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Regisseurin Jane Schoenbrun„Diese Filme kosten Gewalt aus“

Jane Schoenbrun hat die Horror-Slasher-Liebes-Komödie „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ gedreht. Ein Gespräch über Gilian Anderson und Transfeindlichkeit im Horrorgenre.

Jane Schoenbrun liebt Filme, die zugleich verführen und verstören. Schon mit „I Saw the TV Glow“, 2024 im Panorama der Berlinale gezeigt, machte sich die nichtbinäre trans Regieperson einen Namen als eine der eigenwilligsten Stimmen des queeren US-Kinos.

Der neue Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist nun Meta-Slasher, Liebesgeschichte und Selbstbefreiungstrip zugleich. Hannah Einbinder spielt die junge Regisseurin Kris, die eine berüchtigte Horrorreihe neu auflegen und dafür deren einstiges Final Girl Billy Presley (Gillian Anderson) zurückgewinnen will. Aus der Begegnung wird ein lustvoll-blutiger Exorzismus über Begehren, Scham und die transfeindliche Geschichte des Horrorgenres. Ein Gespräch über die eigene Transition, Gillian Anderson und die Frage, warum queere Freude heute bereits Widerstand sein kann.

Jane Schoenbrun

wurde 1987 geboren und studierte Film in Boston. Nach dem Spielfilmdebüt „We’re All Going to the World’s Fair“ (2021), der beim Sundance Film Festival vorgestellt wurde, folgte 2024 eine Einladung zur Berlinale mit „I Saw the TV Glow“. Schoenbruns Romandebüt, „Public Access Afterworld“ soll im laufenden Jahr erscheinen.

taz: Jane Schoenbrun, wie surreal war es für Sie, plötzlich mit Gillian Anderson, Agent Scully aus „Akte X“, zu arbeiten?

Jane Schoenbrun: Gillian kennenzulernen war verrückt. In der vierten Klasse war mein wertvollster Besitz die Romanfassung einer „Akte X“-Folge. Am ersten Schultag sollten wir ein Buch mitbringen, das zeigt, wer wir sind. Ein Junge an meinem Tisch sah mein Buch, und ich konnte beobachten, wie ihm das Gesicht entgleiste: „Ach, auf so etwas stehst du?“ Meine Liebe zum Genrekino und mein Nerdtum gehörten schon immer zur gleichen Familie wie meine Queerness und mein Anderssein. Als ich Gillian über Zoom traf, fühlte es sich an, als würde ich jemandem aus meiner Kindheit begegnen. Aber sie ist eine ernsthafte Künstlerin, und sie ist nicht Dana Scully. Viele lesbische Freundinnen haben mir erzählt, dass sie beim Entdecken ihres Begehrens eine Rolle spielte.

taz: Ihre Liebe zum Horror begann früh. Sie haben als Kind sogar „Akte X“-Fanfiction geschrieben.

Schoenbrun: Mit acht oder neun, ja. In der Mittelstufe hatte ich dann so einen billigen Camcorder und bestellte meine Freun­d*in­nen zu mir nach Hause, damit sie Slasherfilme nachspielten. Von einem besitze ich noch eine Kopie, und die wird niemals veröffentlicht. Die bleibt schön im Giftschrank.

taz: Was faszinierte Sie als Kind an den Slasherfilmen aus den Achtzigern?

Schoenbrun: Ich bin nicht mit Bergman aufgewachsen, sondern mit dem Fernsehen und der Videothek. Die Horrorabteilung übte eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich aus. Im Rückblick wird mir klar, wie sexuell aufgeladen das war: Dorthin sollst du nicht gehen, aber ich gehe trotzdem hin. Oh, sieh dir „Puppet Master“ an! Dieses Cover sieht total abgefuckt aus. Ich sollte mir das nicht ansehen, aber ich werde es tun. Manche Horrorfilme verstören mich. Und dann gibt es welche, die ich so ansehe wie die Sketche in „Saturday Night Live“. Viele Slasherfilme versuchen nicht einmal ernsthaft, einem Angst einzujagen. Man nimmt an einem Ritual teil: Ich hole Süßigkeiten, lade meine Freun­d*in­nen ein, und dann johlen und brüllen wir bei einem völlig maßlosen Tod und möglichst viel Blut. Das ist für uns ein Ritual und macht irre Spaß.

taz: Ihr Slasherkiller heißt Little Death und trägt einen Helm mit Lüftungsschlitzen. Wie entstand die Figur?

Schoenbrun: Mir war klar, dass ich einen Slasherkiller brauchte. Er sollte Spaß machen und sich als Actionfigur eignen. Über Weihnachten lag ich im Haus der Familie meiner damaligen Beziehung im Bett, konnte nicht schlafen und starrte an die Decke. Dort war diese Lüftungsöffnung. Und ich dachte: Das ist es!

taz: „Little Death“, der kleine Tod, bezeichnet auch den Orgasmus.

Schoenbrun: Der Film enthält eine Menge prätentiöses Zeug …

taz: Das wollte ich damit nicht sagen.

Schoenbrun: Nein, nein, schon gut. Der Film macht sich ja auch über meine pseudointellektuelle, akademische Seite lustig. Kris hat einen Film namens „Jouissance“ gedreht: Hitchcocks „Psycho“ aus der Perspektive des Duschvorhangs – allerdings nur im letzten Drittel. Doch die Jouissance, der psychoanalytische Begriff für eine Lust, in der Genuss und Schmerz ineinander übergehen, steht im Zentrum des Films: Lust und Tod sind miteinander verflochten, ebenso die konstruktive und die zerstörerische Kraft des Orgasmus. Bei der Konzeption des Blicks, den der Film auf Sex wirft, habe ich viel von dem französischen Philosophen Georges Bataille gelesen. In Slasherfiguren wird eine Menge seltsamer, allegorischer, psychosexueller Scheiß verarbeitet: im Killer, im Opfer, im Final Girl. Ich wollte diese Tropen queeren. Den Slasherkiller sowohl zum Instrument des Begehrens als auch zum Mittel zu machen, den Höhepunkt zu erreichen, erschien mir als der richtige Weg.

taz: Wann wurde Ihnen bewusst, dass die Freude an diesen Filmen auch eine problematische Seite hat?

Schoenbrun: Man spürt, dass unter ihrer Oberfläche etwas Bösartiges lauert. Diese Filme kosten die Gewalt aus, insbesondere die gegen Frauenkörper – auf eine Art, bei der man anschließend duschen muss. Der für mich persönlichere Aspekt ist die Traditionslinie des trans Monsters: von Norman Bates über Buffalo Bill in „Das Schweigen der Lämmer“, „Dressed to Kill“ und „Sleepaway Camp“ bis zu „Ace Ventura“. Ich wuchs in den Neunzigern als Kind auf, das sich noch nicht als trans verstand. Vielleicht lag das daran, dass meine wichtigste Assoziation mit Transsein lautete: Das ist der Typ, der seinen Penis nach hinten klemmt und diesen bizarren Tanz aufführt. Oder jemand, der sich einen Anzug aus Menschenhaut anfertigt. Wenn ich einen persönlichen Film darüber drehen wollte, mich in meinem Körper und mit meiner Sexualität wohlzufühlen, war der Bösewicht ganz offensichtlich: diese Scham. Sie ist verinnerlicht, aber sie kam nicht aus meinem Inneren. Sie kam aus der Kultur.

taz: Ihr neuer Film ist dabei auf eine andere Weise persönlich als frühere Arbeiten.

Schoenbrun: Es ist mein erster Film nach der Transition. „I Saw the TV Glow“ schrieb ich direkt nach der überwältigenden Erfahrung, mit Anfang 30 allen Menschen in meinem Leben – meiner Familie, meiner Frau – zu sagen, dass ich vor einer Transition stehe. Damals hatte ich die guten Seiten noch nicht erlebt. Ich beschreibe es manchmal so: Bei einem Medikament stellen sich zuerst die schlimmen Nebenwirkungen ein. Man muss warten, bis sich auch die positiven Effekte zeigen.

taz: Und bei „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ war das der Fall?

Schoenbrun: Ja. Der Film handelt von dem seltsamen, schönen und zärtlichen Prozess, in den Dreißigern zum ersten Mal das zu erleben, was die meisten Menschen in ihrer Jugend erleben: in einem Körper, einer Sexualität und einer Identität anzukommen, die sich richtig und gut anfühlen – die sich nach einem selbst anfühlen. Und weil man viele Jahre mit dem Gegenteil gelebt hat, geht es auch darum, das dadurch entstandene Trauma aufzulösen.

taz: Sie haben das Drehbuch noch während der Biden-Jahre geschrieben. Hat Donald Trumps Wiederwahl den Film verändert?

Schoenbrun: Nein, nicht wirklich. Ich hatte immer damit gerechnet, dass Trump wiedergewählt werden würde. Als Biden gewählt wurde, dachte ja niemand: Gott sei Dank, jetzt ist alles wieder in Ordnung. Ich dachte eher: In diesen vier Jahren können wir einmal durchatmen. Aber das Problem ist noch lange nicht erledigt. Das waren die Jahre, in denen ich zu mir selbst fand und zum ersten Mal Freude in mir erfahren konnte. Mir war bewusst: Ich drehe einen lebensfrohen queeren Film zu einer Zeit, in der trans Menschen massiv angegriffen werden. Einen Film zu machen, der sexy und von queerer Freude und queerem Begehren durchdrungen ist, ist ein Akt des Widerstands.

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