piwik no script img

Riesenreptilien in GroßstädtenSie leben mitten unter uns

Mitten in Bangkok leben tausende Bindenwarane. Lange hatten die Leichen fressenden Reptilien einen schlechten Ruf, nun sind sie Touristenmagnet.

Naherholung: Ein Bindenwaran im Lumpini-Park im Stadtzentrum von Bangkok Foto: Jorge Silva/reuters

Die Reptilienmenschen sollen ja unter uns sein, wie eine in rechten Kreisen wabernde Verschwörungserzählung raunt. Doch warum mühsam Angela Merkel und Hillary Clinton ins Reptiloide deuten, wo doch waschechte Riesenreptilien tatsächlich und für jeden sichtbar mitten durch das Zentrum der thailändischen Millionenstadt Bangkok stapfen?

Die Bindenwarane im Lumpini-Park im Stadtzentrum, umgeben von modernen Wolkenkratzern und Einkaufszentren, sind inzwischen zu einer weiteren Attraktion der mit rund 23 Millionen Gästen jährlich meistbesuchten Metropole der Welt geworden. Das am Fluss Chao Phraya errichtete Bangkok wird von einem dichten Netzwerk aus Kanälen, Teichen und Grünanlagen durchzogen. Mit dem tropisch feuchtwarmen Klima bietet die Stadt der nach dem Komodowaran zweitgrößten Echsenart der Welt eine offenbar ausgesprochen zusagende Umgebung.

Schätzungen gehen von einer Bindenwaranpopulation von mehreren Tausend Tieren im Stadtzentrum aus. Das sind zwar immer noch weniger als die über 8 Millionen Menschen, aber dennoch ist die Populationsdichte der Warane in Bangkok erheblich größer als in ihren natürlichen Lebensräumen. Was zieht die Riesenechsen, die bis 3 Meter lang und 15 Kilogramm schwer werden können, wenn sie sich meist auch mit etwa 2 Metern bescheiden, in die Großstadt?

Parkwächter haben einiges zu tun im Lumpini-Park von Bangkok Foto: Athit Perawongmetha/reuters

Ein reich gedeckter Tisch

Dasselbe, was uns zunehmend Wildschweine und Füchse in unseren Städten beschert: ein vom Menschen reich gedeckter Tisch nebst einem gut strukturierten Lebensraum, zumindest im Vergleich umliegender Agrarwüsten. Im Fall der Warane, die gerne ausgiebig schwimmen und tauchen und im Englischen daher auch „water monitor“ heißen, gehören noch ausreichend Wasserflächen dazu, von denen der Lumpini-Park genug bietet.

Bindenwarane sind Generalisten und Opportunisten, was im zoologischen Vokabular eher als Kompliment zu verstehen ist. Sie können sich gut an unterschiedlichste Bedingungen anpassen, sind neben dem Vorhandensein von Gewässern auf keine besonderen Merkmale in ihrem Lebensraum angewiesen, und sie sind zwar Fleischfresser, dabei aber nicht wählerisch. Verschlungen wird alles, was verfügbar ist: Sie jagen Mäuse, Ratten, Hörnchen, große Insekten, Krebstiere, Amphibien und andere Reptilien, fressen aber gerne auch Aas. Und damit auch Abfälle des Menschen.

Im Lumpini-Park kann man beobachten, wie sie hinter Imbissständen geduldig warten, bis etwas für sie abfällt, und Müllsäcke, die unvorsichtigerweise in ihre Reichweite gelangen, von den gut riechenden Echsen umgehend geortet und durchwühlt werden. Dabei hilft ihnen ihre für Reptilien ungewöhnlich hohe Intelligenz, die durchaus mit der von schlaueren Säugetieren zu vergleichen ist. Weil viele Menschen nun einmal für viel Müll sorgen, den die Echsen entweder selbst verputzen oder der andere Leckerbissen wie Mäuse und Ratten anlockt, leben sie im Park im Waranparadies.

