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Die WahrheitEin Moped gegen Inzucht

Vor beinahe 70 Jahren befreite ein Viertakter aus Fernost die irische Dorfjugend aus der Isolation und sorgte für genetische Vielfalt.

E s gibt ein kleines Dorf in der südwestirischen Grafschaft Kerry, in dem früher alle Bewohner MacLooney hießen. Das Dorf war Jahrhunderte lang von der Welt abgeschnitten, weil es in einem unzugänglichen Tal der MacGillycuddy’s Reeks liegt. Die MacLooneys waren die Kallikaks Irlands.

Die Familie Kallikak aus dem Schweizer Kanton Tessin war angeblich genauso abgeschnitten von der Welt wie die MacLooneys. Wegen der zwangsläufigen Inzucht seien ihre Kinder alle geistesschwach geworden, wollte uns unser geistesschwacher Biologielehrer am Berliner Gymnasium weismachen. In Wirklichkeit waren die Kallikaks Gegenstand einer pseudowissenschaftlichen Studie des Psychologen Henry Herbert Goddard aus dem Jahr 1912 mit dem Titel „Die Familie Kallikak: Eine Studie über die Vererbung des Schwachsinns“.

Goddard behauptete, die Familie habe sich in zwei unterschiedliche Linien verzweigt: Die „gute Linie“ stammte aus der Ehe Martin Kallikaks, eines Ex-Soldaten, mit einer Quäkerin. Die „schlechte Linie“ entstand, als Martin eine Affäre mit einer „schwachsinnigen Bardame“ hatte. Hunderte ihrer Nachkommen wurden angeblich allesamt Kriminelle, Prostituierte und Alkoholiker. Nazi-Propagandisten nutzten den Quatsch als Rechtfertigung für Zwangssterilisationen und für ihr Euthanasie-Programm.

Für die MacLooneys – wie auch für andere jugendliche Dorfbewohner Irlands – kam die Rettung aus Japan. Vor fast 70 Jahren eroberte eine Erfindung die Grüne Insel: Ein japanisches Unternehmen brachte 1958 ein 50-ccm-Moped auf den Markt, die „Honda 50“. Soichiro Honda, der Firmengründer, wollte ein Zweiradfahrzeug, mit dem „der Lieferjunge vom Nudelrestaurant sein Tablett auf einer Hand balancieren und mit der anderen das Moped bedienen“ konnte. Das bedeutete, dass die Kupplung nicht von Hand betätigt werden musste.

Segen für die Dorfjugend

Weil das Moped relativ günstig und äußerst zuverlässig war, wurde es zum beliebtesten motorisierten Fahrzeug aller Zeiten. Weltweit wurden rund 100 Millionen Stück verkauft. Das Erfolgsgeheimnis war der 4-Takt-Motor, den man angeblich mit einem Eiscremestiel reparieren konnte.

Für Irlands Dorfjugend war das Moped ein Segen, weil es ihren Aktionsradius erheblich erweiterte. Das wirkte sich auch auf das Wirtschaftsleben in Irland aus, denn die Leute gelangten abends in die Nachbarorte oder gar in die Stadt, sie gingen in Kneipen und zu Imbissbuden, während sie zuvor mit den Geschwistern zu Hause sitzen mussten.

Irlands Folk-Legende Christy Moore hat dem Moped mit einem Lied ein Denkmal gesetzt: „Meine kleine Honda 50, sie ist schnell und wendig / An einem windigen Tag schafft sie 150.“ Das ist allerdings übertrieben, so schnell war das Moped nie, aber mithilfe eines Ersatzkanisters legte es locker 150 Kilometer zurück. Und die MacLooneys mussten sich nicht mehr untereinander vermehren.

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Ralf Sotscheck

Ralf Sotscheck Korrespondent Irland/GB

Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht", "Zocken mit Jesus" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc. www.sotscheck.net
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