Fastenbrechen in Istanbul.

Fastenbrechen im Ramadan vor der Blauen Moschee in Istanbul am 13. April Foto: Ozan Kose/afp

Ramadan in der Coronapandemie:Vom Fasten in Krisenzeiten

Wie begehen Gläubige inmitten einer Jahrhundertseuche den Ramadan? Eindrücke aus der Türkei, Indien, Tunesien und Deutschland.

14.4.2021, 18:52  Uhr

Als der Ruf des Muezzins um 19.37 Uhr am Dienstagabend ertönt, ist der Platz im Zentrum Istanbuls wie leergefegt. Die Restaurants sind geschlossen, die Wirte, die sich in normalen Zeiten hinter ihren dampfenden Töpfen auf den Ansturm der Fastenbrecher wappnen, sind genauso zu Hause wie alle anderen. Der Fastenmonat Ramadan steht dieses Jahr zum zweiten Mal im Zeichen von Corona.

Die Ramadanzelte, die normalerweise fast jede Kommune in der Türkei zur kostenlosen Speisung für Bedürftige auf den zentralen Plätzen aufbaut, gibt es nicht, nächtliche Feiern ebenso wenig. Die Mahlzeit am Ende des Tages, wenn das um 5 Uhr mit Sonnenaufgang begonnene Fasten endet, darf nur im engsten Familienkreis stattfinden.

Kurz vor dem ersten Fastenbrechen am Dienstag hat Präsident Erdoğan die Bevölkerung in einen strengen Ramadan-Lockdown geschickt. Nun gilt eine Ausgangssperre von 19 bis 5 Uhr. Da das Ende des Fastens erst nach 19 Uhr stattfindet, werden die Ramadan-Brote, das ofenfrische Pide, bereits früher verkauft als normalerweise. Reisen zwischen den Städten sind verboten. Und an den Wochenenden gilt eine komplette Ausgangssperre.

Außerdem nutzt die Regierung den Ramadan, um die Restaurants und Cafés wieder zu schließen. Das trifft vor allem die Säkularen, weil die Gläubigen tagsüber sowieso nicht ins Café gehen würden. Die Maßnahme wird deshalb als ideologisch kritisiert.

Dabei hätte die Schließung längst erfolgen müssen: Seit den Öffnungen Anfang März stiegen die Infektionen von moderaten 10.000 auf 60.000 Neuinfektionen pro Tag. Das macht das Land zum traurigen Spitzenreiter in Europa. Der Hotspot ist wieder Istanbul, wo die 7-Tage-Inzidenz bei 800 liegt. Eine gute Nachricht ist, dass die Zahl der Todesfälle nur moderat, auf rund 250 am Tag, angestiegen ist. Das liegt daran, dass mittlerweile alle über 65-Jährigen zweimal geimpft sind und auch die über 60-Jährigen nahezu alle ihre Dosis bekommen haben.

Für den Tourismus, einen der wichtigsten Wirtschaftszweige, sind die Infektionszahlen und die Gegenmaßnahmen eine Katastrophe. Wenn bei Ramadanende am 12. Mai die Bayram-Ferien beginnen, käme normalerweise der erste Ansturm auf die Hotels an der Ägäis- und Mittelmeerküste. Der wird dieses Jahr ausfallen. Ob es im Sommer besser wird, ist fraglich.

Aus Istanbul, Jürgen Gottschlich

Menschen beten in einer Moschee.

Gebet zum Ramadan in einer Moschee in Neudelhi am 13. April Foto: Sanjeev Verma/Hindustan Times/imago

In Indien fasten Gläubige trotz geschlossener Moscheen

Für eine kleinere Gruppe Mus­li­me wie Khozema Hussein ist Mittwoch schon der dritte Tag des Fastens. Er gehört zur muslimischen Gemeinschaft der Dawoodi Bhora, die in Mumbai 200.000 Menschen zählt. Hossein ist Leiter ihrer Gemeinschaftsküche im Stadtteil Bandra. Sie ist derzeit noch offen, aber die Moschee nebenan schon geschlossen. Da die Coronafälle in Mumbai wieder stark gestiegen sind, mussten alle Gotteshäuser schließen. 

Gekocht wird noch bis Ende der Woche.

Während des Ramadan beginnt Hosseins Arbeit später als sonst. Normalerweise stehen die Männer ab 3 Uhr früh in der Küche, bis mittags wird ausgeliefert. Jetzt kommt das Essen erst kurz vor Sonnenuntergang mit extra Iftar-Speisen zum abendlichen Fastenbrechen. Tagsüber fasten auch strenggläubige Bohra, sagt Hossein. Das ist bei Temperaturen von über 30 Grad nicht leicht, aber eine Frage der Gewohnheit.

In den umliegenden Gassen, in denen auch andere Mus­li­me leben, haben Händ­le­r:in­nen seit dem Nachmittag Mangos, Datteln und Granatäpfel drapiert. In einem Laden wird süßes Fladenbrot mit Nüssen gebacken. Doch das ändert nichts daran, dass im westindischen Maharashtra dieses Jahr Ramadan in einen Lockdown fällt. 

Am Dienstagabend wurde verkündet, dass ab Donnerstag ein neuer Lockdown zunächst für zwei Wochen gilt. Schon zuvor mussten viele Geschäfte schließen, es galt eine Ausgangssperre ab 20 Uhr. Die Bohra-Moschee war kaum mehr als zweieinhalb Monate offen, sagt Hussein. Die meisten indischen Muslime sind Sunniten, für die am Dienstag der Ramadan eigentlich mit dem Tarawih-Gebet in der Moschee begann. In Mumbai fiel das aus. 


Einige Geistliche und Gemeindevorsteher hatten vergeblich an Maharashtras Regierung appelliert, Beschränkungen von Moscheen zu lockern und Einlass unter Einhaltung eines Mindestabstands zu erlauben. Manche Mus­li­me wundern sich, warum der Lockdown erst nach dem lokalen Hindu-Neujahr (Gudhi Padwa) am Dienstag und dem in Mumbai wichtigen Gedenktag des Dalitvorkämpfers Bhimrao Ramji Ambedkar am Mittwoch beginnt.

Cafébetreiber Mohammed Hamed in Tunis

„Die Familientreffen sind doch lauter Superspreading-Abende“

Klar ist, dass in Mumbai die Fälle rasch ansteigen und die Krankenhäuser schon überlastet sind. Imran, der in der Nachbarschaft wohnt, kann die Unzufriedenen verstehen, aber auch die Politik. Es scheint Pech zu sein, dass Ramadan jetzt bereits zum zweiten Mal in den Lockdown fällt.

Aus Mumbai, Natalie Mayroth

Menschen auf einem Markt.

Einkaufen vor dem Fastenbrechen muss sein: Tunis am 13. April Foto: Adel Ezzine/Xinhua/imago

In Tunesien fällt Ramadan in eine handfeste Krise

In Tunesien sind die Einschnitte in das tägliche Leben recht moderat. Nach Beschwerden der Gewerkschaften und des Gas­tro­no­mie­ver­bandes hat Premierminister Hichem Mechichi die erst letzte Woche auf 19 Uhr vorverlegte Ausgangssperre wieder auf 22 Uhr geschoben. Nun können die Restaurants nach dem abendlichen Fastenbrechen immerhin mit Kunden rechnen.

Doch die meisten Menschen werden dieses Jahre schon aus Kostengründen die üppigen Iftar-Mahlzeiten im Kreise der Familie genießen. „Die Familientreffen sind doch lauter Superspreading-Abende“, lacht Mohammed Hamed in Tunis. Sein Café „Richelieu“ ist eines der wenigen Lokale in der tunesischen Hauptstadt, in dem man während des Ramadan auch am Tage essen und trinken kann.

Gesetzlich sei niemand zum Fasten verpflichtet, sagt Hamed. Die üblichen Kampagnen von Islamisten gegen tagsüber offene Restaurants werden dieses Jahr nicht erwartet. Die großen Fensterscheiben des „Richelieu“ waren in den letzten Jahren mit Zeitungspapier verdeckt – dieses Jahr reichen Werbeplanen vor der Terrasse. Doch wird am Eingang die Temperatur gemessen, auf dem Weg zum Tisch gilt Maskenpflicht. „Der öffentliche Raum ist sicherer als die Familientreffen“, so Hamed.

Aber wie passen Fasten, die Anti-Corona-Maßnahmen, eine handfeste sozialen Krise, der Machtkampf zwischen den politischen Lagern im Land und die jüngste Welle von Straßenprotesten zusammen? „Mal sehen, ob der kommende Monat die Lage beruhigt oder eine Eskalation birgt“, sagt ein Redakteur der staatlichen Nachrichtenagentur TAP (Tunis Afrique Presse).

Die Antwort erhielt er schneller als erwartet: Eine urplötzlich auftauchende Spezialeinheit der Polizei drängte in den ersten Stunden des Ramadan in das Gebäude, vor dem in den letzten Tagen Redakteure mit handgemalten Plakaten gegen die Einsetzung ihres neuen Geschäftsführers protestiert hatten. Die Mehrheit der TAP-Angestellten sehen in Kamel Ben Younis einen Lobbyisten der Islamistenpartei Ennahda. Nach einem kurzen Handgemenge und unter Beleidigungen verließ Younis sein Büro am Nachmittag wieder. Die Nerven liegen zu Beginn des Fastenmonats blank.

An den Tischen des „Richelieu“ wird nur kurz über den Sturm auf die TAP-Journalisten diskutiert. „Ich klinke mich für vier Wochen aus der Krise aus“, sagt eine Studentin. „Für mich ist der Ramadan eine Pause von der Politik.“

Aus Tunis, Mirco Keilberth

Menschen Beten in einer Moschee.

Und auch zum Ramadangebet gilt: Fenster auf und Lüften nicht vergessen in Berlin am 13. April Foto: Christoph Soeder/dpa

In Deutschland verabredet sich die Autorin per Videocall

Früher hat meine Familie das Fasten zu Hause gebrochen, später haben wir die Zusammenkunft mit Freunden und Familie in Restaurants verlegt – um auch jene einzubeziehen, die nicht fasten. Denn der Ramadan steht vor allem für Geselligkeit. Nicht umsonst heißt es zu dieser Zeit in Bosnien, dem Heimatland meiner Eltern: „Buj­rum nam dragi gost“, was übersetzt so viel heißt wie „Willkommen bei uns, lieber Gast“.

In diesem Jahr sind die Restaurants in Deutschland wegen der Coronapandemie geschlossen, deshalb findet das Fastenbrechen wie früher zu Hause statt. Die Mahlzeiten nehmen wir oft über Videochat zusammen ein. Jene Familienmitglieder, die nicht fasten, essen dann vor der Kamera eben ein zweites Mal zu Abend. Während wir sonst alle seit Monaten in Jogginghosen herumlaufen, haben wir jetzt endlich einen Grund, uns herauszuputzen. Meine Mutter kramt ihre Perlen raus, mein Vater zieht ein Sakko an und meine Großtante setzt ihre beste Perücke auf.

Auch meine Familie in Bosnien macht sich schick. Meine Großtanten schicken in der Whatsapp-Gruppe der Familie Fotos ihrer bunt-glitzernden Kopftücher, während sie auf dem Weg zum Abendgebet sind. In Bosnien öffnen die Moscheen zumindest für verkürzte Gebete ihre Türen.

Zwar könnten meine Eltern und ich auch in Berlin für das Abendgebet in die Moschee gehen. Stattdessen haben wir uns dagegen entschieden – und verfolgen die Gebete nun im bosnischen Fernsehen oder über Livestreams auf Youtube. Der Andrang ist während des Ramadan einfach zu groß, die Ansammlungen während der Pandemie zu gefährlich.

Wer nicht fasten kann oder will, kann spenden. Dieses Jahr fließt wie schon im Vorjahr Geld an Bedürftige, die besonders von Covid-19 betroffen sind – sei es durch eine Erkrankung oder durch den Verlust der Arbeit. Denn beim Ramadan geht es nicht nur darum, tagsüber auf Essen und Trinken zu verzichten. Dieser Monat steht für Reflexion, spirituelles Wachstum, Gemeinschaft und Nächstenliebe.

Der gemeinsame Verzicht bringt uns in der Einsamkeit der Pandemie wieder näher zusammen. „Während des Ramadan ist die Atmosphäre besonders“, sagt meine Mutter. Dabei strahlt sie über das ganze Gesicht. Vielleicht war es noch nie so einfach, sich selbst nach innen zu wenden, wenn im Außen so wenig passiert wie jetzt gerade.

Aus Berlin, Atessa Bucalovic

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de