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Rechte Drohungen in CottbusPolitik sichert Pfarrer Schutz zu

Polizei, Staatsschutz, Gespräche mit der Politik: Nach mutmaßlich rechten Drohungen in Cottbus schaltet sich die Landesregierung ein.

Auch in der Nazi-Hochburg ist es bunt: CSD in Cottbus Foto: Frank Hammerschmidt/picture alliance/dpa

dpa | Einschüchterungsversuche und offene Drohungen aus der rechten Szene alarmieren zunehmend die Politik in Brandenburg. In Cottbus ist ein Studentenpfarrer Opfer geworden, der für die Initiative Sichere Orte Südbrandenburg engagiert ist. Er bekommt nach einer Drohung vor seiner Wohnungstür jetzt nicht nur aus der Kirche viel Unterstützung.

Brandenburgs Kultur- und Wissenschaftsministerin Manja Schüle traf sich mit dem Pfarrer und mit Vertretern der Hochschule. „Ich sage allen, die mit Worten, Stickern, Tattoos oder Tritten Angst verbreiten wollen: Das ist unser Zuhause – und Hass findet hier keine Heimat“, sagte die SPD-Politikerin.

Es gibt auch Berichte über rassistische Beleidigungen bei einer Semesterparty für Studierende. Zudem wurden in der Vergangenheit auch Jugendclubs und alternative Wohnprojekte vermehrt zur Zielscheibe mutmaßlich rechter Angriffe.

Innenminister tauscht sich mit Cottbuser OB aus

Auch Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) sicherte der Stadt in einem Gespräch mit Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD) am Donnerstag Rückendeckung und einen engen Austausch zu. Der Verfassungsschutz sei zur Aufklärung und Beratung eingeschaltet, hieß es.

Wie die Stadt Cottbus mitteilte, gingen die Vorfälle offenkundig von überwiegend rechtsextremen Jugendlichen aus, die in ihren Augen linke Einrichtungen als Feindbilder definierten. „Dem gegenüber stehen unter anderem eine starke Unterstützung der Betroffenen aus der Stadtgesellschaft in Cottbus und eine örtliche Polizei, die in jedem Fall umgehend reagiert und ermittelt.“ Auch Beratungsteams stehen Betroffenen vor Ort zur Verfügung.

Brandenburgs Minister für gesellschaftlichen Zusammenhalt, René Wilke (SPD), sagte, Staat und Gesellschaft seien gefordert, demokratisches Engagement zu sichern. Die Initiative Sichere Orte Südbrandenburg nahm die Vorfälle, die sie anhand von Berichten Betroffener bekannt gemacht hatte, zum Anlass, sich gegen befürchtete Kürzungen bei Demokratieprojekten zu wenden. „Wer sich gegen rechte Gewalt stellt, braucht Worte der Unterstützung, aber vor allem wirksames politisches und polizeiliches Handeln“, hieß es.

Die Initiative zählte mehrere Vorfälle aus der vergangenen Woche auf, dazu gehörten Hakenkreuze an der Fassade des Wohnprojektes „Zelle 79“ und der Hitlergruß. Den Vorfall vor der Wohnung, in der der Studentenpfarrer in Cottbus wohnt, schilderte die Initiative so: Zwei „Neonazis“ hätten die Haustür aufgetreten, seien mehrere Stockwerke zur Wohnung vorgedrungen und hatten vor der Wohnungstür randaliert. Aufkleber unter anderem mit der Aufschrift „Piss Dich nach Berlin“ seien hinterlassen worden.

Nach der Veröffentlichung hätten sich andere Betroffene gemeldet, so die Organisation. Demnach sei es bei der Semestereröffnungsparty der Brandenburgisch-Technischen Universität (BTU) in Cottbus, wo viele internationale Studierende eingeschrieben sind, zu rassistischen Beleidigungen gekommen. Die Polizei hat davon bislang keine Kenntnisse und rief Betroffene auf, sich zu melden. Die Hochschule teilte mit, mögliche rassistische Beleidigungen bei der Semesterparty seien bislang nicht offiziell gemeldet worden.

Allerdings beklagte die BTU mit einem hohen Anteil internationaler Studierender und Wissenschaftler schon vor Jahren Fälle von Rassismus und Gewalt auch am Campus. 2024 nahm eine Monitoringstelle an der Hochschule die Arbeit auf: Dort können Fälle rechter Einflussnahme und Diskriminierung an der Hochschule online gemeldet werden. Zudem werden „Safer Spaces“ geschaffen – Gruppen, in denen sich Menschen mit Diskriminierungserfahrungen austauschen können.

Auf der Homepage der Hochschul-Monitoringstelle schreiben Wissenschaftler, Cottbus und die Region in Südbrandenburg seien durch rechte „Dominanzbestrebungen“ herausgefordert. Es habe sich ein toxisches Milieu etabliert aus militant-neonazistischen Hooligan- und Kampfsportgruppen und Reichsbürgern bis hin zu neurechten Vereinen und der Partei AfD. Zudem sei das Netzwerk wirtschaftlich verankert etwa in der Gastronomie, über Sicherheitsfirmen und Musik- und Bekleidungslabels.

„Das ist traurige Realität“, sagte die Sprecherin der Initiative Sichere Orte Südbrandenburg, Ricarda Budke zu rechten Vorfällen in Cottbus. Sie rechnet mit einer hohen Dunkelziffer. Fachleute sprechen auch von einer Normalisierung rechter Einschüchterungsversuche und Gewalt.

Der Schwerpunkt rechter Gewalttaten lag 2025 nach erfassten Zahlen der Opferperspektive in Nordbrandenburg. Die meisten Fälle gab es im vergangenen Jahr im Kreis Märkisch-Oderland mit 46. Dahinter folgen die Stadt Cottbus mit 38 und der Kreis Oberhavel mit 23 Angriffen. Cottbus gilt seit Langem als eine Hochburg der rechten Szene. 2025 etwa wurde ein Angriff auf einen Studenten ghanaischer Herkunft bekannt.

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