Ein Waran im Supermarkt

Früher war das anders: Die Warane hatten einen schlechten Ruf und galten als Unglücksbringer, wohl wegen ihrer Neigung, auch an menschlichen Leichen herumzuknabbern. Noch vor zehn Jahren hatten die Bangkoker Behörden versucht, die Reptilien in einer großangelegten Jagdaktion zurückzudrängen. Allerdings ergebnislos, die Population wuchs schnell wieder heran – ein Waranweibchen legt bis zu 40 Eier, da werden vakante Plätze rasch wiederbesetzt. Inzwischen aber hat sich das Image der Reptilien gewandelt. Sie werden mehr und mehr zur international bekannten und auch bei der einheimischen Bevölkerung beliebten Attraktion.

Dazu haben zahlreiche Videos auf Youtube, Tiktok und Instagram beigetragen, die Menschen bei ihren Waranbegegnungen zeigen. Im letzten Jahr machte eines millionenfach Furore, das einen ziemlich stattlichen Waran zeigte, der in einen Supermarkt geraten war und mangels Baum die Lebensmittelregale erklomm. Kein Einzelfall – die Bangkoker Feuerwehr rückt öfter aus, um verirrte Reptilien einzufangen, als um Brände zu löschen, wie die BBC berichtet. Inzwischen hat die Stadt sich jedenfalls arrangiert und konsequenterweise nicht nur Warnschilder im Lumpini-Park aufgestellt, auf dass sich niemand erschrecke, wenn ihm plötzlich ein Zweimeterreptil über den Weg läuft, sondern auch gleich noch eine große Waranstatue aufgestellt.

Dabei sind Bindenwarane keineswegs die einzigen Reptilien in Bangkoker Parks. Im nahegelegenen, erst 2004 aus einem Firmengelände hervorgegangenen Benjakitti-Park lebt sogar eine kopfstarke Population der Großaugen-Bambusotter, einer schick grünen nahen Verwandten von Gary De’Snake, der durch „Zoomania 2“ gerade sehr populären Blauen Inselbambusotter. Die durchaus ernsthaft giftigen, aber nicht sonderlich aggressiven Bambusottern kriechen nach Einbruch der Dunkelheit durch den Park und lassen sich auch von seiner hellen Beleuchtung nicht abschrecken. Wenn junge Paare sich dort also zum Händchenhalten auf einer Parkbank niederlassen, empfiehlt es sich, vorher zu schauen, ob nicht schon eine Otter da liegt.

In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift elaphe berichtet der Reptilienexperte Uwe Gerlach, dass er dort abends nach nur 45 Minuten Suche einen ganzen Schwung der Giftschlangen angetroffen hat. Der Beliebtheit des Parks tut das keinen Abbruch. Es geht also doch auch ein entspannter Umgang mit Schlangen, man sollte die Deutschen daran erinnern, wenn sie im nächsten Sommer gleich wieder Sondereinsatzkommandos anfordern, nur weil irgendwo mal eine Ringelnatter auftaucht.

Reptilien in Städten sind natürlich kein Bangkoker Alleinstellungsmerkmal. Bindenwarane lassen sich auch in anderen südostasiatischen Städten blicken, in Australien kann man in Stadtparks häufig beispielsweise auf Buntwarane treffen, allerlei Schlangenarten und kleinere Echsen kriechen sowieso überall auf der Welt durch die Innenstädte, man denke nur an Geckos in Südeuropa. In der ecuadorianischen Küstenmetropole Guayaquil ist der Seminario-Park im Zentrum berühmt, in dem eine große Population bis zu 2 Meter langer Grüner Leguane lebt und von der Parkverwaltung fürsorglich gefüttert wird. Und selbst in der Altstadt von Trier huschen, sobald die Sonne sich zeigt, Reptilien an den historischen Gemäuern umher, nämlich Mauereidechsen. Sie leben eben mitten unter uns.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare