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Spricht noch wer vom Klima?„Sie wissen, dass sie sich was zumuten müssen“

Die Berliner Bewegung „Klimaneustart“ hat mit 300 Leuten über ihre Klimasorgen gesprochen. Aktivistin Veronika Brugger entwickelte die Gesprächsform.

Adam Schwedhelm

Interview von

Adam Schwedhelm

taz: Frau Brugger, wieso braucht es eine Gesprächskampagne über Klima?

Veronika Brugger: Wir fanden, es spricht niemand mehr darüber, und wir wollten wissen, warum. Das war Anfang 2026. Jetzt nach dem heißen Sommer ist es wahrscheinlich anders. Unsere Idee ist also gewesen, den Menschen zuzuhören. Wir machen nämlich keine Umfrage, sondern eine Zuhörkampagne.

taz: Wie läuft das ab?

Brugger: Seit Anfang des Jahres gehen wir auf die Straße und haben Eingangsfragen, zum Beispiel: Was, finden Sie, muss sich ändern, damit Berlin eine lebenswerte Stadt bleibt? Wir sammeln in einer App zwar auch quantitativ die Themen, die genannt werden, machen aber keine inhaltlichen Vorgaben. Stattdessen orientieren wir uns im weiteren Gespräch an den Themen, die die Menschen selbst als wichtig nennen. Wir praktizieren dabei die Methode „Aktives Zuhören“.

taz: Das Ziel ist also einfach nur zu reden, sozusagen politisch-therapeutisch?

Brugger: Wir wollten ermöglichen, über Klima zu sprechen, ohne in eine Kontroverse zu geraten. Das hat ja auch mit Ängsten zu tun. Die Gespräche haben nämlich gezeigt, dass Klima durchaus eine große Sorge ist. Wir haben uns bemüht, Leute anzusprechen, von denen wir nicht dachten, dass sie klimabewegt sind. Wobei es fast niemanden gibt, den das Thema nicht interessiert.

Im Interview: Veronika Brugger

ist Kommunikationswissenschaftlerin und engagiert sich bei „Klimaneustart Berlin“. 2021 hat die zivilgesellschaftliche Bewegung mit einer erfolgreichen Volksinitiative die Einberufung des Kli­ma­bür­ge­r*in­nen­rats initiiert.

taz: Welche Klimathemen beschäftigen die Menschen genau?

Brugger: Mehr Bäume, mehr Schatten, weniger Autos, billigerer und schnellerer ÖPNV, weniger Müll und eine Verpackungssteuer, mehr Trinkbrunnen, mehr Grünflächen, Solar auf alle Dächer. Also die klassischen Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen. Diese wurden auch schon vom Kli­ma­bür­ge­r*in­nen­rat 2022 gefordert, den wir mit einer Volksinitiative schaffen konnten. Bei den 300 Menschen, mit denen wir jetzt gesprochen haben, haben wir den Eindruck, wir haben inhaltlich alles gehört.

taz: Was hat Sie überrascht?

Brugger: Dass sich der große Teil der Menschen große Sorgen wegen des Klimawandels macht. Und dass die Leute tatsächlich wissen, dass sie sich was zumuten müssen. Überraschend waren daher auch die Forderungen an die politische Ebene: Wenn sich jemand persönlich anstrengt und öfter das Rad oder den Bus nimmt, dann aber sieht, wie die Regierung etwa Spritpreissubventionen einführt, fragen sich die Leute: „Was macht das jetzt noch für einen Sinn, dass ich öfter das Auto stehen lasse?“ Die Menschen fühlen sich nicht gesehen. Mit großem Redenschwingen kommt man da nicht weiter.

taz: Sie versuchen, Leute anzusprechen, die nicht klimabewegt sind. Wie geht man da vor?

Brugger: Es hat auch mit den Orten zu tun. Wir sind etwa nach Hellersdorf in die Helle Mitte gegangen, nach Spandau an die Havelpromenade oder nach Reinickendorf. Wir wollten auch dahin gehen, wo wir AfD-Wähler*innen vermuten. Wir haben nie direkt danach gefragt, aber wir gehen davon aus, dass wir auch mit solchen gesprochen haben. Unsere Idee ist nicht, denen was zu erzählen, sondern ihnen zuzuhören. Unsere Grundhaltung ist, ernst nehmen und wissen wollen, was die Gegenüber denken.

taz: Also machen Sie mit Ihrer Kampagne ein wenig die Arbeit von Politik, von der oft gefordert wird, besser hinzuhören.

Brugger: „Klimaneustart“ versteht sich als Schnittstelle zwischen Zivilgesellschaft und Politik. Wir tragen das, was wir herausfinden, auch in die Politik, etwa in Gesprächen mit Abgeordneten. Als Nächstes treffen wir Julian Schwarze von den Berliner Grünen und Danny Freimark von der Berliner CDU. Nach der Wahl werden wir weitermachen, wenn es um die Koalitionsverhandlungen geht. Wir stellen die Kampagne und unsere Forderungen vor.

taz: Welche Forderungen sind das?

Brugger: Aus den Befragungen haben wir diese Forderungen abgeleitet: kontinuierliche Beteiligungsformate und mehr Mut in der Klimapolitik in Berlin. Die Politik sollte mit positiven Bildern der Gesellschaft vorangehen. Bei einer Untersuchung der Ruhr-Uni kam heraus, dass Po­li­ti­ke­r*in­nen die Bereitschaft ihrer Bürger*innen, etwas für den Klimaschutz zu tun, stark unterschätzen. Diese Bereitschaft ist teilweise fünfmal höher als die Einschätzung der Politiker*innen. Ich weiß nicht, warum die Po­li­ti­ke­r*in­nen nicht endlich loslegen. Die Politik muss dafür sorgen, dass es einfach ist, das Richtige zu tun.

taz: Haben Sie die Gesprächsform nur für diese Kampagne entwickelt oder wird sie noch weiter benutzt? Klingt ja nach einem Erfolgsrezept.

Brugger: Weiter solche Gespräche zu führen, fände ich gut. Es gibt zum Beispiel „metro_polis“: Die sitzen in der Straßenbahn und diskutieren mit den Leuten über aktuelle Themen. Sie haben in Leipzig und Chemnitz damit angefangen. Anfangs war es eine ehrenamtliche Idee, die Demokratie zu stärken. Mittlerweile arbeitet die Initiative auch für Stadtverwaltungen. Das ist auch für Berlin geplant, in Marzahn-Hellersdorf etwa fahren solche Teams schon in der Straßenbahn mit.

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