piwik no script img

S-Bahn-VerkehrCola und Radieschen

Im Frühling haben Tinder und Co ausgedient. Die Öffentlichen werden wieder zum Dating-Portal.

Ab jetzt wird wieder im Real Life kennengelernt Illustration: Donata Kindesperk/taz

G estern quetsche ich mich noch als Letzte in die sehr volle S-Bahn. Zwei Züge sind ausgefallen und die Leute drängen sich eng an eng. Ein großer Typ mit Bart und kariertem Hemd steht mit seinen Einkäufen direkt an der Tür und stellt seinen Träger Cola ab.

Eine Frau an der Scheibe mit lustigen Augen sieht auf seine Cola runter, dann zu ihm hoch und sagt: „Ach gut, dass Sie Cola dabeihaben, falls wir liegen bleiben, verdursten wir nicht.“ Der Typ sieht sie irritiert an, lächelt so halb, blickt dann aber wieder aus dem Fenster. „Ich hab ein Bund Radieschen dabei.“ Sie sieht ihn frohlockend an. „Verhungern tun wir also auch nicht. Daraus könnte doch was werden, oder?“ Ich grinse breit und denke, die baggert den ja voll an.

Man merkt echt grad, dass es Frühling ist. Oder die Öffentlichen werden mittlerweile wieder zum Dating-Portal. So wie früher. Neulich wurde direkt vor mir ein Mädchen von einem Jungen mit den Worten angesprochen: „Hi, du bist wirklich hübsch.“

„Oh Danke“, sagte sie. Ihre Augen strahlten. „Ich habe aber einen Freund.“

„Kann ich dir trotzdem auf Insta folgen?“Er reichte ihr sein Handy und sie tippte ihren Namen ein. Er lächelte: „Danke. Man sieht sich dann.“Als er weg war, wechselten sie und ich einen Blick. Sie wurde leicht rot im Gesicht und sagte: „Das ist mir ja noch nie passiert in den Öffentlichen.“ „Cola und Radieschen. Wir sind alle gerettet“, kommentiert jetzt eine Frau mit Fahrrad.Dreht der Typ sich um und sagt:„Aber nur solang wir uns ihre Radieschen nicht von unten angucken.“„Nee, so war das bestimmt nicht gemeint“, sagt die Frau. „Ging auch nur um ihn und mich.“Die Umstehenden lachen. Bis an der nächsten Station wieder die Türen aufgehen, sich alle konzentriert umsortieren und wieder ihre neutralen Gesichter aufsetzen.

Nur noch 440 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 440 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Isobel Markus
Autorin
Isobel Markus ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie schreibt für die Berliner Szenen und weitere Rubriken der taz. Ihre Kurzgeschichten wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht und ins Arabische übersetzt. Bisher erschienen von ihr: Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2021), Der Satz (2022) und Neues aus der Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2023), alle im Quintus Verlag. Dating-Roman ist ihr zweiter Roman und erschien im Juni 2024 bei mikrotext. In der Lettrétage veranstaltet sie die senatsgeförderte Veranstaltungsreihe Berliner Salonage. Sie bietet dort Künstler*innen verschiedener Genres eine thematische Bühne und regt zum Austausch mit dem Publikum an. https://isobelmarkus.de/salons https://www.quintus-verlag.de/Stadt-der-ausgefallenen-Leuchtbuchstaben/978-3-96982-010-0 https://mikrotext.de/book/isobel-markus-dating-roman/
Mehr zum Thema

0 Kommentare