Rechtsextremismus in Pankow: Rechter Kampfsport im Bezirksstadion
In Pankow trainieren gewaltbereite Neonazis immer wieder auf bezirklichen Sportplätzen. Trotz Maßnahmen des Bezirks gehen die Trainings weiter.
Foto: Okular Media
Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren vor, dass militante Neonazis auf Pankows bezirklichen Sportanlagen Kampfsport trainieren. Fotos, die der taz vorliegen, legen nun nahe, dass dies auch am Sonntag vor rund zwei Wochen der Fall war. Veröffentlicht wurden die Bilder zuerst auf der Rechercheplattform Aus dem Weg. Vier Personen aus dem Umfeld der faschistischen Kleinstpartei Dritter Weg sollen darauf beim Training im Kissingenstadion zu sehen sein. Auch mit dabei: ein bekannter Berliner Kader der Nationalrevolutionären Jugend (NRJ), der Jugendorganisation des Dritten Wegs.
Die Pankower Bezirksverordnetenversammlung hat sich in den vergangenen Jahren mit dem Training militanter Rechtsextremer auf bezirklichen Sportanlagen befasst. Im Fokus standen vor allem zwei Orte im Bezirk: das Kissingenstadion an der Forchheimer Straße sowie eine kleine Halle auf dem Sportareal Rennbahnstraße in Weißensee, die der Verein TSC Preußen ’97 für Boxtrainings nutzt.
2024 reagierte der Bezirk schließlich und passte die Nutzungsordnung für öffentliche Sportanlagen an: So verbot er etwa verfassungsfeindliche Symbole auf bezirklichen Sportplätzen. Zudem wurden Schulungsmaßnahmen zur Sensibilisierung der Platz- und Hallenwarte durchgeführt. Auch unangekündigte Kontrollen waren vorgesehen.
taz-Recherchen deuten nun jedoch darauf hin, dass die Trainings an beiden Orten fortgesetzt werden. Für das Kissingenstadion sind laut dem Berliner Register – einer Meldestelle für rechte Vorfälle – neben dem Training vor rund zwei Wochen zwei weitere Trainings im März dieses Jahres bekannt. Bei einem dieser Trainings sollen rund 10 bis 12 Personen laut der Meldung geübt haben, „wie auf am Boden liegende Personen gemeinschaftlich eingeschlagen werden kann“. Teils sollen sie dabei einschlägige T-Shirts getragen haben, unter anderem vom Dritten Weg.
Auch in der Halle des TSC Preußen am Sportareal Rennbahnstraße halten die Trainings mit Rechtsextremen offenbar an. Fotos der taz von mehreren Trainingstagen im April dieses Jahres zeigen Männer aus Strukturen wie dem Dritten Weg und der Neonazi-Partei Die Heimat. Mindestens zwei von ihnen waren bereits 2022 dabei, als die Trainings durch einen Indymedia-Artikel erstmals öffentlich wurden.
Rauswurf als Bauernopfer?
Damals hatten rund 20 Neonazis vom Dritten Weg und der Identitären Bewegung auf einem Platz nahe der Halle trainiert, die der TSC dort nutzt. Ende 2024 teilte der für Sport zuständige Bezirksstadtrat Jörn Pasternack (CDU) dann allerdings mit, der Vereinschef des TSC, Manfred R., habe die Neonazis aus dem Verein geschmissen. Antifaschist:innen mutmaßten jedoch, der Verein habe „höchstens ein paar Bauernopfer“ rausgeworfen.
Gänzlich unbegründet scheinen die Zweifel nicht: Zwar ist die Zahl der teilnehmenden Neonazis nach taz-Informationen offenbar deutlich zurückgegangen. Doch auch ein weiterer bereits 2022 bei Indymedia genannter Mann aus dem Umfeld des Dritten Wegs war offenbar noch im Mai 2025 in der Halle, wie ein der taz vorliegendes Foto nahelegt. Ende vergangenen Jahres äußerte zudem ein bekannter NRJ-Kader vor Gericht, er trainiere beim TSC Leichtgewicht.
Die taz hat sich bei beiden Sportstätten umgehört: Ein Mitarbeiter des Kissingenstadions, der anonym bleiben möchte, sagte der taz, es seien „keine Aktivitäten von Rechtsextremen aufgefallen“. Man achte jedoch „akribisch“ darauf und sei in der Vergangenheit für rechtsextreme Symbole sensibilisiert worden. Zugänglich ist der Platz während der Öffnungszeiten für jeden.
