Protokoll aus Cherson: „Unser ganzes Leben ist hier“
Der Elektriker Andrij ist 48 und hat sein ganzes Leben in Cherson verbracht. Er will bleiben, weil er von seiner Familie und der Stadt gebraucht wird.
Ich gehe nicht weg, weil ich meine Mutter nicht allein lassen kann. Sie ist 76 Jahre alt, leidet an einer schweren Form von Multipler Sklerose und kann sich überhaupt nicht mehr fortbewegen. Wohin sollte ich auch gehen? Unser ganzes Leben ist hier. Meine Frau, meine Tochter und ich, wir kümmern uns gemeinsam um meine Mutter. In der Stadt werde ich gebraucht, denn ich bin Elektriker. Wenn alle weggingen, die Leitungen reparieren und den Strom wieder zum Fließen bringen können, würde Cherson in Dunkelheit versinken.
Als Elektriker sage ich: Die Mitarbeiter unserer Versorgungsbetriebe sind Heilige – ganz im Ernst. Sie arbeiten unter ständigem Beschuss und Drohnenangriffen. Manchmal ist die Stadt aufgrund von Angriffen auf die Energieinfrastruktur komplett ohne Strom, so wie das Mitte September der Fall war. Ohne Strom sinkt der Wasserdruck in den Leitungen und die meisten Bewohner haben dann kein Wasser.
Also muss man zu den Trinkwasserasgabestellen gehen oder darauf warten, dass die Generatoren an den Pumpstationen in Betrieb genommen werden.
Die Reparaturtrupps rücken sofort aus, sobald die Angriffe nachlassen. Auch den Gaswerkern müsste man eigentlich ein Denkmal bauen. Es gibt keine Stabilität, aber wir sind immer gewappnet – mit Wasservorräten und geladenen Powerbanks.
Krieg in der Ukraine
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Völlig von der Außenwelt abgeschnitten
Ein weiteres Problem ist die Kommunikation. Die Mobilfunkabdeckung ist sehr instabil. Es gibt Tage mit völligem Blackout, an denen man gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten ist und nicht einmal einen Krankenwagen rufen oder in Erfahrung bringen kann, ob Bekannte am anderen Ende der Straße noch am Leben sind. Einen Zugang zum Internet gibt es vor allem dort, wo Generatoren und Satellitenkommunikationsterminals stehen.
Die Krankenhäuser sind in Betrieb und es gibt Mediziner, doch es herrscht ein katastrophaler Mangel. Viele Fachärzte sind weggezogen. Der Rettungsdienst leistet Übermenschliches – die Einsatzkräfte fahren auch dann zu Notfällen, wenn Drohnen in der Luft sind.
Die Situation mit meiner Mutter ist schwierig. Sie braucht spezielle Medikamente, die in normalen Apotheken kaum zu finden sind. Oft muss ich sie über Freiwillige bestellen, die die Arzneien aus anderen Regionen heranschaffen. Für eine bettlägerige Patientin braucht man Windeln und spezielle Nahrung. Manche dieser Dinge kann ich besorgen, andere nicht.
Mir scheint, einerseits habe ich schon vergessen, wie es ist, ohne Drohnen über dem Kopf zu leben – ohne dieses Gefühl der Gefahr. Wir leben in einer ständigen Anspannung. Andererseits haben meine Familie und ich uns damit abgefunden und versuchen zu überleben – irgendwie.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
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