piwik no script img

Russische Autorin über das Exil„Brutalität verändert Menschen irreparabel“

Die nach Berlin emigrierte russische Autorin Marija Stepanova verhandelt in „Der Absprung“ Schuldgefühle im Exil. Der Roman versteht sich als Fabel.

Ferne, betrauerte Heimat: der Rote Platz in Moskau im Winternebel Foto: Pavel Bednyakov/dpa

Interview von

Petra Schellen

taz: Frau Stepanova, kann man vor seinem Land, seiner nationalen Identität fliehen?

Marija Stepanova: Ich glaube, dass man weder seiner Herkunft noch seiner Identität entkommen kann. Aber in manchen historischen Situationen ist der Gedanke sehr verführerisch.

taz: Dabei sind Sie 2022 vor allem aus politischen Gründen aus Russland geflohen.

Stepanova: Es war keine Flucht, sondern eine bewusste Entscheidung. Es wäre unmoralisch, meine Situation mit der all jener zu vergleichen, die vor Bombardierungen fliehen mussten und ihre Behausungen verloren. Für mich war es eine Frage der Ethik. Ich begriff, dass ich im aktuellen Russland weder als Journalistin noch als Autorin oder Verlegerin funktionieren kann. Ich bin nicht fähig, unter Zensur zu veröffentlichen.

Kritische Stimmen sind verstummt, die Menschen werden verhaftet oder ins Exil gezwungen. Die einzig unzensierten Stimmen kommen aus dem Exil

taz: Wurden Sie in Russland bedroht?

Stepanova: Nein. Aber colta.ru, die von mir edierte größte kulturelle Online-Tageszeitung in Russland, wurde zwei Wochen nach der Ukraine-Invasion von der Regierung geschlossen. Das war nicht nur ein symbolischer Akt, sondern das Ende unserer journalistischen Aktivitäten.

Die Lesung

Maria Stepanova spricht mit Natascha Freundel über das Exildasein einer russischen Autorin im Roman „Der Absprung“ (Suhrkamp Verlag, 141 S., 23 Euro. eBook 19,99 Euro): 22.1., 19.30 Uhr, Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38

taz: Was erwarteten Sie vom Exil in Deutschland?

Stepanova: Ich hatte keine Erwartungen, denn ich hatte nie emigrieren wollen. Trotz allem hoffte ich auf eine Wendung zum Besseren. Ganz neu war die Exilsituation aber nicht, denn ich hatte schon viel im Ausland gelebt. Ich lehrte an Universitäten, veröffentlichte, fand hier Freunde. An den Gedanken, dass ich nicht zurückkann, musste ich mich allerdings erst gewöhnen.

taz: Wie änderte sich die Stimmung nach dem Angriff auf die Ukraine?

Stepanova: Die Invasion begann mit der Annexion der Krim 2014, im Februar 2022 folgte die Vollinvasion. Danach veränderte sich das politische Klima in Russland. Kritische Stimmen sind verstummt, die Menschen werden verhaftet oder ins Exil gezwungen. Die einzig unzensierten Stimmen kommen aus dem Exil.

Bild: Ekko von Schwichow
Im Interview: Marija Michailowna Stepanova

Jahrgang 1972, leitete bis 2022 das Onlinemagazin Colta.ru. Sie schrieb Essays und Gedichte sowie 2018 den prämierten Debütroman „Nach dem Gedächtnis“ über eine familiäre Spurensuche. Seit 2022 arbeitet sie am Berliner Wissenschaftskolleg.

taz: Die Protagonistin Ihres Buchs „Der Absprung“, eine Autorin im Exil, fühlt sich allerdings verantwortlich gemacht.

Stepanova: Ja, das ist eins ihrer Probleme. Ein anderes ist die subjektiv empfundene Bürde von Schuld. Denn abgesehen davon, dass man sie als Repräsentantin des Staates sieht, aus dem sie floh, fühlt sie sich selbst schuldig. Sie fragt sich, inwieweit sie Teil der Gesellschaft des angreifenden Landes war. Gibt es etwas in ihr, das sie auf unbewusste Art brutal macht? Auch deshalb reagiert sie sensibel auf die Frage „Woher kommst du?“. Nicht die Zuschreibung von außen ist ihr Problem, sondern ihre Selbstwahrnehmung.

taz: Sie kämpft auch mit einem bizarren, mörderischen Tier. Wofür steht es?

Stepanova: Es ist nicht Putin oder die russische Nation insgesamt. Ich würde sagen, es ist die Brutalität, die ihr Heimatland durchdringt. Die die Menschen auf irreparable Art verändert.

taz: Welche Rolle spielt Sprache in diesem Prozess?

Stepanova: Ich bin dagegen, Sprache verantwortlich zu machen oder bestimmte Nationen oder Sprachen als besonders anfällig für Grausamkeit zu betrachten. Die Geschichte zeigt, dass jedes Land unter gewissen Umständen zu Brutalität fähig ist. Daher ist mein Roman – wie eine Fabel angelegt – zugleich eine universelle Geschichte. Sprache ist eher ein Opfer. Die offizielle Presse in Russland etwa übt gerade einen Akt der Brutalität gegenüber der Sprache.

taz: Ihr Buch erschien im Ausland und auch in Russland, obwohl Sie darin den Krieg benennen. Wie war das möglich?

Stepanova: Die Moskauer Version wurde zensiert. Im Buch steht zwar nur „ein Land für Krieg gegen ein anderes Land“, aber auch das ist zu direkt. Der Verlag wollte die Passage löschen, aber ich lehnte ab. Also haben wir diese Sätze geschwärzt und die Zensur transparent gemacht.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!