spitze mit einer wachsweichen Erklärung von Sarrazin und bliesen das Ausschlussverfahren ab. Vielleicht fürchteten sie das langwierige Prozedere, das Sarrazin immer wieder neue Aufmerksamkeit bescheren würde, vielleicht, dass der Rauswurf SPD-Rechte vertreiben würde, vielleicht beides. Die Entscheidung zu vertagen war jedenfalls fatal.

Sarrazin war schon vor zehn Jahren niemand, der Migration einfach nur skeptischer sah als Linksliberale. Er war ein Salonrassist. Und man musste kein Hellseher sein, um zu sehen, dass der zum Egomanischen neigende Bestseller-Autor auf einem Radikalisierungstrip war.

Nur wenige Genossen begriffen damals die Tragweite dieser Schummelei. Sergej Lagondinsky, Jude mit russischen Wurzeln, trat damals aus der SPD aus, weil er den Angstschweiß der SPD-Oberen vor den Stammtischen roch. Lagodinsky ist nun Europaabgeordneter der Grünen – und das kann man als Metapher verstehen. Denn den Autor von „Deutschland schafft sich ab“ in der SPD zu dulden, war nicht nur moralisch fragwürdig. Es war auch politisch ein schlechtes Geschäft. Reaktionäre und Islamfeinde an die SPD zu binden, ist missglückt. Dafür ist die Sozialdemokratie für MigrantInnen, für die sie mal die erste Adresse war, unattraktiv geworden. Diese Rolle haben die Grünen übernommen: ein Ergebnis der Halbherzigkeiten der Genossen.

Es stimmt: Die SPD darf nicht grüner sein als die Grünen. Als Volkspartei muss sie bei Migration anders ticken als die Ökoliberalen, die eine recht homogene Partei der oberen Mittelschicht sind. In der SPD muss Platz für Figuren sein, die die Schattenseiten der Migration in den Problemvierteln zur Sprache bringen – auch mal drastisch. Aber gerade deshalb muss die SPD einen scharfen, klaren Schnitt setzen zwischen legitimer Migrationskritik und Sarrazins krudem Biologismus und völkischen Klischees. Diese Linie hat die SPD jetzt markiert. Spät, zu spät.

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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