: Recht ist nicht immer Realität
Aus Istanbul Can Tim Akinci
Serap Avcı trägt am Tag der Urteilsverkündung Anfang Dezember einen dunklen Blazer und eine dazu passende Hose. Die Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. In den Gerichtssaal in Küçükçekmece, ein westlicher Stadtbezirk von Istanbul, wird sie von drei Beamten der Gendarmerie geführt, die ihr erst an ihrem Platz die Handschellen abnehmen. Sie wirkt angespannt, ihre Augen sind gerötet, die Augenringe deutlich sichtbar. Seit der Ankündigung vor einer Woche, dass an diesem Tag das Urteil fallen wird, hat sie kaum geschlafen. Ihr Blick wandert zwischen Richterbank und ihren Anwälten, dann senkt sie den Kopf und schaut auf den Boden.
Sieben Jahre war Serap Avcı mit Yasin verheiratet. Während der gesamten Ehe erlebte sie fortlaufend körperliche und psychische Gewalt. Mehrfach kündigte sie an, sich scheiden lassen zu wollen, doch ihr Ehemann bedrohte sie jedes Mal. In der Nacht vom 17. auf den 18. April 2024 kam er betrunken und unter Drogeneinfluss nach Hause. Er griff Serap im Schlaf an, schlug sie und drohte, sie vom Balkon im zwölften Stock zu werfen. Hämatome, Abdrücke vom Balkongeländer und weitere Verletzungen an Augen und Körper belegen den Angriff. Serap wehrte sich mit einem Messer. Yasin erlag später den dabei erlittenen Verletzungen.
Noch in derselben Nacht wurde Serap Avcı festgenommen. Die Staatsanwaltschaft klagte sie wegen vorsätzlicher Tötung ihres Ehepartners an.
Als Serap Avcı an diesem Morgen den Gerichtssaal betritt, ist sie nicht allein. Feministische Unterstützerinnen begleiten den Prozess seit Beginn. Die Gruppe Feministler için Serap – Feministinnen für Serap – war an jedem Verhandlungstag anwesend. Vor dem Gerichtsgebäude halten sie ein violettes Banner hoch mit der Aufschrift: „Serap hayatta kaldığı için hapiste“ – Serap sitzt im Gefängnis, weil sie überlebt hat.
Die Unterstützerinnen kommen aus verschiedenen sozialen und politischen Kontexten. Einige tragen Kopftuch, andere nicht. Viele waren bei jedem Termin dabei. Im Saal zeigen sie ihre Solidarität lautstark. Als Serap den Raum betritt, rufen sie: „Serap yalnız değilsin“ – Serap, du bist nicht allein.
„Es gibt viele Frauen, die diesen Prozess verfolgen, nicht nur, weil sie wissen wollen, welches Urteil Serap Avcı erwartet, sondern weil es um ihre eigene Sicherheit geht“, sagte die Anwältin Gülyeter Aktepe in ihrem Plädoyer. Der Prozess gegen Serap Avcı ist zu diesem Zeitpunkt mehr als ein einzelnes Strafverfahren. Er ist zu einem Gradmesser geworden für die Frage, wie die türkische Justiz mit Gewalt gegen Frauen umgeht und ob Frauen, die sich gegen tödliche Gewalt wehren, Schutz oder Bestrafung erfahren.
Vor dem Saal sichert ein großes Polizeiaufgebot den größten Sitzungssaal der 6. Schwurgerichtskammer in Küçükçekmece. Beamtinnen und Beamte in stichsicheren Westen stehen auf dem Gang, Besucherinnen und Besucher drängen sich im Saal dicht an den Wänden. Rund zwanzig Unterstützerinnen und Angehörige Seraps sind gekommen. Auf der Seite der Anklage sitzt die Mutter des getöteten Ehemannes. „Eigentlich hätte hier ein Femizid verhandelt werden müssen“, sagt Serap Avcı. Dass es stattdessen um ihre Tat gehe, liege daran, dass sie überlebt habe.
Kurz vor der Verkündung fragte die Vorsitzende Richterin Serap Avcı, ob sie noch etwas sagen wolle. Die Angeklagte antwortete knapp: „Adalete inancım tam“ – ich habe vollstes Vertrauen in die Gerechtigkeit. Als die Richterin zu lesen beginnt, wird es still. Für viele im Saal geht es in diesem Moment nicht nur um das Urteil, sondern um ein Signal, wie die Justiz mit Gewalt gegen Frauen umgeht.
