Rückblick auf einen besonderen Sommer: WM, Weltflucht und eine Liebe, die verloren schien
Nicht alles war schlecht in diesem Katastrophensommer. Es gibt immer etwas zu entdecken, weiß unsere Autorin. Und wenn es nur der Spaß am Leben ist.
D iesen Sommer ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich habe meine Begeisterung für den Fußball entdeckt. Nein, ich muss anders beginnen. Diesen Sommer ist etwas Merkwürdiges passiert, das doch ganz gewöhnlich war. Ich habe bei der Fußball-WM mitgefiebert und dabei meine Begeisterung für den Fußball wiederentdeckt.
Jetzt, da die Fußball-Videos endgültig aus meinem Instagram-Reels-Feed verschwunden sind, scheint mir der richtige Moment, zurückzublicken. Was war da los?
Vorher müssen Sie aber diese Geschichte über mich kennen: Während eines Praktikums bei einem Radiosender in Berlin musste ich einmal in ein Fußballstadion, in die Alte Försterei. Es war das erste und letzte Mal, dass ich in einem Stadion war. Ich erinnere mich noch, dass ich die Stimmung dort überhaupt nicht als verbindend empfand. Im Gegenteil. Als die Fans plötzlich gleichzeitig sangen, spürte ich Beklemmung. Was für andere vermutlich ein Moment von Gemeinschaft war, fühlte sich für mich nach einer gruseligen Masse an.
Dabei ist es gerade eine der großen Leistungen des Sports, dass Menschen zusammenkommen, die sich sonst nie begegnen würden. Aber Gemeinschaft hat eben immer zwei Seiten. Sie kann Menschen miteinander verbinden und sie kann eine Grenze zwischen denen ziehen, die dazugehören, und denen, die es nicht tun. Wo ein starkes Wir entsteht, entsteht beinahe zwangsläufig auch ein „die Anderen“.
Eine unverbindliche Liebe auf Zeit
Vermutlich war meine Begeisterung deshalb immer auf große Meisterschaften beschränkt. Eine unverbindliche Liebe auf Zeit. Heute mit der einen Mannschaft mitfiebern und beim nächsten Spiel plötzlich für ihren Gegner sein.
Dann kam also dieser Sommer. In meinem Leben hatte sich viel verändert. Ich war umgezogen, ein Neuanfang. Vieles war offen. Der Sport dagegen gab mir Struktur: Ich wusste, wo ich die meisten Abende verbringen würde, traf Freunde, lernte neue Menschen kennen.
Dabei war diese Weltmeisterschaft denkbar ungeeignet dafür, sie einfach unbeschwert zu nennen. Sie war die größte WM, die es je gegeben hatte, mit Ticketpreisen, die für viele Fans unerschwinglich waren. Und trotzdem saß ich da und schaute. Mehr noch: Ich war begeistert. Mich faszinierte plötzlich, wie stark Mannschaften sein können, die nicht zu den üblichen Favoriten zählen. Ich diskutierte über Trinkpausen, Fouls und Aufstellungen, als wäre ich Bundestrainer.
Eine mögliche Erklärung für meine Begeisterung findet sich bei dem Soziologen Norbert Elias. In seinem Text über den Fußballsport, den Suhrkamp im Juni neu aufgelegt hat, beschreibt er das Spiel als eine „Figuration von Menschen, die in einer kontrollierten Spannung zueinander stehen“. Fußball, so lässt sich sein Gedanke zusammenfassen, ist eine zivilisatorische Leistung: Menschen dürfen sich bekämpfen, ohne sich tatsächlich zu bekämpfen. Sie dürfen Aggression, Hoffnung, Enttäuschung und Triumph ausleben – innerhalb eines Regelwerks, das diese Gefühle begrenzt.
Mit jedem Tag, den ich abends Fußball schaute, rückte auch der Herbst näher. Mit ihm die Landtagswahlen und die Sorge vor den Folgen eines AfD-Wahlerfolgs. Diese WM war wohl auch eine Realitätsflucht. Nicht weil die Welt unbeschwert gewesen wäre. Sondern weil wir uns für eine Weile so verhalten konnten, als wäre sie es. Nicht umsonst haben manche Kommentatoren kritisiert, wie politische Themen in dieser Zeit in den Hintergrund rückten.
Ob ich meine Begeisterung im Nachhinein nicht überinterpretiere? Unbedingt. Vielleicht hat es mich gerührt, wenn sich ein Freund dafür entschied, bis tief in die Nacht ein Spiel mit mir zu schauen, obwohl er am nächsten Morgen wieder früh zur Arbeit musste. Vielleicht hatte ich einfach Spaß. Ist das nicht die viel schönere Erklärung?
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