Psychologin über Essstörungen: „Die Anzahl nimmt zu“

Das Sich-Vergleichen ist ein Risikofaktor für Essstörungen, sagt die Osnabrücker Psychologin Silja Vocks. Ist das Body Positivity-Konzept eine Lösung?

Eine Frau misst den Bauchumfang einer anderen Frau.

Elendiges Vermessen: Szene aus den Räumen der Agentur Mcfit Model Berlin Foto: dpa / Ralf Hirschberger

taz: Frau Vocks, können Sie messen, wie egal jemandem der eigene Körper ist?

Silja Vocks: Wir wollen mit unserer Forschung hier in Osnabrück unter anderem herausfinden, inwiefern Frauen und Männer unterschiedliche Standards setzen, wenn sie ihren Körper bewerten. Viele Studien haben gezeigt, dass Frauen durchaus unzufriedener mit dem eigenen Körper sind als Männer. Diese Unzufriedenheit bezieht sich auch auf andere Leistungsdimensionen. In unseren Studien manipulieren wir beispielsweise die Identität von verschiedenen Körpern, indem wir mittels Bildbearbeitung Köpfe auf diese unterschiedlichen Körper setzen. Wir haben mit dieser Methode herausgefunden, dass ein und derselbe Körper unterschiedlich bewertet wurde, wenn der eigene Kopf oder ein fremder Kopf verwendet wurde.

Gilt das für Frauen und Männer?

Das Ausmaß dieser Doppelstandards unterschied sich zwischen den Geschlechtern. Wenn der eigene Kopf draufgesetzt war, wurde der Körper von den Frauen teilweise negativer bewertet und auch die Fettmasse höher eingeschätzt, während es bei Männern gerade bei den Körpern, die dem Ideal entsprachen, eher so war, dass der Körper positiver bewertet wurde, wenn er die eigene Identität hatte. Bei Frauen mit den Essstörungen Magersucht und Bulimie waren diese Doppelstandards noch mal stärker ausgeprägt.

Woran liegt das?

Das ist schwer zu sagen, es ist kaum experimentell zu untersuchen. Aber es ist sicherlich auch eine gesellschaftliche Sache. Dass die Bewertung des Aussehens bei Frauen durch Außenstehende oft stärker in den Vordergrund rückt, ist in unserer Gesellschaft leider so. Bei Frauen wird außerdem der sogenannte „Fett-Talk“ untersucht: Wenn Frauen mit anderen Frauen über ihr Gewicht sprechen, dann verwenden sie meist sehr negative Worte: „Ich habe zugenommen“, „Das ist hässlich“. Diese Art, über den eigenen Körper zu sprechen, ist sozial akzeptiert und schafft auch Nähe zwischen den Frauen. Da variiert also nicht nur die Bewertung der Körper zwischen den Geschlechtern, sondern auch das, was an Eigenlob akzeptiert ist.

Sehen Sie darin eine Gefahr?

48, ist Leiterin des Fachgebietes Klinische Psychologie und Psycho­therapie der Universität Osnabrück. Die habilitierte Psychologin forscht unter anderem zu Ess­störungen.

Ein negatives Körperbild, Schlankheitsstreben sowie Figur- und Gewichtssorgen sind ja ganz zentrale Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen. Die epidemiologischen Daten zu Essstörungen deuten darauf hin, dass die Betroffenen immer jünger werden. Das kann verschiedene Gründe haben. Nachdem man lange davon ausgegangen ist, dass die Anzahl der Neuerkrankungen mit Essstörungen stagniert, gibt es jetzt neue Studien, die doch wieder einen Trend nach oben aufzeigen. Die Frage ist, ob das möglicherweise unter anderem mit der immer stärkeren Nutzung von Social Media zusammenhängen könnte, also damit, dass man hier permanent mit dem Schlankheitsideal konfrontiert wird und sich das Schlankheitsideal immer stärker einen Weg ins Leben der Betroffenen bahnt.

Kann der Trend zur Body Positivity dem entgegenwirken?

Body Positivity ist eine Bewegung, die das Schlankheitsideal in unserer Gesellschaft kritisiert, das dazu führt, dass die Menschen sich unzulänglich fühlen, wenn sie eben diesem Ideal nicht entsprechen. Diese Bewegung will dem entgegentreten und die Vielfalt von Körperformen in den Vordergrund rücken.

Das ist doch eine gute Sache, oder?

Es ist eigentlich erst mal positiv zu bewerten, dass durch Body Positivity jetzt nicht immer nur die extrem schlanken Körper das Ideal darstellen, sondern es da vielleicht mehr Vielfalt gibt. Das, was als schön betrachtet wird – ein gesellschaftliches, soziales Phänomen –, bekommt so unterschiedlichere Facetten. Dennoch wird an der Bewegung kritisiert, dass man zwar verschiedene Körper schön finden möchte, egal ob dick oder dünn, egal ob dem Schlankheitsideal entsprechend oder nicht, aber das Äußere hierbei immer noch ein relevanter Faktor bleibt. Die Body-Neutrality-Bewegung dagegen hat den Gedanken, dass man den Körper akzeptiert, aber diesen nicht so sehr in den Vordergrund rückt und nicht permanent bewertet.

Ist Body Positivity ähnlich problematisch wie der Schlankheitswahn?

Wenn es nur ein Ideal gibt – ein bestimmter Body-Mass-Index und bestimmte Proportionen –, dann weichen die meisten Personen notgedrungen stark davon ab. Diese Diskrepanz zwischen dem, wie man tatsächlich aussieht, und dem, wie man aussehen möchte, ist ein Indikator für Körperunzufriedenheit und somit ein Risikofaktor für Essstörungen. Deshalb ist natürlich die Diskrepanz nicht so groß, wenn es verschiedene „Ideale“ gibt. Aber nichtsdestotrotz sind aufwärts gerichtete soziale Vergleichs­prozesse zumeist problematisch, weil man selbst dabei schlechter abschneidet, was wiederum einen negativen Effekt auf das Selbstwertgefühl hat.

Hilft es Menschen überhaupt, wenn sie zwar selbst weniger kritisch auf ihre Körper schauen, aber die Gesellschaft ihren Wert weiterhin an ihrem Aussehen festmacht?

Wir wissen, dass sich Personen selbst oft negativer bewerten als die Gesellschaft oder als andere Personen von außen es tun, zumindest bei Frauen. Wenn man sich also selber weniger negativ sehen würde, wäre man ja schon mal näher an der Realität. Es spricht ja überhaupt nichts dagegen, dem eigenen Aussehen Bedeutung beizumessen, sofern dies nicht in selbstschädigende Gedanken und Verhaltensweisen mündet.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben