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Russland und Belarus im WeltsportMit Fahnen und Hymnen – gerne nach Olympia

Beim Para-Langlauf-Weltcup im bayerischen Finsterau treten wieder Teams aus Russland und Belarus an. Grund ist ein Sportgerichtsurteil.

Gern gesehene Bilder: Wladimir Putin bei einem Videogespräch mit russischen Para-Wintersportlern 2022 Foto: imago/SNA

Es sollte ein Fest des Para-Skilanglaufs im Bayerischen Wald werden, doch die Stimmung beim Weltcup in Finsterau ist am Boden. Der Grund: Fast vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine dürfen erstmals wieder 17 Sportlerinnen aus Russland und 9 aus Belarus bei einem sportlichen Großereignis für Menschen mit Behinderung in Deutschland antreten. Den Weg dafür freigemacht hatte ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs CAS. Zuvor hatte die Generalversammlung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) im September überraschend die Suspendierung beider Länder aufgehoben.

„Eine unheilvolle Mischung zwischen CAS und IPC hat für diese schlimme Situation gesorgt. Die ukrainischen Athleten laufen hier rum wie geprügelte Hunde“, sagt Bundestrainer Ralf Rombach. Damit die Ukrainer wegen des Starts des Kriegsfeindes nicht abreisen, werden die Flaggen der teilnehmenden Nationen nach einer Entscheidung der Organisatoren nicht gezeigt. Ein Gesetz in der Heimat verbietet nämlich ukrainischen Sportlern die Teilnahme an Events, wenn gleichzeitig Russen unter ihrer Landesflagge antreten. Trotzdem ist die Situation in Finsterau eine Farce, schließlich laufen die Sportlerinnen in ihren offiziellen Rennanzügen mit Emblem.

„Ich finde es nicht richtig, dass sie starten dürfen. Der Krieg läuft weiter, es hat sich nichts geändert. Es ist menschlich und sportlich falsch, und ich und kann mir gar nicht vorstellen, wie sich das für die Ukrainer anfühlt“, kritisiert die Paralympics-Siegerin Anja Wicker. Die Kontakte zu den Athleten aus Russland und Belarus, von denen man viele von der Zeit vor dem Krieg noch kennt, werden in Finsterau auf ein Mindestmaß reduziert. „Man sagt Hallo, Smalltalk gibt es eher nicht“, berichtet Rombach. Der Bundestrainer wundert sich ein wenig, warum die Sportler aus den beiden bisher verbannten Nationen überhaupt pünktlich Visa für die Einreise in Deutschland bekommen haben: „In anderen Ländern hätte sich das Auswärtige Amt vielleicht Zeit gelassen. Polen zum Beispiel – so hört man – will die Russen und Weißrussen nicht zum nächsten Weltcup einreisen lassen.“

Die ukrainischen Athleten laufen hier rum wie geprügelte Hunde

Ralf Rombach, deutscher Bundestrainer

Die offene Ablehnung gegen die Rückkehr der beiden Nationen aus dem Osten liegt nicht am Ukrainekrieg. Es gibt auch Zweifel beim Thema Doping. „Der Welt-Skiverband FIS hat versichert, dass die Dopingkontrollen seriös stattgefunden haben, aber wie, ist für uns fraglich. Alle in der Szene sind maximal empfindlich, weil in der Vergangenheit in Russland alle Register in Sachen Doping gezogen wurden“, so Rombach. Bei den Auftaktrennen in Finsterau bewahrheiteten sich die Befürchtungen über eine sportliche Überlegenheit per Doping-Tuning zwar erstmal nicht, aber die mäßigen Leistungen der unerwünschten Teilnehmer mögen auch mit der in Kriegszeiten schwierigen Anreise über Dubai zu tun gehabt haben.

Ziel ist die Paralympics-Teilnahme

Mit der Teilnahme an den Weltcups in den Wintersportarten – auch bei den Alpin-Wettbewerben im österreichischen Saalbach sind an diesem Wochenende drei Russen am Start – wollen Putins Sport-Botschafter die Teilnahme an den Paralympics vom 6. bis 15. März in Mailand und Cortina sichern. Die meisten Startplätze sind nach den Qualifikations-Wettbewerben in den sechs Sportarten (Para-Langlauf, -Biathlon, -Alpin, -Snowboard, -Eishockey und -Curling) bereits vergeben, aber Russen und Belarussen können sich noch um Wildcards bewerben. Falls sie einige der Startplätze für das Großevent bekommen, dürften sie bei den Paralympics sogar unter ihrer Landesflagge antreten. Bei den Olympischen Winterspielen ist das anders: Dort sind nur sogenannte individuelle, neutrale Athleten erlaubt.

Hintergrund für die unterschiedliche Vorgehensweise ist der umstrittene Entscheid der IPC, die Suspendierung der beiden Kriegstreiber-Nationen aufzuheben. „Wenn bei den Paralympics ein Russe oder Weißrusse gewinnen würde, würde normal die Hymne gespielt und die Flagge gezeigt“, berichtet Rombach: „Dieser Fall darf nicht eintreten, deshalb müssen wir alle noch besser werden.“ Die Stimmung in der Para-Szene ist klar: Der Frust über die Rückkehr der Russen und Weißrussen hat auch für eine neue sportliche Entschlossenheit gesorgt.

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