Reality-Show „The Race“: Haste mal 100 Dollar?
In der Reality-Show „The Race“ trampen und schnorren sich Content Creator durch Südostasien. Ihre größte Ressource sind westliche Privilegien. Muss das sein?
Während der Mann die beiden Deutschen kostenlos durch Malaysia kutschiert, erzählt er, dass europäische Backpacker in Asien früher immer gut behandelt worden seien. „Viele Europäer haben das ausgenutzt. Und wenn unsere Backpacker nach Europa kommen, dann hilft ihnen niemand.“
„Stimmt, stimmt“, sagt Adrian, einer der beiden Deutschen, Content Creator, der in seiner Freizeit durch den Irak trampt oder durch Syrien fährt, nur noch beschämt. Mehr fällt ihm da auch nicht mehr ein. Falk, der andere Mitfahrer, ebenfalls Content Creator, der mal von Rumänien nach Deutschland wanderte, schweigt.
Die beiden sind müde. Gerade waren sie noch auf einem Truck vom thailändischen Militär durch überflutete Gebiete im Süden des Landes gefahren, hatten in einer Notunterkunft geschlafen, von den Einheimischen Essen bekommen und waren schließlich nach Malaysia gelangt. Gefilmt hatten sie alles mit ihren Kameras.
„The Race,“ dritte Staffel ab sofort auf Joyn
Die Sache ist nur: Während viele Menschen in Südthailand durch die Überschwemmungen in dieser Zeit alles verlieren, befinden sich Adrian und Falk mitten in einem Spiel. „The Race“ ist eine Reality-Show, die ihren Ursprung auf Youtube hat und längst beim Streamingdienst Joyn läuft. Doch was ist das für eine Show, in der zur dritten Staffel ein paar Deutsche zum Spaß durch überflutete Gebiete in Südostasien reisen?
Ein Spiel, sagt Kulturtheoretiker Roger Caillois in seiner Arbeit „Die Spiele und die Menschen: Maske und Rausch“ sinngemäß, das findet in seiner eigenen Sphäre statt: freiwillig, innerhalb fest gesteckter Grenzen und Regeln, getrennt vom Alltagsleben. Das trifft auf „The Race“ zu. Doch während der Manöver durchs überflutete Thailand und der Ansage des Fahrers auf der Fahrt durch Malaysia crasht das Alltagsleben der Einheimischen in die Sphäre des Spiels.
Show trifft Nerv
Ein Realitätscheck, der Fragen aufwirft, wie moralisch vertretbar eine solche Show überhaupt ist. „The Race“ ist ein Wettlauf. Fünf Zweierteams, nur ihre Rucksäcke, kein Geld, kein Handy, dafür ausgestattet mit Kameras, werden in Hanoi ausgesetzt. Von dort müssen sie es irgendwie bis auf die kleine indonesische Insel Benan schaffen. Die Teilnehmenden sind Influencer, die ihre Reisen als große Abenteuer für Social Media inszenieren, so wie Falk und Adrian.
Dabei sind unter anderem auch Comedian Jerry Vsan und die beiden Journalist:innen Franz Johann und Magdalena Stefely, die hauptsächlich für Öffentlich-Rechtliche arbeiten. Die Show trifft einen Nerv, Millionen Klicks bezeugen die Relevanz des Formats und es passt ja in den aktuellen Zeitgeist.
Also: Länderpunkte sammeln, 30 Länder bereisen unter 30, auf Güterzügen fahren durch Marokko, mit dem Fahrrad durch Afghanistan – und alles verwerten für Social Media. Hauptsache extrem, Hauptsache edgy. Reisen als Individualitätsmarker im Kapitalismus, als Wettkampf, als Content.
„The Race“ bedient all das. Die Welt als Abenteuer zu betrachten, ist zwar schon seit Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ oder Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ ein Ding. Aber noch nie war all das so „grammable“ wie jetzt. Mit „The Race“ lässt sich das vermeintliche Abenteuer nach Hause holen. Weniger auf das große Drama gedreht als das „Dschungelcamp“, aber actionreicher als irgendeine Naturdoku von Arte.
Es ist alles dabei. Es gibt sympathische Charaktere wie Adrian und Falk, die sich tatsächlich sehr wertschätzend und respektvoll durch die Länder bewegen, auf die Menschen zugehen, ehrliches Interesse und Dankbarkeit zeigen, wenn sie von Lkw-Fahrern aufgegabelt oder zum Essen eingeladen werden.
Es gibt Party-Bros wie die Moderatoren Essow und JP oder den schon erwähnten Jerry Vsan, die im Hostel Geld mit Haareschneiden oder Comedy-Auftritten verdienen und die schamlos jeden neuseeländischen und britischen Sauftouri anquatschen, ob die nicht auch noch ein paar Dollar locker haben.
Das macht die Show ja grundsätzlich spannend. Weitestgehend nette Typen und zwei Frauen reisen um die Wette, machen Witze, sind ständig in Bewegung, entwickeln interessante Strategien, um mit der selbst gewählten Grenzerfahrung umgehen zu können. Sie exotisieren nicht, das ist das Gute. Aber sie erschnorren sich eben auch mit ihrem Europäer-Bonus Geld in Ländern, wo Menschen nur einen Bruchteil von dem verdienen, was die Race-Teilnehmenden so auf Tasche haben könnten.
Außerdem haben die zehn Teilnehmenden eher nichts zu befürchten. Ein Abenteuer, aber mit Absicherung. Wer keine Lust mehr hat, kann sich in Deutschland ins warme Bettchen kuscheln.
Von Angst getrieben
Die Länder, durch die die Teilnehmenden reisen, werden zum Bestandteil eines Entertainment-Produkts degradiert. Die lokalen Gegebenheiten, die Kultur, die gesellschaftlichen Errungenschaften und Probleme spielen nur am Rande eine Rolle. Sie sind nur Kulisse der Sphäre des Spiels. Ein Spielfeld, auf dem nicht die lokale Bevölkerung die Hauptakteure sind, sondern ein paar Content Creator, die möglichst schnell von A nach B kommen und sich selbst darstellen wollen.
Ausgerechnet die beiden Journalist:innen stellen sich als die launischsten Charaktere heraus. Immer wieder sind sie von Angst getrieben, obwohl die Locals nur ihr Bestes wollen. Egal ob in Vietnam oder in Thailand.
Es gibt eine Szene, da steckt sich der Journalist des Saarländischen Rundfunks, Franz Johann, ernsthaft einen GPS-Tracker in die Socke, weil er Angst hat, dass der Lastwagenfahrer, der ihn und seine Kollegin mitnimmt, ihnen etwas antun will. Plottwist: Er lädt die beiden nur zum Essen ein. Diese Szene sagt viel über Ressentiments und macht „The Race“ manchmal zu einer aufrichtigen Show, die Abgründe der backpackenden Content-Creator-Seele nicht unterschlägt.
Worum geht es am Ende? Klar, um die Erfahrung und um den Sieg. Eine große Ehre. Aber eigentlich ist völlig egal, wer „The Race“ gewinnt. „Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unter dem Spätkapitalismus“, schreiben Adorno und Horkheimer im Kulturindustrie-Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“.
Die Show ist eine, wenn auch unterhaltsame, Zurschaustellung westlicher Privilegien. Das vermeintliche Amusement dient auch der Reichweitensteigerung der Social-Media-Kanäle aller Teilnehmenden. Je höher die ist, desto mehr bezahlte Partnerschaften gibt es in Zukunft und desto mehr Content kann produziert werden.
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