Reisen mit Kindern: Trara auf Reisen

Wer mit Kindern verreisen will, muss viel schleppen und braucht starke Nerven. Vor allem wegen der Leute, die einem so begegnen.

Nightjet Zug des ÖBB steht an einem Bahngleis

Im Schlafwagen der ÖBB ist es nicht zwingend ruhig und entspannt Foto: Georg Hochmuth/dpa

Früher bin ich das ein oder andere Mal verkatert verreist. Hab morgens noch schnell fünf Sachen in den kleinen Koffer geschmissen, zuverlässig stets was Wichtiges vergessen, aber egal – ich war ja so flexibel.

Kürzlich waren wir als Familie zu viert drei Wochen unterwegs mit zwei großen Koffern, zwei kleinen Rucksäcken, einem ranzigen Stoffhund, einem Reisekinderwagen, einer Babyschale und einem Beutel voller Essen, alles gepackt wie von einer Tetris-Weltmeisterin. Ich hasse es noch heute, zu viel Zeug dabei zu haben, deshalb hatten wir tatsächlich nur das Nötigste mit.

Irgendwann lag ich dann eingepfercht zwischen den beiden Kindern im Schlafwagen der ÖBB auf dem ausgeklappten Bett und dachte sehnsüchtig an die frühere Sorglosigkeit, während die schlacksigen Beine des fast Vierjährigen sich über meine legten und die kurze Ärmchen vom Baby schon nach mir suchten, weil es wieder Zeit war zu stillen.

Im Bett darüber schnarchte der Vater. Sein Glück, dass in dieser Nacht beide Kinder nicht so hoch oben schlafen konnten oder wollten. Ich hab kein Auge zugetan. Die Klimaanlage kühlte die Kinder über der Bettdecke einen Ticken zu stark, während sie mich unter der Bettdecke anschwitzten. Ich war die halbe Nacht damit beschäftigt sie zu- und wieder abzudecken. Dazwischen wärmte mich auch noch Hundi, das ranzige Stofftier. Ich versuchte angestrengt zu vergessen, dass das Kind ihn am Hauptbahnhof über den Bahnsteig schleifte, gänzlich unbeeindruckt von dem strengen Uringeruch der in der Sommerluft hing wie ein Warnung.

Das Chaos ruht im Nachtzug

Der große Trugschluss am Reisen mit Familie ist ja immer, dass man denkt man würde dem Chaos so entkommen. Dabei trägt man in Wirklichkeit nur das Chaos an einen anderen Ort. Mein Chaos ruhte jetzt aber und der Nachtzug hielt irgendwo in der Nähe von Villach, vielleicht weil es gerade sehr stark gewitterte.

Und wie ich dann so im Schlafwagen liege und das fast schon wieder romantisch finde, muss ich an unsere erste lange Zugreise mit Kind denken. Er muss damals eineinhalb Jahre gewesen sein. Wir teilten uns ein Sitzabteil mit einem weißhaarigen Schweizer mit Lesebrille. Er war eher wortkarg, sehr mit seinen Zeitungen beschäftigt und musterte uns nur, wenn wir unser quengelndes Kind immer mal wieder aus dem Abteil beförderten, um dann im schaukelnden Zug hin und herzuwanken bis Ruhe oder Schlaf eingetreten war. Wir hatten über viele Stunden keine ruhige Minute. Das Kind war noch eher grobmotorisch beim Laufen, der wankende Zug war da keine Spielwiese. Ihn zu beschäftigen klappte nur mit ständiger Aufmerksamkeit von einem von uns und wir wechselten uns ab.

Irgendwann, als der Vater das quengelnde Kind zum 38. Mal ins Bordbistro trug, guckte der Schweizer über seine Lesebrille und sagte zu mir: “Also wir haben früher, wenn wir verreist sind, nicht so ein Trara um unsere Kinder gemacht.“ Er hatte sofort meine volle Aufmerksamkeit – weil was lieber, als sich von einem augenscheinlich gut situierten alten weißen cis Mann die Welt erklären lassen. In unserem Gespräch stellte sich dann schnell heraus, dass “sie“ (er und seine Frau) tatsächlich nicht so eine Trara um die (drei) Kinder gemacht hatten, weil es nur seine Frau war, die auf Reisen Trara um die Kinder machte, während er Zeitung las. Ich stellte mir vor, wie er in ebenso einem Abteil saß mit einer Lesebrille, aber weniger weißen Haaren, und wie seine Frau alle Hände voll zu tun hatte, während sie ihn verflucht haben muss.

Als das Kind dann etwas später wieder anfing lauthals zu weinen, war ich dran mit Beruhigung. Das Abteil hab ich dann aber natürlich nicht mehr verlassen, weil ich dachte, ich kann ja jetzt auch echt mal aufhören so ein Trara zu machen.

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Seit 2013 bei der taz. Erst Volontärin der taz panter-Stiftung und dann taz eins-Redakteurin. Seit 2019 Ressortleiterin des Gesellschafts- und Medienressorts taz zwei. Schreibt über Gesellschaft, Politik, Medien und manchmal über Österreich.

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