Den Vereinschef des TSC Preußen, Manfred R., den Mitarbeiter auf dem Sportareal Rennbahnstraße kumpelhaft „Manne“ nennen, erreichte die taz bis Redaktionsschluss nicht. Auch telefonische und schriftliche Anfragen blieben unbeantwortet.
Der TSC gibt auch sonst nicht viel über sich preis. Informationen zum Verein gibt es kaum. Dem Land Berlin gilt der Verein derzeit als „förderungswürdige Sportorganisation“. Die Prüfung der Förderungswürdigkeit sei jedoch „fortlaufend angelegt“, heißt es seitens der Senatsverwaltung. Der TSC erhält keine finanziellen Zuwendungen, hat vom Bezirk aber die Zulassung für die kleine Halle auf dem Sportareal Rennbahnstraße. Der aktuelle Nutzungsvertrag des Vereins endet im März nächsten Jahres, eine Verlängerung ist jedoch nicht ausgeschlossen.
„Ausschluss wegen Gesinnung nicht zulässig“
Über die regelmäßigen Trainings mit Neonazis beim TSC lägen dem Bezirksamt „keine belastbaren Erkenntnisse“ vor, ließ Bezirksstadtrat Pasternack die taz wissen. Man positioniere sich „eindeutig gegen ein Training von Neonazis auf öffentlichen Sportanlagen des Bezirks“, so Pasternack, ein „Ausschluss von Sporttreibenden allein aufgrund ihrer Gesinnung“ sei jedoch rechtlich nicht zulässig.
Die sportpolitische Sprecherin der Linken in der BVV, Jaana Stiller, ist angesichts der Neonazi-Trainings im Bezirk besorgt: Natürlich sei es „richtig, dass der Bezirk auf rechtlich einwandfreier Grundlage arbeiten muss“, sagt sie. Jedoch zeige sich hier, dass der bezirkliche Ansatz auf Grenzen stoße, weil dieser „fast ausschließlich auf offensichtliche Verstöße wie das Tragen verfassungswidriger Symbole“ reagiere. Das führe mitunter dazu, dass extrem rechte Symbole „schlicht nicht gezeigt werden“.
Stiller fordert vom Bezirk deshalb ein konsequenteres Einschreiten: „Wenn seit Jahren öffentlich bekannt ist, dass bekannte Rechtsextreme auf bezirklichen Anlagen trainieren, reicht es nicht aus, fehlende Erkenntnisse oder Vorfälle als Begründung dafür anzuführen, dass man keine Konsequenzen zieht, denn die Gruppen schlagen regelmäßig auf Andersdenkende ein“, so die Linkspolitikerin.
Tatsächlich kam es in Berlin in den vergangenen Jahren wiederholt zu brutalen Angriffen gegen Linke und Antifaschist:innen, an denen sich mutmaßlich Mitglieder des Dritten Wegs beteiligten. Besonders schwerwiegend war etwa der Angriff am Berliner Ostkreuz im Jahr 2024, bei dem rund 15 bis 20 Neonazis Knüppel, Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzten.
Im Mai des vergangenen Jahres dann versuchten Neonazis, mit Hämmern bewaffnet in die Szenekneipe „Fischladen“ in Friedrichshain einzudringen. Und erst kürzlich wurde in Pankow eine linke Aktivistin von Personen angegriffen, von denen die Betroffene vermutet, dass es sich um Mitglieder des Dritten Wegs handelt.
Die Nutzung bezirklicher Sportanlagen durch Rechtsextreme sei „hoch problematisch“, betont auch die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) auf Anfrage der taz. Es sei „nicht hinzunehmen, dass erklärte Gegner:innen der Demokratie staatliche Infrastruktur nutzen, um sich womöglich auf den von ihnen angestrebten Umsturz vorzubereiten“.
Mit Blick auf die Trainings im Kissingenstadion erhofft sich die linke Bezirksverordnete Stiller nun, dass dort das Hausrecht künftig konsequenter durchgesetzt und bekannten Neonazis Hausverbote erteilt werden. Zudem fordert sie den Bezirk auf zu prüfen, ob auf eine Verlängerung des Nutzungsvertrags mit dem TSC Preußen verzichtet werden kann.
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