Rückblick auf Fußball-EM: Interregnum Euro 2021

Der König Fußball schafft hässliche Bilder, aber auch den nötigen Trost. Und das ist auch gut so. Was von der EM übrig blieb.

Ein Fan verhängt seinen Rechner mit Flagge

Gibt es Wichtigeres als Fußball? Foto: Virginia Mayo/ap

Es war nicht alles schlecht. Ja, es gab hässliche Bilder rund ums Finale in Wembley, es gab noch hässlichere Worte auf Twitter, es gab Angst und Schrecken auf den Straßen Londons und anderswo. Es gab eine Uefa, die inzwischen wie ein eigener Staat ihre Untergebenen von der offiziellen Politik viel fliegend vor sich hertreibt und für die Moral ohnehin noch nie eine Kategorie war – es sei denn, sie lässt sich ausbeuten.

Und es gab einen Fußball, dessen Grad an Konformität und Kommerzialität immer neue Grenzen sprengt, oder, um ein Bild des ZDF-Reporters von Sonntagabend aufzugreifen, der die Rakete des britischen Milliardärs Richard Branson im Weltall noch locker überholt, dafür muss er nicht mal von Uli Hoeneß getreten worden sein. Es gab ein überflüssiges Spektakel, die sogenannte Abschlussfeier vor dem Endspiel, in dem wenigstens die vermutlich schlecht bezahlten Tänzerinnen noch Maske trugen, und die eine nordkoreanische Militärparade wie eine Oase der Kontemplation und Entspannung aussehen ließ. Schlimme, schlimme Bilder.

Aber wie gesagt, es war nicht alles schlecht. Im Gegenteil. Die EM 2021 hatte nicht nur fußballerisch einiges zu bieten – spektakuläre Spiele, viele Tore, Fußball fast auf der Höhe der Kunst, auch wenn man in Sachen Taktik in der Premier League schon ganz anderes gesehen hat. Vor allen Dingen aber: Man hat echten Fußball gesehen, Fußball fast wie früher, Fußball mit Fans nämlich, mit Zuschauern, Fußball als soziales Event, das zumindest im Ansatz klassenübergreifend funktioniert.

Man hat vor lauter Corona und der Angst davor nämlich schon ganz vergessen, dass das Leben auch das sein kann: euphorisch, euphorisierend, rauschhaft, überschwänglich, ausufernd; etwas, das nicht nur Unterschiede schafft, sondern auch Brücken baut, Gemeinsamkeiten schafft.

„Normalität“ ist ein Begriff, der inzwischen von rechts besetzt wird, auch weil er von links immer schon gescheut bis verabscheut wurde, und doch: Normalität kann beruhigend sein. Nach gut 18 Monaten Pandemie wurde bei aller Vorsicht und aller berechtigten Kritik eine lang vermisste Normalität gezeigt, gelebt, gefeiert. Für einen Sommer wurde das Gefühl gefeiert, es könne so sein wie früher. Und ja, da stellte sich beim Zusehen bei manchen die Haare hoch bzw. die inzwischen übliche Hysterie ein – Delta! Oder eben Erleichterung. Erleichterung darüber, dass das alles wieder kurz möglich war. König Fußball sei Dank.

Was uns nämlich als nächstes erwartet, sind die üblichen Geistersportbilder. Diesmal kommen sie aus Tokio.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de