Neuer Roman von Birgit Birnbacher: Mutter und Sohn sind im Spielen nicht gut
Birgit Birnbacher schaut auch in ihrem neuen Roman dahin, wo zwischen Mensch und sozialen Strukturen Reibung entsteht: „Sie wollen uns erzählen“.
Eigentlich muss Oz seiner Mutter etwas beichten. Doch als der Neunjährige von der Schule nach Hause kommt, muss auch die ihm etwas gestehen: Die Zillyoma ist verschwunden, einfach weg aus dem Krankenhaus. Und niemand weiß, wohin.
Dass dieses Verschwinden plötzlich alles überlagert und Oz’ Beichte über den toten Hasen in den Hintergrund gerät, bildet das erzählerische Fundament von „Sie wollen uns erzählen“. Birgit Birnbacher setzt hier an einem Moment an, in dem sich die Gewichte verschieben: zwischen Schuld und Sorge, zwischen kindlicher Wahrnehmung und erwachsener Überforderung.
Im Zentrum stehen Oz, ein Kind, dessen Blick auf die Welt gängige Ordnungen unterläuft, und seine Mutter. Die durch ADHS geprägte Wahrnehmung der beiden ist schnell, sprunghaft, durchlässig – und Birnbacher findet eine Sprache dafür, die weder vereinfacht noch ausstellt.
Birgit Birnbacher: „Sie wollen uns erzählen“. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2026. 224 Seiten, 24 Euro
Vielmehr entsteht ein Erzählen, das sich eng an beider Perspektive anschmiegt und gerade dadurch die Zumutungen einer normierten Umwelt sichtbar macht: „Mutter und Sohn sind im Spielen nicht gut. Sie hassen Uno, Mensch ärgere dich nicht, Vier gewinnt. Sie hassen Regeln und Vorhersehbarkeit, die vorgegebenen Abläufe, die Unausweichlichkeit des Verlierens.“ In solchen Sätzen zeigt sich eine Logik, die nicht defizitär ist, sondern eigensinnig präzise.
Die Institutionen schreiben an ihnen mit
Wie schon im Vorgängerroman interessiert sich die gelernte Soziologin Birgit Birnbacher weniger für das Individuum als isolierte Figur, sondern für seine Reibung an sozialen Strukturen. Während in „Wovon wir leben“ die Arbeitswelt als zentrales Dispositiv wirkte, sind es hier andere Institutionen. Schule, medizinische Diagnostik, familiäre Rollen schreiben an Oz und seiner Mutter mit. Der Titel wird so programmatisch: „Sie wollen uns erzählen“ – wie wir sind, wie wir zu sein haben.
Formal bleibt Birnbacher ihrer Prosa treu: nüchtern, präzise, fast spröde lakonisch. Diese fehlende Sentimentalität ist ihre Stärke, denn sie verhindert, dass der Roman ins Pädagogische kippt. Stattdessen entfaltet sich Empathie aus der Genauigkeit der Beobachtung – aus Blicken, Verschiebungen, kleinen Eskalationen. Auch die Erwachsenen sind davon nicht ausgenommen: „Wenn sie ehrlich ist […], dann ist sie das: neidisch.“ Mehr braucht es nicht, um eine ganze Selbstbefragung offenzulegen.
Neu ist dabei die Radikalität der Perspektive. Wo „Wovon wir leben“ noch stärker auf ein gesellschaftliches Panorama zielte, rückt „Sie wollen uns erzählen“ näher an das Wahrnehmen selbst heran. Die äußere Handlung – das Verschwinden der Großmutter, eine Reise in die Berge – wirkt dabei fast wie ein Katalysator, der die inneren Spannungen sichtbar macht.
Wenn man dem Roman etwas vorwerfen will, dann vielleicht seine Konsequenz: Er verweigert die große Dramatisierung zugunsten einer permanenten leisen Reibung. Doch gerade darin liegt seine literarische Kraft. Birnbacher zeigt einmal mehr, dass das Politische nicht im Ereignis liegt, sondern in den Strukturen – und in den Geschichten, die wir über uns selbst und andere erzählen.
Und vielleicht ist das auch die eigentliche Zumutung dieses Romans: dass er sich weigert, seine Figuren zu erklären. Stattdessen zeigt er, wie schnell wir selbst beginnen, es zu tun. „Sie wollen uns erzählen“ ist damit weniger ein Roman über Abweichungen als über den Drang, sie zu benennen – und entlarvt genau darin die Gewalt, die im scheinbar harmlosen Erzählen liegt.
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