Rebelleneinmarsch aus Libyen: Der neue Krieg um Tschad

Tschadische Rebellen sind aus Libyen heraus bis nahe der Hauptstadt Ndjamena vorgerückt. Die Blitzoffensive gefährdet Frankreichs Sahel-Strategie.

In Rebellenhand: Zouar im Norden Tschads Foto: Jean Pierre de Mann / Robert Harding Heritage via afp

TUNIS taz | Im Tschad hatten am 11. April gerade die Wahllokale geschlossen. Die Bewohner der Oasenstadt Wour im äußersten Norden strömten auf die Märkte, um sich mit Lebensmitteln für den am nächsten Tag beginnenden Ramadan einzudecken. Nach dem Kriegsende in Libyen sollte der diesjährige Fastenmonat eine Atempause werden, trotz der wahrscheinlich sechsten Amtszeit des in Nordtschad unbeliebten Präsidenten Idriss Déby. Doch sich aus Libyen nähernde Staubwolken beendeten die Hoffnungen.

Wenige Stunden später hatten Kämpfer der Rebellenallianz FACT (Front pour l’Alternance et le Concorde au Tchad – Front für Wandel und Eintracht im Tschad) die 30.000-Einwohner-Oase und dazu die Orte Zouarke und Zouar erobert. Ihr Konvoi aus 400 Toyota Pick-ups hat die Machtbalance in wenigen Tagen auf den Kopf gestellt.

Die Kämpfer seien in brandneuen Jeeps und Uniformen eingerückt, berichten Bewohner aus Wour der taz am Telefon. Tschads Regierungssprecher Cherif Mahmat Zene bestätigte in der Hauptstadt Ndjamena, dass die Angreifer am 11. April gegen 18 Uhr ohne Widerstand die Grenze aus Libyen überschritten hätten.

Seitdem nähern sie sich täglich der 1.300 Kilometer entfernten Hauptstadt Ndjamena. Am Samstag, dem 17. April erreichten Rebellenkolonnen die Provinz Kanem direkt nordöstlich der Hauptstadt. Videos zeigen die Einnahme der Stadt Mao, weniger als 300 Kilometer von Ndjamena entfernt.

Zwar meldete Tschads Regierung am Samstag, den Rebellenvorstoß zurückgeschlagen zu haben. Doch riegelten zugleich Militäreinheiten die Hauptstadt ab, und am Sonntag wurde der Einsatz französischer Kampfflugzeuge gemeldet, um den tschadischen Regierungstruppen zu Hilfe zu kommen – wie bereits mehrfach in der Vergangenheit.

Freunde der russischen Wagner-Gruppe

Diesmal haben die Rebellen einen starken Verbündeten. Libysche Militärs berichten, dass die kilometerlange FACT-Kolonne vor drei Monaten aus dem Ort Sukna in den zentrallibyschen „schwarzen Bergen“ aufgebrochen sei. Unweit von Sukna in Libyen sind die russischen Wagner-Söldnertruppen stationiert, die zusammen mit Truppen des Feldmarschalls Chalifa Haftar, sudanesischen Söldnern und ägyptischen Spezialisten zwei Jahre lang versuchten, aus Ostlibyen heraus die libysche Hauptstadt Tripolis einzunehmen und in Libyen die Macht zu übernehmen.

Die tschadischen FACT-Kämpfer waren nach Aussagen des Menschenrechtsaktivisten Hamsa El Nahja bei Haftars Allianz dabei. Sie wurden in Gharian gesichtet, Haftars Hauptquartier im Westen Libyens, und rückten von dort in mehrere Hauptstadtbezirke ein.

Auch nach Haftars Niederlage im vergangenen Sommer, geschuldet dem Eingreifen türkischer Militärs auf Seiten der Regierung in Tripolis, schützten rund ein Dutzend moderne russische Mig-29-Jets weiterhin Wagner und die Söldner aus den Nachbarländern in Zentrallibyen. Sie sind auf dem Flughafen Dschufra stationiert, den FACT-Kämpfer gegen Angriffe des in der Region operierenden „Islamischen Staates“ (IS) schützen.

Der politische Beobachter Younis Issa vermutet, dass FACT von Wagner ausgerüstet und trainiert worden ist. Toubou-Militärkommandeure bestätigen der taz Militärtraining durch „europäische“ Spezialisten in Sukna.

Verlagert sich nun also der Libyenkrieg nach Tschad? Das von den Volksgruppen der Toubou und Touareg bewohnte Dreiländereck zwischen Libyen, Tschad und Niger ist eine der entlegensten Regionen des Planeten und doch entscheidend für die Kontrolle der gesamten Sahara.

Die Ausläufer des bis zu 3.500 Meter hohen Tibesti-Gebirges sind seit dem Zusammenbruch der staatlichen Strukturen in Libyen ein Magnet für Goldschürfer, Schmuggler und Migranten auf dem Weg nach Europa. Nun steht Tibesti im Visier der sich in Libyen gegenüberstehenden neuen Großmächte auf dem afrikanischen Kontinent – Türkei, Russland, Katar, Frankreich, China und die Vereinigten Arabischen Emirate.

In Tschad stehen französische Soldaten und Kampfjets, das Land ist Frankreichs wichtigster militärischer Verbündeter in der Region. Kurz vor Tschads Wahlen waren französische und tschadische Kommandos in Wour, dessen Luftwaffenbasis der von Paris zusammengeschmiedeten G5-Sahel-Militärallianz dienen soll – ein Zusammenschluss von Truppen aus Mauretanien, Burkina Faso, Mali, Niger und Tschad zum gemeinsamen Kampf gegen islamistische Rebellen.

Hier kämpfte schon einmal Frankreich gegen Libyen

Der gut vorbereitete FACT-Angriff ist ein Rückschlag für die französische G5-Sahel-Strategie. Younis Issa betont, dass die FACT mit Zouar praktisch den Norden Tschads kontrolliere. In dem zwischen Libyen und dem Tschad lange umstrittenen Aouzou-Grenzstreifen wurde in den letzten Jahrzehnten enorme Mengen Gold gefunden, zudem Uran und seltene Erden.

In den 1970er und 1980er Jahren führte der Gebietsanspruch des libyschen Diktators Muammar Gaddafi auf Aouzou zum fast zehnjährigen „Toyota-Krieg“, bei dem sich Frankreich und Libyen im Tschad direkt bekämpften. Der damalige libysche Oberbefehlshaber war General Haftar. Er verlor schmählich.

Tschadische Toubou-Soldaten schweißten damals mangels schwerer Waffen einfach Maschinengewehre auf ihre Pick-ups und verjagten die mit den neuesten russischen Waffen kämpfenden Libyer.

In der Neuauflage des Toyota-Krieges durch FACT sieht Younis Issa allerdings keine Revanche des mit der Niederlage vor Tripolis zum zweiten Mal gedemütigtem Haftar, sondern den russischen Versuch, Déby unter Druck zu setzen. Der seit 1990 regierende tschadische Präsident solle wohl seine Unterstützung für Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik überdenken, deren Regierung militärisch von Russland unterstützt wird, glaubt Issa.

„Débys Zeit ist abgelaufen“

Unabhängig davon ist der FACT-Vorstoß für Déby die größte Gefahr seit Jahren. Younis Issa hat in den letzten Tagen mit wichtigen Anführern aller Volksgruppen im Tschad und Libyen gesprochen. „Sie sind sich alle einig, dass die Zeit von Déby abgelaufen ist. Aber einen Krieg wollen vor allem die Toubou nicht. Denn ein Chaos wie nach dem Sturz Gaddafis in Libyen würde vor allem die Islamisten stärken.“

Issa war bis 2014 Kulturminister in Tripolis und fürchtet, dass Tschad ein Libyen-Szenario droht: „Stammesdenken, Korruption, Waffen aus Libyen und Flüchtlinge – eine explosive Situation auch für Europa.“

In den schwarzen Bergen rund um das zentrallibysche Sokna, von wo sich der FACT-Konvoi auf den Weg machte, sichten Durchreisende immer wieder kleine IS-Gruppen. Unter ihnen vermuten deutsche Ermittler auch einen Kontaktmann von Anis Amri, der Tunesier, der im Dezember 2016 einen Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin verübtet.

Während des Attentates sprach Amri mit einem IS-Mann aus Sokna. Wenige Wochen später bombardierten die USA dort mutmaßliche IS-Lager. „Seitdem hat Europa die Gegend wieder vergessen“, wundert sich Younis Issa.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de