Psychologin über Klimakrise: „Verstanden zu werden, ist eine unverzichtbare Ressource“
In Hannover organisieren die Psychologists for Future Klimacafés. Statt politischer Debatte geht es um das Teilen von Emotionen, sagt Martina Amberg.
Foto: Martin Schutt/dpa
taz: Frau Amberg, warum ist die Klimakrise eine psychologische Krise?
Martina Amberg: Wenn wir darauf schauen, dass seit über 50 Jahren bekannt ist, dass wir gegensteuern müssen, um menschliche Lebensbedingungen zu retten, dann stellt sich doch die Frage: Was bestehen da für psychische Handlungshemmnisse? Und außerdem: Was macht es mit Engagierten, wenn es immer weiter bergab geht? Gerade bei der derzeitigen Bundesregierung ist das eine heftige Belastung. Nicht nur zu sehen, dass nicht genug getan wird, sondern auch, dass sinnvolle Maßnahmen gecancelt und zurückgedreht werden.
taz: Sie sprechen von einer gesellschaftlichen Verdrängung der Klimakrise. Wie lässt sich das psychologisch erklären?
Amberg: Evolutionär ist unser Gefahrenabwehrsystem darauf angelegt, auf akute Bedrohungen zu reagieren. Die Klimakrise war für uns lange kaum sichtbar und hat uns in unserem Alltagserleben wenig tangiert. Das ist nach den Hitzewellen im Sommer vielleicht kurzfristig anders. Aber die Krise ist dennoch für viele abstrakt geblieben.
taz: Gleichzeitig werden diejenigen, die alarmiert sind, häufig belächelt oder nicht ernst genommen.
Amberg: Oder bekämpft. Wenn wir an junge Menschen denken, die sich auf die Straßen geklebt haben, die hatten ja wirklich mit Gegenwut zu tun.
Diplompsychologin aus Hannover, seit 2021 bei den Psychologists for future e.V. aktiv, neben den Klimacafés vor allem engagiert für das Thema „Klima in einfacher Sprache“
taz: Warum werden Klimagefühle negiert oder sogar bekämpft?
Amberg: Wenn man anerkennt, dass andere berechtigte Ängste haben oder sogar merkt, dass man Sorgen teilt, dann funktioniert Verdrängung nicht mehr. Negieren und Bekämpfen, das ist Angstabwehr.
taz: Was macht es mit denjenigen, die in ihren Emotionen nicht ernst genommen werden?
Amberg: Aktivist*innen, die in Gruppen eingebunden sind, kommen besser durch als jene, die allein aktiv sind. Von anderen verstanden zu werden, sich gegenseitig Mut zu machen, das ist eine unverzichtbare Ressource.
„Klima ist nicht fair – Klimacafé mit Psychologists for Future im Rahmen der Fairen Woche“, Mittwoch, 16.09., 19 Uhr, Pavillon Hannover, die Teilnahme ist kostenlos, zudem ist keine Anmeldung erforderlich
taz: Klimacafés richten sich an Individuen, die sich bewusst mit ihren Klimagefühlen auseinandersetzen wollen. Zugleich handelt es sich bei der Klimakrise um eine globale Bedrohung. Wie lässt sich gesamtgesellschaftlich mehr über Klimaemotionen sprechen?
Amberg: Je mehr Einzelne ihre Emotionen offen teilen, desto eher können wir ein neues gesellschaftliches Bewusstsein anstoßen.
taz: Aber wie erreicht man jene, die im Verdrängungszustand sind?
Amberg: Das ist eine schwierige Frage. Das wird natürlich von vielen Seiten versucht. Die Scientists for Future laufen sich seit Jahren einen Wolf damit, Informationen an Menschen zu bringen. Viele sind frustriert, weil sie wenig Resonanz finden. Unser Ansatz ist, auf einer anderen Ebene zu sprechen. Fakten benennen wir natürlich. Aber unsere Kompetenz ist, über Gefühle zu reden. Da geht es um ein aufrichtiges Zuhören und Nachfragen. Ohne direkt überzeugen zu wollen.
taz: Politische Diskussionen, Beschuldigungen oder Ratschläge sind dabei explizit unerwünscht. Was bleibt da am Ende noch übrig?
Amberg: Genau das, was sonst immer zu kurz kommt. Gerade bei Aktivist*innen ist oft kaum Raum, um über emotionale Belastungen zu sprechen. Im besten Fall machen Teilnehmende die Erfahrung von Verbundenheit, als Grundlage, um gemeinsam ins Handeln zu kommen; jenseits der Spaltungen in unserer Gesellschaft. Denn auch, wenn wir zunächst auf der individuellen Ebene sprechen, leiten wir daraus keine rein individuelle Verantwortung ab. Es geht darum, zu erleben, dass wir in unserer Betroffenheit nicht alleine sind. Ohne dabei zu agitieren. Wer sich vernetzen mag, ist dazu willkommen. Aber das ist kein Muss.
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