Krieg in Libyen: Die Wüste bebt

Die Türkei gegen Russland und Frankreich. Libyens Krieg wird zum Stellvertreterkrieg. Jetzt wurde ein wichtiger Militärflughafen bombardiert.

Der Militärflughafen Watia in Libyen. Er wurde Ziel unbekannter Bomber Foto: Hazem Turkia / Anadolu

TUNIS taz | Die Lage an der Front in Libyen, nahe der Stadt Sirte, ist seit zwei Wochen auch ohne offiziellen Waffenstillstand zwischen den Milizen der Regierung von Fajis al-Sarradsch und der Libyschen Nationalarmee (LNA) des Generals Chalifa Haftar ruhig. Doch es scheint, dass die ausländischen Verbündeten der beiden Kriegsparteien in der Hauptstadt Tripolis und im Osten des Landes sich auf eine Entscheidungsschlacht um die Ölfelder vorbereiten.

Unbekannte Kampfflugzeuge bombardierten am Samstag die Luftwaffenbasis al-Watia im Regierungsgebiet. Nach Aussagen von Bewohnern des Nachbarortes Dschmel wurden in mehreren Wellen Raketen auf den größten Flughafen im Westen Libyens abgefeuert. Haftartreue Medien berichteten, der Angriff habe einem türkischen Luftabwehrsystem gegolten und es seien türkische Soldaten verletzt worden.

Die türkischen Behörden bestätigten den Angriff und die Beschädigung türkischen Militärmaterials. Das Verteidigungsministerium in Tripolis sprach von einem „feigen ausländischen Angriff“.

Das mehrere Quadratkilometer große Gelände war die Ausgangsbasis für Haftars Belagerung der Hauptstadt Tripolis zwischen April 2019 und Ende Mai 2020 gewesen. Der Fall Watias an regierungstreue Milizen war Mitte Mai der Wendepunkt in diesem Krieg gewesen.

Ali Masednah Kotany, Diplomat

„Europa kann Libyen nicht der Türkei, Ägypten, den Emiraten und Russland überlassen“

Mittlerweile konnten die sarradschtreuen Truppen ganz Westlibyen unter ihre Kontrolle bringen, die LNA ist in den Osten zurückgedrängt. Dies gelang vor allem mithilfe türkischer Kriegsschiffe und Drohnen. Tausende syrische Kämpfer wurden vom türkischen Geheimdienst nach Tripolis geflogen.

Türkische Transportflugzeuge bringen noch heute täglich Ausrüstung und Spezialisten nach Westlibyen. Mit dem werbewirksamen Einsatz von Minenräumkommandos an der ehemaligen Front will Ankara die Sympathie der Libyer gewinnen.

Bei einem Besuch in Tripolis am 5. Juli stellte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar den Preis für die Militärhilfe klar: Aus Watia soll eine türkische Militärbasis werden, in der Hafenstadt Misrata soll eine Basis der türkischen Marine entstehen.

In der Vorwoche hatte der Kommandeur des US-Afrika-Kommandos Africom, Stephen Townsend, in Westlibyen über die Pläne des Nato-Mitgliedes Türkei gesprochen. Türkische Soldaten arbeiten bereits in Watia am Aufbau eines Luftabwehrsystems.

Russland, das Haftar unterstützt, hat seinerseits mindestens 14 moderne Mig-29-Kampfflugzeuge aus Syrien in das zentrallibysche Dschufra verlegt, auf den größten Militärflughafen des Haftar-Gebietes. Aus türkischen Regierungskreisen wurde am Montag verlautbart, dass dieser Flughafen das nächste Ziel sein könnte.

Falls Russland über Watia im Einsatz war, wäre dies eine gefährliche Eskalation. Quellen aus Ostlibyen berichten der taz, dass der Angriff von Piloten der Vereinigten Arabischen Emirate von der Militärbasis al-Khadim bei Bengasi aus geflogen worden sei. Dort stehen emiratische Flieger.

Es können auch ägyptische Maschinen gewesen sein. Die beiden Länder sind die wichtigsten arabischen Unterstützer Haftars.

Medien in der libyschen Hauptstadt äußern derweil den Verdacht, dass französische Jets über Westlibyen im Einsatz waren. Die Webseite Libya Observer zitiert Augenzeugen aus Südlibyen, die Kampfjets an der Grenze zu Niger gesehen haben wollen. Frankreich hat in Niger und Tschad im Rahmen der Terrorbekämpfung Mirage-Kampfjets stehen, die eine sehr große Reichweite haben.

Frankreich hat sich diplomatisch immer hinter Haftar und gegen das türkische Eingreifen in Libyen gestellt. Am Montag vergangener Woche hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die „kriminelle Verantwortung“ der Türkei in Libyen gegeißelt.

Zuvor hatte der türkische Außenminister Mevlüt Cavasoğlu Frankreich eine „zerstörerische“ Haltung in Libyen vorgeworfen. Offiziere der Sarradsch-Truppen berichten der taz immer wieder, dass französische Fregatten vor der libyschen Küste mit elektronischen Störmanövern ihr Radar außer Gefecht setzen.

Frankreich und die Türkei sind auch direkt aneinandergeraten. Am Mittwoch zog sich Frankreich vorübergehend aus der Nato-Marinemission „Sea Guardian“ zurück, die im Mittelmeer das UN-Waffenembargo gegen alle libyschen Kriegsparteien überwacht, nachdem ein türkisches Kriegsschiff in Begleitung eines verdächtigen Frachters sein Feuerleitsystem auf ein französisches Kriegsschiff ausgerichtet hatte. Die ebenfalls im Mittelmeer zur Embargoüberwachung aktive EU-Marinemission „Irini“ hatte zuvor vergeblich versucht, den Frachter zu inspizieren.

Libyer wünschen Rückkehr zum Dialog

Erstmals bekämpfen sich im libyschen Stellvertreterkrieg ausländische Militärmächte also auch ohne libysche Beteiligung. Unter den fünf Millionen Libyern steigt derweil die Kriegsmüdigkeit und sowohl in Tripolis als auch in Bengasi wird über eine Rückkehr zu einem Dialog spekuliert.

„Europa kann Libyen nicht der Türkei, Ägypten, den Emiraten und Russland überlassen“, sagt der ehemalige libysche Botschafter Ali Masednah Kotany zur taz. „Wir werden wieder eine Kolonie.“ Er wünscht sich wie viele die Schaffung einer entmilitarisierten Zone zwischen Ost und West, um Gespräche zwischen Libyens Provinzen zu ermöglichen.

Ein Mitarbeiter der in Tunis residierenden UN-Mission für Libyen (Unsmil) berichtet der taz, dass an Plänen zur Entsendung von UN-Beobachtern gearbeitet wird. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im deutschen Bundestag, Norbert Röttgen, forderte in der vergangenen Woche, dass sich die Bundeswehr an einer solchen Mission beteiligen solle.

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