Die Kammer sprach Serap Avcı nicht frei. In der Kurzentscheidung stellte das Gericht fest, dass sie die Grenzen der Notwehr überschritten habe, weil ihre Abwehrhandlung nicht in jedem Moment zwingend erforderlich gewesen sei. Dies sei jedoch in einem entschuldbaren Zustand von Angst, Panik oder heftiger Aufregung geschehen. Deshalb verzichtete das Gericht auf eine Strafe. Juristisch unterscheidet sich diese Entscheidung deutlich von einem Freispruch: Die Tat gilt weiterhin als rechtswidrig, bleibt aber aufgrund der besonderen Umstände straflos. Avcı wurde noch am selben Tag aus der Untersuchungshaft entlassen.
Für die Verteidigung war der Fall kein Grenzfall, sondern ein Lehrbuchbeispiel für die Kluft zwischen Gesetz und Praxis. Notwehr sei im türkischen Strafrecht klar geregelt. „Das Problem ist nicht das Recht, sondern dass es Frauen kaum zugestanden wird“, sagt Gülyeter Aktepe. In Verfahren häuslicher Gewalt werde die Tat oft auf den unmittelbaren Moment reduziert. Die jahrelange Gewaltgeschichte bleibe dabei ausgeblendet.
„Gewalt entsteht nicht plötzlich. Sie baut sich auf und wird mit der Zeit normalisiert“, sagt die Psychologin Leyla Soydinç. Sie arbeitet für die Frauenorganisation Mor Çatı und begleitete Serap Avcı während ihrer Untersuchungshaft. Sie ordnet den Fall nicht individuell, sondern als typisches Muster häuslicher Gewalt ein. Kontrolle, Drohungen und Übergriffe verdichteten sich über Jahre, bis Entscheidungen nur noch unter akuter Bedrohung möglich seien.
Gülyeter Aktepe, Anwältin
Besonders gefährlich seien Trennungsphasen, sagt Soydinç. „Die größte Gefahr besteht nicht während der Beziehung, sondern dann, wenn Frauen gehen wollen.“ Der Versuch, sich zu lösen, werde von Tätern häufig als Kontrollverlust erlebt.
Hinzu komme ein strukturelles Misstrauen gegenüber staatlichem Schutz. Anzeigen, Kontaktverbote oder Schutzanordnungen böten vielen Betroffenen keine Sicherheit. „Frauen treffen Entscheidungen unter der Erfahrung, dass Schutz versprochen wird, aber nicht zuverlässig greift.“ Angst sei in solchen Situationen keine Überreaktion, sondern eine realistische Einschätzung. Entscheidungen wie die von Serap Avcı ließen sich nur im Zusammenspiel von Gewalt, Bedrohung und fehlender Absicherung verstehen.
In einer Phase anhaltend hoher tödlicher Gewalt gegen Frauen ist die Türkei das erste und bislang einzige Land des Europarats, das aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen gegen Gewalt ausgetreten ist. Der Austritt trat im Juli 2021 in Kraft. Gewalt habe dadurch nicht neu begonnen, aber die Rahmenbedingungen hätten sich verschoben, sagt Soydinç. „Wenn ein Staat ein internationales Schutzabkommen verlässt, verändert sich die Wahrnehmung von Verantwortung.“ Betroffene würden Vertrauen in staatliche Hilfe verlieren, Täter sich ermutigt fühlen.
Offiziell begründete die Regierung den Schritt damit, die Istanbul-Konvention sei von bestimmten Kreisen instrumentalisiert worden und werde dazu genutzt, „Homosexualität zu normalisieren“, was mit familiären Werten der Türkei nicht vereinbar sei. Präsident Recep Tayyip Erdoğan betonte, der Staat verfolge weiterhin eine Politik der Nulltoleranz gegenüber Gewalt gegen Frauen. Der Austritt bedeute keinen Rückzug aus dem Schutz von Frauen, erklärte er, und verwies auf bestehende Instrumente wie das Schutzgesetz 6284. In der Praxis bleibe der Verweis auf bestehende Gesetze jedoch oft folgenlos, sagt die Journalistin Evrim Kepenek. Entscheidend sei nicht, welche Gesetze existieren, sondern ob Gewalt tatsächlich verfolgt werde.
Der Austritt wurde von vielen Beobachtern als Signal an religiös-konservative Milieus interpretiert. Die Konvention galt als Angriff auf traditionelle Geschlechterrollen. Erdoğan wies dies zurück, doch die Umsetzung des Schutzgesetzes 6284 bleibt lückenhaft.
Es erlaubt richterliche Schutzanordnungen auch ohne Strafurteil, regelt Kontaktverbote, Wohnungsverweisungen und Begleitung durch Polizei und gilt formal als zentrales Instrument gegen häusliche Gewalt. Doch Schutzanordnungen werden oft nicht verhängt oder kontrolliert. Leyla Soydinç beschreibt das Ergebnis als permanente Unsicherheit für Betroffene. „Ein Gesetz schützt nur, wenn Frauen darauf vertrauen können, dass es im Ernstfall greift.“ Dieses Vertrauen sei in vielen Fällen erschüttert.
Parallel dazu verweisen internationale Beobachter auf strukturelle Defizite. Berichte des Europarats kritisieren seit Jahren, dass Schutzverantwortung zunehmend auf Kommunen und Familien verlagert werde, ohne dass ausreichende Ressourcen bereitgestellt würden. Nach dem Ausnahmezustand infolge des Putschversuches 2016 wurden zahlreiche Kommunen unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt. In mehreren Städten kam es zur Schließung oder Schwächung kommunaler Frauenhäuser. Frauenrechtsinitiativen wie Mor Çatı sprechen von einer schleichenden Unterfinanzierung, die Schutzangebote faktisch ausdünnt, während der Staat auf die formale Existenz von Gesetzen verweist.
„Wenn Gewalt keine klaren Konsequenzen hat, wird sie reproduziert.“ Mit diesem Satz beschreibt die Journalistin Evrim Kepenek ein zentrales Muster im Umgang mit Gewalt gegen Frauen in der Türkei. Kepenek berichtet seit Jahrzehnten über Femizide, begleitet regelmäßig Gerichtsverfahren und gilt als eine der profiliertesten Beobachterinnen der türkischen Justizpraxis in Fällen geschlechtsspezifischer Gewalt. Lange Verfahren, ausgeblendete Kontexte und strafmildernde Begründungen relativierten Gewalt und verschöben Verantwortlichkeiten. Straffreiheit werde so zum System.
Für Betroffene habe dieses System konkrete Folgen. Wenn Gewalt selten konsequent sanktioniert wird, entstehe die Erwartung, im Ernstfall allein zu bleiben. Straffreiheit wird so weniger als Einzelfall sichtbar denn als Klima, in dem Gewalt ermöglicht und fortgeschrieben werde.
Evrim Kepenek, Journalistin
An diese systemische Straffreiheit schließt für Evrim Kepenek ein weiteres Muster an. In vielen Verfahren würden männliche Kränkungen wie Zurückweisung, Kontrollverlust oder verletzte Ehre juristisch anerkannt, während weibliche Angst marginalisiert werde. „Was im Gesetz geschlechtsneutral aussieht, funktioniert in der Praxis häufig zugunsten von Männern“, sagt sie.
Frauen, die sich gegen Gewalt wehrten, gerieten hingegen schnell unter Rechtfertigungsdruck, ihre Handlungen würden psychologisiert und ihre Motive infrage gestellt. „Männliche Wut gilt oft als nachvollziehbar, weibliche Angst als übertrieben“, sagt Kepenek. Der Begriff „Männlichkeitsrabatt“ stehe dabei nicht für ein einzelnes Urteil, sondern für eine Praxis, die sich durch viele Verfahren ziehe. Im Fall Serap Avcı sei genau dieses Spannungsfeld sichtbar geworden, zwischen formaler Rechtsgleichheit und einer Praxis, die gesellschaftliche Machtverhältnisse fortschreibt.
Fälle wie der von Serap Avcı werden selten öffentlich verhandelt. Laut der jüngsten Erhebung des türkischen Statistikamts TÜİK aus dem Jahr 2024 hat mehr als jede vierte Frau in ihrem Leben psychische Gewalt erlebt, etwa jede achte physische und 5,4 Prozent sexuelle Gewalt. Fast jede zweite Betroffene spricht mit niemandem darüber, Gewalt bleibt damit häufig unsichtbar, solange sie nicht tödlich endet oder öffentlich wird.
Gleichzeitig gibt es keine verlässlichen staatlichen Zahlen zu Femiziden. Tötungen an Frauen werden nicht als eigene Kategorie erfasst. Die wichtigsten Fallzahlen stammen aus der Zivilgesellschaft. Die Initiative Kadın Cinayetlerini Durduracağız Platformu (Wir werden Frauenmorde stoppen) geht für das Jahr 2025 von 447 getöteten Frauen aus und dokumentiert die Fälle in einem digitalen Anıt Sayaç, einem öffentlich einsehbaren digitalen Mahnregister.
Hinzu kommen zahlreiche sogenannte verdächtige Todesfälle, etwa Stürze aus Fenstern oder von Balkonen, bei denen Gewaltkontexte ungeklärt bleiben. Frauenrechtsorganisationen gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum einzelne Gerichtsverfahren weit über den konkreten Fall hinaus Bedeutung erlangen.
Die Unterstützung von Organisationen fügt sich in eine breitere Protestkultur ein, die auch am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, sichtbar wurde. Am frühen Abend versammelten sich rund 300 Menschen, überwiegend Frauen, am Taksim -Tünel auf der İstiklal Caddesi. Der Ort liegt am Ende der Einkaufsstraße, nicht auf dem Taksim-Platz selbst, der seit Jahren für politische Versammlungen weitgehend gesperrt ist.
Bereits seit dem Nachmittag war in Stadtbezirk Beyoğlu ein erhöhtes Polizeiaufgebot spürbar. Straßenzüge wurden abgesperrt, die Stimmung war angespannt. Touristen mussten Umwege in Kauf nehmen, Geschäfte schlossen früher. Die sonst belebte İstiklal Caddesi wirkte vor Einbruch der Dunkelheit ungewohnt leer, dafür dominiert von zahlreichen Polizeikräften.
Dass Demonstrationen unter massiver Polizeipräsenz stattfinden, ist in der Türkei längst kein Ausnahmefall mehr. Seit dem Ausnahmezustand 2016 wurden Versammlungsrecht zunehmend eingeschränkt, Proteste regelmäßig verboten, aufgelöst oder eingekesselt, besonders an symbolischen Orten wie dem Taksim-Platz, der seit den Gezi-Protesten 2013 als Zentrum des Widerspruchs gilt.
Die Teilnehmenden standen dicht beieinander, Schulter an Schulter, von sehr jungen Frauen bis zu älteren Generationen, mit und ohne Kopftuch. Auf Bannern standen Slogans wie „Kadın cinayetleri politiktir“, Frauenmorde sind politisch, oder „Bedenimiz, emeğimiz, hayatımız bizim“ – unser Körper, unsere Arbeit, unser Leben gehören uns –, begleitet von lauten, routienierten Sprechchören. Am Ende wurde die Demonstration eingekesselt, Personen zeitweise festgenommen. Doch die Botschaft blieb klar: Die Frauenbewegung bleibt präsent, organisiert und entschlossen – trotz Repression. Wenige Wochen später, am 29. Dezember, begann im selben Justizgebäude in Küçükçekmece der nächste Prozess wegen tödlicher Gewalt gegen eine junge Frau. Ihre Leiche wurde in einem Fahrzeug gefunden, angeklagt ist ihr ehemaliger Partner.
Der Fall Serap Avcı steht nicht für sich. Immer wieder werden Verfahren bekannt, in denen Frauen nach jahrelanger Gewalt ihre Partner töten und selbst vor Gericht stehen. Namen wie Necibe Yolcu, Çilem Doğan oder Yasemin Çakal sind zu Symbolen einer Justiz geworden, die Notwehr von Frauen oft anzweifelt, während sie die vorausgehende Gewalt nur begrenzt berücksichtigt. Bewegung in diese Fälle kam meist erst durch öffentlichen und medialen Druck. Doch für viele andere Frauen gibt es selbst diese Öffentlichkeit nach wie vor nicht.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen