piwik no script img

Roman „Verlorene Schäfchen“Gott und der freie Markt

Gelungene US-Komödie: In Madeline Cashs Debütroman lauert hinter jedem Witz eine Kränkung. Und hinter jeder Kränkung eine Sehnsucht.

Familie Flynn steckt in einer Krise. Keiner monumentalen, eher einer, die aus der Banalität des Lebens heraus entsteht. Mutter Catherine versucht, durch ein „Arrangement“ ihre Ehe vor dem Verfall zu retten, dessen Vorzüge Vater Bud nach anfänglicher Skepsis mit der Leiterin seiner Selbsthilfegruppe genießt, während seine Frau erst einmal auf sich gestellt bleibt.

Die drei Töchter Abigail, Louise und Harper navigieren derweil auf ihre je eigene Art durch das Chaos: Abigail, die Schönheit der Familie mit einer Vorliebe für fragwürdige Männerbekanntschaften; Louise, das ewige Mittelkind, das sich online in gefährliche Gefilde verirrt; und Harper, das Wunderkind, das sechs Sprachen spricht, sich aber zu Tode langweilt.

Madeline Cashs „Verlorene Schäfchen“ ist eine dieser seltenen Komödien, bei der man lacht und gleichzeitig bangt, da sie so nah an der Wirklichkeit kratzt. Im englischsprachigen Raum scheint man sich aktuell auf Cash einigen zu können: Sowohl im New Yorker, im Guardian als auch im Interview Magazine wird der Debütroman gelobt.

Der Roman

Madeline Cash: „Verlorene Schäfchen“. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Penguin Verlag, München 2026. 320 Seiten, 24 Euro

In der liebevollen Präzision, mit der Cash ihre Figuren beschreibt, erinnert sie an John Irving und Meg Wolitzer: Wie Irving schreibt die 1996 in Kalifornien geborene Autorin ohne zu beschönigen: Ihre Figuren müssen nicht liebenswert sein – sie müssen wahrhaftig sein. Mit Wolitzer verbindet Cash, wie sie in scheinbar beiläufigen Details das Innenleben einer Person freizulegen vermag. Wenn Louise als „in einem Gefängnis ihrer eigenen Mittelmäßigkeit“ gefangen beschrieben wird, dann lacht man – und erkennt gleichzeitig jemanden wieder.

Ein milliardenschwerer Longevity-Jünger

Im Mittelpunkt steht nicht nur die dysfunktionale Familie Flynn, sondern auch die kleine amerikanische Stadt, in der sie lebt, umgeben von „Reklametafeln für Mormonentempel […], Plakatwänden, die vor häuslicher Gewalt warnen und zu Casino-Buffets“ einladen. Regiert wird diese sonst eher langweilige Kleinstadt von Paul Alabaster, einem selbstverliebten Milliardär und Reeder, der Gott und den freien Markt für dasselbe hält und sich, ohne, dass er als solcher benannt würde, dem Longevity-Trend hingibt.

Ihm gegenüber steht Miss Winkle, die Leiterin der dem Buch seinen Titel gebenden Selbsthilfegruppe und Buds Geliebte: eine Figur von fast schon altmodischer Güte. Während alle anderen nach Orientierung suchen, hat sie sie schon gefunden.

Und dann gibt es noch Tibet, Abigails beste Freundin und eingefleischte Verschwörungstheoretikerin, die den anderen Figuren in der zweiten Hälfte des Romans beinahe die Show stiehlt. Sie ist davon überzeugt, dass Alabasters Gier nach ewiger Jugend ihn zu einem vampirartigen Bluttrinker macht. In einer Zeit, in der Verschwörungstheorien und Wirklichkeit manchmal nur schwer auseinanderzuhalten sind, fragt Cash, was es überhaupt noch bedeutet, die Wahrheit zu kennen. Das klingt nach viel, was da auf knapp 300 Seiten verhandelt wird. Ist es auch. Aber Cash trägt das leicht.

Beinahe kippt der Roman zwischenzeitlich in einen Thriller über, fängt sich jedoch rechtzeitig, um dem eigentlichen Zentrum der Geschichte Raum zu geben: den Beziehungen zwischen seinen Figuren. Zum Glück, denn diese tragen, was an Handlung zeitweise allzu abstrus wirkt. Statt für den großen gesellschaftlichen Befund interessiert sich Cash dann doch mehr für die Einsamkeit ihrer Charaktere, für deren Wunsch, gesehen und geliebt zu werden oder wenigstens irgendeine Form von Bedeutung zu erlangen.

Gespür für absurde Details

Dabei verliert die Autorin nie das Gespür für Tempo und Komik. Ihre Dialoge sind pointiert, ohne geschniegelt zu wirken, ihre Beobachtungen präzise. Immer wieder kippen Szenen unvermittelt vom Komischen ins Traurige und zurück – etwa wenn Bud versucht, in der Selbsthilfegruppe eine Form von spiritueller Erneuerung zu finden, dabei aber vor allem seine eigene Mittelmäßigkeit offenbart. Oder wenn Harper, die allen intellektuell überlegen scheint, an einer Welt verzweifelt, die ihr nichts Überraschendes mehr zu bieten hat.

Dass der Roman leichtfüßig bleibt, liegt auch an Cashs Sprache. Sie schreibt klar und unprätentiös, aber mit einem feinen Gespür für absurde Details und soziale Dynamiken. Über Catherine und Bud heißt es etwa: „Die Liebe, die sie einst verbunden hatte, fühlte sich fern und ungreifbar an. […] In der Küche gingen sie häufig aneinander vorbei wie Fremde im Einkaufszentrum.“ Hinter jedem Witz lauert eine kleine Kränkung, hinter jeder Kränkung eine Sehnsucht nach Nähe oder Bedeutung. „Verlorene Schäfchen“ ist deshalb nicht nur ein Familienroman oder eine Gesellschaftssatire, sondern auch ein Buch über die verzweifelte Hoffnung, im Chaos des eigenen Lebens doch noch so etwas wie Sinn zu finden.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare