Regisseur über iranischen Exil-Film: „Ein Kind kann zu einem Mörder heranwachsen“
Parviz Sayyad hat vor über 40 Jahren einen Film über die iranische Republik gedreht. Damals hoffte er noch, dass das Regime bald fallen würde.
Taz: Herr Sayyad, Sie haben im Jahr 1983 mit „The Mission/Der Auftrag“ einen Film über das iranische Unrechtssystem gemacht, der heute immer noch sehr aktuell ist. Man kann Ihre künstlerische Weitsicht nur bewundern. Aber ist es nicht auch sehr bitter, dass Sie recht behalten haben?
Parviz Sayyad: Das Wort „bitter“ spiegelt genau mein momentanes Gefühl wider – weil ein Teil von uns Menschen dazu bestimmt ist, einen anderen Teil von uns zu töten! Meine persönliche Vorhersage zur Zeit der Entstehung von „The Mission“ war, wie bei vielen Iranern und Iranerinnen auch, dass solche Bedingungen in unserem Land nicht von Dauer sein würden. Leider ist das nicht der Fall gewesen, sondern die Situation hat sich sogar verschärft und ausgeweitet! Heute bedauere ich, dass die Vorhersage des Films eingetreten ist anstelle meiner eigenen!
geboren 1939, ist iranischer Schauspieler, Regisseur und Drehbuchschreiber. Kurz nach der iranischen Revolution im Jahr 1979 emigrierte er in die USA, wo er seitdem im Exil lebt. 1983 inszenierte er in den USA den Film „Ferestadeh/The Mission“, in dem er selbst einen Exil-Iraner spielt. Der Film wurde auf der Berlinale gezeigt und gewann den großen Preis der Jury beim Locarno Film Festival.
taz: Der Film ist ja eine Tragödie, aber Sie erzählen sie mit erstaunlich viel Humor. Warum haben Sie dieses Stilmittel gewählt?
Sayyad: Meine Arbeitsmittel im iranischen Fernsehen und im Kino waren Komödie und soziale Kritik. Dieselbe Methode habe ich auch in „The Mission“ angewandt. Vergessen wir nicht, dass das Leben nicht zwischen Komödie und Drama unterscheidet. Auch beim Trauern kann der Wind jemandem den Hut vom Kopf wehen.
taz: In Ihrem Film erzählen Sie von einem Attentäter, der vom Iran in die USA geschickt wird, um dort einen Exilanten zu töten. Sie zeichnen ihn als einen „guten“ Menschen und tragischen Helden. Warum haben Sie sich dazu entschieden?
Sayyad: Er wird ja aufgrund seiner ideologischen Auffassung nach New York geschickt und bei dieser Mission zu etwas gedrängt. Ich glaube, dass kein Kind von Natur aus als ein Mörder zur Welt kommt. Aber es kann zu einem Mörder heranwachsen oder unter bestimmten Umständen zum Mord gezwungen werden.
taz: Sie machen ja gerade eine Kinotour mit dem Film durch Deutschland. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?
Sayyad: Vor allem hat mir die Tour, die von der deutsch-iranischen Filmemacherin Niloufar Taghizadeh organisiert wurde, gezeigt, dass der Film mit der Zeit eine andere Beziehung zum Publikum aufgebaut hat – sehr verschieden von der Zeit der Aufführung im Jahr 1983. Damals waren die Iraner und Iranerinnen in den iranisch geprägten Städten im Ausland noch nicht von der revolutionären Begeisterung abgefallen, und in Städten wie New York und Los Angeles fanden immer noch Demonstrationen zur Unterstützung der Islamischen Revolution und von Chomeini statt. Im Gegensatz zum nicht iranischen Publikum stieß der Film bei Iranern und Iranerinnen darum nicht auf so viel Begeisterung und es gab damals einige unangenehme Begegnungen. Ich will dazu einen großen klassischen Dichter zitieren: „Die Zeit hat mir eine weise Lehre gegeben. Wenn man die Zeit gut betrachtet, ist alles eine Lehre.“
Organisiert vom Salon Underground, der sich zensierter Kunst und Künstler*innen weltweit widmet, ist Parviz Sayyad gemeinsam mit der deutsch-iranischen Filmemacherin Niloufar Taghizadeh zu einigen Aufführungen von „Ferestadeh/The Mission“ in Deutschland zu Gast: 10. Juli, 19.30 Uhr, Kinoladen, Oldenburg (ausverkauft); 11. Juli, 22 Uhr, Babylon, Berlin; 13. Juli, 20.30 Uhr, Cinema, Frankfurt am Main
taz: Sie haben mehr als Ihr halbes Leben im Exil verbracht. Glauben Sie noch daran, dass sich die Verhältnisse im Iran bessern werden?
Sayyad: Was heute im Iran passiert, ist, mit den Worten unseres großen klassischen Dichters Ferdousi: „… alles eine Geschichte voller tränender Augen“. Die schwierigste Aufgabe für Menschen wie mich ist es, sich nicht der Hoffnungslosigkeit zu ergeben. Das bedeutet, dass ich alles in meiner Macht Stehende getan habe, um dies zu vermeiden.
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