Rückblick tazlab 2026: Jetzt mal Tacheles
Zwischen Orbán, Trump und AfD ging es beim taz lab auch um die unbequeme Frage, warum progressive Politik viele Menschen nicht mehr erreicht.
War da was mit Streit auf dem taz lab? Ja, aber nie mit Geschrei oder respektlosem Ton, etwa in Form besserwisserischer Herablassung. So erklärte die ungarische Politikwissenschaftlerin Eszter Kováts an einem grünen Küchentisch vor dem taz-Haus Moderatorin Anna Klöpper, taz-Redakteurin, und dem begierig zuhörenden Publikum, wie sich ein Regime wie das von Viktor Orbán in ihrem Heimatland 16 Jahre lang halten konnte: auch, weil die linke Alternative in Identitätspolitiken für urbane Wähler:innen verstrickt war und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs selbst für Korruption sowie ein Staatsverständnis stand, das den Staat als Selbstbedienungsladen missverstand.
Oder, ein weiteres Beispiel, Holger Stark, Autor des Buches „Das erwachsene Land“ und Kenner der US-politischen Verhältnisse, der akkurat vor 150 Zuhörenden erläuterte, was Donald Trump und seine MAGA-Bewegung begünstigte bei vielfachen Wahlerfolgen – eine (auch linke) Alternative durch die Demokraten, die fürs Establishment stand und inzwischen die Bundesstaaten mit den stärksten Anteilen von Menschen aus der Arbeiterklassen fast alle an die Republikaner verloren hat – Bernie Sanders, der linke Sozialdemokrat aus Vermont, wäre 2016 im Vergleich mit der „eiskalten“ Hillary Clinton der bessere Kandidat gegen Trump gewesen.
Oder die pinken Bühnen der taz-Genossenschaft, die durchweg (erfolgreich) Angebote für das sehr junge Publikum machte – Tacheles wurde auch hier, etwa zu Fragen eines Dienstes in der Bundeswehr, geredet: Der Ton machte auch hier die Musik, man anerkannte füreinander, wirklich gegensätzlicher Auffassung zu sein, doch dies in freundlich bleibender Sprechfähigkeit.
„Die AfD interessiert mich nicht“
Der/die/das Star des taz lab war indes kein einzelnes Wesen, sondern die mehrtausendfachen BesucherInnen: Sie zeigten ziemlich cool, wie cool man miteinander im Gespräch bleiben kann beziehungsweise kommt. Eine ungenannt bleiben wollende taz-Kollegin aus der Redaktion sagte am frühen Abend, als sei sie selbst überrascht: Wer solche Menschen als LeserInnen hat, muss um Bedeutung, um den Stolz auf die eigene Arbeit wirklich sich keine Sorgen machen.
Es war, so muss das Plädoyer des taz-Futurzwei-Herausgebers Harald Welzer verstanden worden sein: ein Musterbeispiel für ein gemeinsames öffentliches Sprechen in seinem Talk unter dem Titel „Die AfD interessiert mich nicht“. An einem Ort, der Fantasien zerstob, man wäre in der Welt mit den eigenen zukunftsfähigen Gedanken allein und fern vom Kontakt zur echten Welt. Fluten wir die kleinen Kreise, gründen wir „Wohnzimmer“ für das Gemeinsame, fürs Sprechen, für den Austausch, für möglicherweise das nächstliegend Gelingende.
Den Einwand, das sei doch schon so oft versucht worden und trotzdem werde die AfD immer größer, ließ er nicht gelten: Dann müsse man es eben immer wieder versuchen. Die Arbeit sei nie beendet, oft mühsam und nicht immer erfolgreich – aber was wäre die Alternative? Der Rückzug ins depressive Einzelgängertum? Dafür gab es Applaus, wie für viele andere RednerInnen beim taz lab.
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