Regisseurin über häusliche Gewalt

„Das Schweigen brechen“

Am Beispiel der eigenen Familie: Die Regisseurin Valentina Primavera untersucht in ihrem ersten Film „Una Primavera“ Gewalt gegen Frauen.

Brustbild einer Frau mit Sonnenbrille und kurzen grauen Haaren in einem Garten

Fiorella Primavera musste erst lernen, ihre Freiheit zu gebrauchen Foto: Fugu

Für Valentina Primavera ruft das Wort „Frühling“ zwei Assozia­tionen hervor: Neuanfang und Familie. Erstere ist für die meisten nachvollziehbar, Letztere eine persönliche Angelegenheit, denn sie hat mit ihrem Familiennamen „Primavera“ (auf Italienisch: Frühling) zu tun. Dass die in Berlin lebende Regisseurin ihren Debütfilm „Una Primavera“ betitelt hat, ergibt Sinn. Die Dokumentation handelt nämlich zum einen von dem Neuanfang, den Primaveras Mutter anstrebt, nachdem sie ihren Mann nach der letzten Episode häuslicher Gewalt verlassen hat, und zum anderen von der Familienkonstellation der Regisseurin, deren patriarchale Strukturen sie in den Blick nimmt.

taz: Frau Primavera, was hat Sie dazu bewegt, einen Dokumentarfilm über Ihre Familie zu drehen?

Valentina Primavera: Der Auslöser war die Entscheidung meiner Mutter, meinen Vater nach vierzig Jahren Ehe und unser Familienhaus in Roseto degli Abruzzi (Kleinstadt in der italienischen Region Abruzzen, Anm. d. Red.) zu verlassen. Denn mit diesem Schritt hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben ihre eigenen Bedürfnisse als Individuum in den Vordergrund gestellt und gleichzeitig all das, worüber sie ihre Identität bis dahin definiert hatte, hinter sich gelassen. Das hat viele Fragen sowohl für sie als auch für mich als Tochter aufgeworfen, in Bezug auf ihr Selbstverständnis und die Bedeutung der Familie. So habe ich beschlossen, sie in dieser Selbstfindungsphase mit der Kamera zu begleiten.

Dabei geben Sie tiefe Einblicke in Ihre Familiengeschichte: Es geht um häusliche Gewalt und tief sitzende patriarchale Strukturen. Wie trifft man die Entscheidung, all das öffentlich zu machen?

Den Film habe ich erst drehen können, als ich begriffen habe, dass es eben nicht nur um die Geschichte meiner Familie geht, nicht nur um meine Eltern Fiorella und Bruno, sondern um patriarchale Dynamiken und Rollenvorstellungen, die strukturell und somit universell sind. Diese gehen auch über die italienische Gesellschaft hinaus, wie leider die Statistiken zur häuslichen Gewalt in verschiedenen Ländern zeigen.

geboren 1985, wuchs in den Abruzzen auf. Seit 2010 lebt sie in Berlin, wo sie 2014 einen MA in Bühnenbild und Szenografie an der TU Berlin absolvierte. Tätig als Bühnen- und Kostümbildnerin, unter anderem für das Berliner Theater Hebbel am Ufer. „Una Primavera“ ist ihr Regiedebüt.

Enthält Ihr Film also keine Kritik an der italienischen Gesellschaft im Besonderen?

Doch. Ich halte die Art und Weise, wie in Italien mit Genderfragen umgegangen wird, für besonders problematisch. Es geht vor allem darum, wie über solche Themen geredet wird. Die Diskursebene ist komplett verschoben. Man denke nur an den Fall von Nilde Iotti (die erste Frau, die das Amt der Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer übernahm, Anm. d. Red.), die an ihrem 20. Todestag von der Zeitung Libero als „wohlgeformte Emilianerin, gut in der Küche und im Bett“ bezeichnet wurde; oder an die Diskussion, die an dem vermeintlich zu auffälligen Kleid der Ministerin Teresa Bellanova entflammte. Diese verrohte Sprache zementiert patriarchale Rollenbilder in der kollektiven Mentalität und wirkt sich unmittelbar auf das Selbstverständnis von Frauen aus.

Das führt zurück zum Film.

Richtig, denn unter diesen Bedingungen ist es für Frauen schwierig, patriarchale Dynamiken und sogar Gewalt zu erkennen. Im Film wird meiner Mutter stets gesagt, sie habe die Freiheit, zu entscheiden, sie könne sich neu erfinden. Das stimmt so nicht, denn um selbstbestimmt zu agieren, bedarf es Mittel, die ihr weder von der Schule noch vom Fernsehen oder von der Gemeinschaft, in der sie lebt, vermittelt wurden.

„Una Primavera“. Regie: Valentina Primavera. Österreich/Italien/Deutschland 2018, 80 Min.

Hatten Sie während der Filmarbeit keine Angst, zu nah dran an der Geschichte zu sein, um deren politische Dimension zu abstrahieren?

Das war in der Tat das Schwierigste an der Realisation des Films, auch weil ich die Kameraarbeit selbst übernommen habe. Dies war unabdingbar, denn meine Familie hätte sich einer Person von außen gegenüber nicht geöffnet. Doch deswegen habe ich ständig meinen Blick reflektieren müssen und nach den Dreharbeiten das Material lange nicht gesichtet, um einen emotionalen Abstand zu schaffen. Aber die echte Distanzierung konnte erst in der Schnittphase erfolgen. Mit dem Cutter Federico Neri habe ich versucht, Persönliches und Privates im Material zu trennen. Ersteres ist intim, hat dennoch einen politischen Wert. Letzteres befriedigt hingegen den Voyeurismus, ist jedoch kontraproduktiv für eine ernste inhaltliche Auseinandersetzung. Deshalb war unser Ziel, das Private aus dem Film auszuschließen.

Im Film beziehen Sie fast nie Stellung zu dem, was Ihre Protagonist*innen sagen oder tun, nicht mal, wenn zum Beispiel Ihr Onkel Mussolini zitiert („Es ist besser, einen Tag als Löwe zu leben, als hundert Jahre ein Schaf zu sein“), um Ihren Vater in Schutz zu nehmen. Ist das auch Distanzierung?

Um Stellung zu nehmen, hätte es nicht des Films bedurft, denn das tue ich täglich als Privatperson. Es wäre viel zu einfach gewesen, im Film meinen Vater zu verurteilen oder einen Streit mit der*dem einen oder anderen zu führen. Stattdessen habe ich meinen Blick auf die Kommunikationslücken innerhalb der Familienkonstellation und auf den Empathiemangel gerichtet, die sie erzeugen. Ich wollte die Gesten und die Reaktionen beobachten, zum Beispiel den Gesichtsausdruck meiner Schwester und dessen Wirkung auf meine Mutter, ohne zu kommentieren.

Wiederum zeugt die Entscheidung, im Film die Per­spektive Ihrer Mutter vorzuziehen, von einer klaren Haltung.

Das war für mich wesentlich, denn meine Mutter wurde von Anfang an mit der Herabsetzung ihrer Bedürfnisse, Gefühle und Probleme konfrontiert. Das passiert vielen Frauen, die zunächst als Mütter und nur dann als Frauen gesehen werden. Das führt dazu, dass sie in eine Art von Schweigen zurückfallen. Als meine Mutter den fertigen Film gesehen hat, hat sie mich zum Beispiel gefragt: „Wen soll meine Geschichte interessieren?“ Mit dem Film wollte ich in erster Linie ihr die Gelegenheit geben, erstmals das Schweigen über sich zu brechen. Das ist für mich die wichtigste Stellung, die ich hätte beziehen können.

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