Das Gefühlskarussell von Kindern: Nimm mich jetzt in den Arm

Kleine Kinder sind zornig, sie brüllen und sie fragen einem Löcher in den Bauch. Aber wer ist schon perfekt?

Schreiendes Kind Hält sich die Ohren zu

Schreien gehört auch mal dazu – genauso wie Knuddeln und Verzeihen Foto: imago

Der Dreijährige, der bald vier wird, ist sehr harmoniebedürftig. Das hat er von mir. Mir fallen jetzt prompt zehn Leute ein, die an dieser Stelle laut auflachen werden. Doch wer mich kennt, weiß das.

Der Dreijährige, der bald vier wird, wird furchtbar wütend, wenn man ihm Unrecht tut. Wenn er sich ertappt fühlt auch. Dann brüllt er rum, droht, er würde einen aus seinem Leben streichen und es schießen ihm die Tränen in die Augen. Manchmal kommt er dann ein paar Minuten später an und sagt kleinlaut: „Tut mir leid, Mami“. Auch das hat er von mir. Das arme Kind. Dann wird geknuddelt und verziehen.

Er mag es gar nicht, wenn wir mit ihm schimpfen. Wenn er mit dreckigen Schuhen durch die Wohnung flitzt. Mit Sandkastenklamotten in mein Bett springt. Da bin ich empfindlich. Der Straßendreck wird hier an der Tür gelassen. Wenn ich ihn dann zurechtweise, dann sagt er mir hinterher sehr bestimmt: „Vertrag dich!“ Was soviel heißt, wie: „Ja, ich hab was gemacht, von dem ich weiß, dass ich es nicht tun soll. Aber bitte nimm mich jetzt in den Arm.“ Dann wird geknuddelt und verziehen. Das nächste Mal machen wir es beide besser.

Wenn ich ihn ins Bett bringe, sprudeln manchmal Dinge aus ihm raus, die ihn beschäftigen. Wann er wieder Zug fahren darf. Dass sein Freund ihn angebrüllt hat, als er ihm die Schaufel nicht geben wollte. Dass das neue Kind in der Kita anders genannt wird als es heißt, weil die Kinder den chinesischen Namen nicht aussprechen können – und, dass er es aber geübt hat. Er sagt den Namen 25 Mal und ist stolz auf sich. Aber nicht so sehr wie ich es bin. Er sagt dann oft, dass er seinen Opa vermisst, der ein Land weiter wohnt. Manchmal sprudeln dann Emotionen hinterher. Es wird nochmal geweint, geknuddelt, der Welt verziehen.

Der Dreijährige, der bald vier wird, will immer alles genau wissen. Ich erkläre ihm, so viel ich kann. Manchmal kann ich aber nicht mehr und wenn er abends fragt: „Mama, wenn ein großer Stein auf die Erde fliegt, sterben dann alle Menschen gleichzeitig?“ dann sage ich nur: „Kommt darauf an, wie groß der Stein ist“. Er guckt mich dann prüfend an, lächelt und lässt es gut sein mit den Fragen.

„Es wird nochmal geweint, geknuddelt, der Welt verziehen.“

Manchmal will er, dass ich ruhig bin. „Ich rede jetzt!“, sagt er dann. Und ich höre zu. Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass ich nur jeden zehnten Satz zu Ende sprechen kann, seit er da ist. Dass meine Gedanken wie Springmäuse durch meinen Kopf flitzen und meine Kreativität nur noch ein Gerücht ist.

Manchmal sehe ich ihn an, den Dreijährigen, der bald vier wird, und werde ganz traurig. Weil ich weiß, dass er nicht immer so nah bei mir sein wird. Ich hoffe, dass wir auch dann noch nach Harmonie streben, einander zuhören und Fragen stellen. Dass er mir erzählt, wenn ihn etwas bedrückt. Dass er Dinge übt, die er noch nicht kann. Dass er nie in ein anderes Land zieht. Und vor allem, dass wir uns immer verzeihen können.

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Schreibt über Gesellschaft, Politik, Medien und manchmal über Österreich. Kolumne "Kinderspiel". War 2013 Volontärin der taz panter-Stiftung, dann taz-Redakteurin. Von 2019 bis 2022 Ressortleiterin des Gesellschafts- und Medienressorts taz zwei. Lebt und arbeitet in Wien.

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