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Russischer KI-SchneesturmFakes in geordneten Bahnen

Der aktuelle Rekordschnee auf Kamtschatka ist real, doch auf Social Media wird er überhöht. Warum emotionale KI-Fakebilder so gut funktionieren.

Dieses Bild ist übrigens echt. Kamtschatka, 19. Januar 2026 Foto: Government of Kamtschatka/Territory via XinHua/dpa

Im Januar hat es auf der russischen Halbinsel Kamtschatka außergewöhnlich stark geschneit. Das ist unstrittig. Innerhalb weniger Wochen fielen Schneemengen, die sonst auf mehrere Monate verteilt sind. Straßen sind blockiert, Erdgeschosse eingeschneit, Fahrzeuge kaum noch sichtbar. Mindestens zwei Menschen sind durch die Schneemassen bereits gestorben. Ein reales, dramatisches Wetterereignis. Und genau darin liegt der Nährboden für etwas anderes: Fakebilder und Videos, die die Schneemassen noch extremer und höher darstellen, um die Situation noch krasser und surrealer wirken zu lassen.

Wer in diesen Tagen „Kamtschatka“ bei Instagram oder Tiktok eingibt, landet in einer Parallelwelt aus meterhohen Schneewänden, Hochhäusern, die bis zum zwanzigsten Stock im Schnee verschwinden, und Menschen, die scheinbar spielerisch durch apokalyptische Schneemassenlandschaften rodeln. Viele dieser Bilder, die gerade viral gehen, sind nachweislich KI-generiert und übertrieben. Und sie funktionieren erstaunlich gut.

Sie funktionieren, weil sie emotionalisieren. Sobald das passiert, fragt man sich eher nicht, ob sie echt sind, sondern man freut sich über die Menschen, die lachend durch den Schnee springen, über geordnete Bahnen, die Schlitten durch das Chaos ziehen – als würden sie sich dort mit Gelassenheit und Kreativität arrangieren. Die Bilder funktionieren, weil wir ein tiefes Bedürfnis nach Ordnung im Ausnahmezustand haben. Nach der Idee, dass selbst im Sturm klare Spuren entstehen können.

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Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Es gibt nur wenige visuelle Erzählungen aus Russland, die Menschen im Alltag zeigen – und noch weniger, die Leichtigkeit, Spiel oder Gemeinschaft transportieren. Die KI-Fakes füllen diese Leerstelle perfekt. Sie zeigen ein Russland, das extrem und zugleich friedlich wirkt. Menschen stapfen durch den Schnee, gehen einkaufen, fahren Schlitten. Die Bilder zeigen, was wir uns wünschen.

Berechtige Zweifel an Echtheit

Auch Fake-News-Watchdog-Seiten wie etwa das deutsche Mimikama oder die polnische Demagog erheben berechtigte Zweifel an diesen Bildern. Sie wollen die Situation nicht kleinreden und berichten: Ja, es gibt dort außergewöhnlich viel Schnee. Aber offizielle Messwerte sprechen von rund 170 Zentimeter Schneehöhe, lokal mehr durch Verwehungen – aber nicht von 30, 40 oder 50 Metern. Reuters dokumentiert meterhohe Schneemassen, eingeschneite Erdgeschosse und blockierte Zugänge. Was fehlt, sind Städte, die bis zur Dachkante im Schnee versinken, wie es die KI-Bilder glauben lassen wollen.

Technisch lassen sich viele der viralen Bilder entlarven, etwa weil sie zu glatte, filmische Kamerafahrten enthalten, fehlende Texturen, springende Details oder unlogische Architektur. KI-Detektoren wie „Hive Moderation“ oder „AI or Not“ stufen die Bilder mit hoher Wahrscheinlichkeit als künstlich erzeugt ein. Rückwärtssuchen führen zu keiner seriösen Quelle oder sogar ins Leere.

Der Fake-Schneesturm funktioniert wie ein echter: Er nimmt Orientierung. Wenn man einmal akzeptiert hat, dass dort alles im Schnee versinkt, dann erscheint auch das Unglaubwürdigste plausibel. Bestätigungslogik ersetzt Skepsis. Und so werden die sauberen Bahnen im KI-Schnee trügerisch: Sie sehen nach Ruhe und Ordnung aus, entstehen aber in einem künstlichen Sturm.

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