Drohnenjagd auf Menschen in Cherson: „Ich hatte Angst, dass mir niemand hilft“
Ein Elfjähriger überlebt einen Angriff durch eine russische Drohne. Immer wieder werden in der ukrainischen Hafenstadt gezielt Menschen attackiert.
Foto: Sipa/action press
Als eine russische FPV-Drohne in den Innenhof eines mehrgeschossigen Hochhauses im südukrainischen Cherson stürzte, war der 11-jährige Andrij dort allein unterwegs.
„Ich denke, die Russen habe mich durch die Drohnenkamera gesehen. Als ich die Drohne gehört habe, hab mich erst mal zehn Minuten im Treppenhaus versteckt. Als ich wieder in den Hof kam, ist die Drohne direkt neben mir eingeschlagen. Meine Beine sind weggeknickt und dann hab ich nur noch eine Blutfontäne gesehen“, erzählt der Junge, der nach der Operation jetzt wieder zu Hause ist. Andrijs Mutter, die 43-jährige Yuliia Spitsa, ist davon überzeugt, dass der russische Drohnenpilot wusste, dass er Jagd auf ein Kind gemacht hat. Doch das hat ihn nicht gestoppt.
Krieg in der Ukraine
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
„Wir leben in Cherson mit dem ständigen Terror. Russen machen Drohnenjagden auf alte Frauen, Gemüseverkäufer, Kinder und zivile Autos. Sie tun nicht einmal mehr so, als kämpften sie nur gegen militärische Ziele“, sagt Yuliia. Von dem Stress nach dem Angriff auf ihr Kind hat sie sich noch nicht erholt.
Andrij hat Verletzungen von Drohnensplittern am Bein. Gerettet wurde er von ukrainischen Armeeangehörigen, die gerade vorbeifuhren. Sie legten einen Druckverband an und brachten den Jungen zunächst zu seiner Mutter, später ins Krankenhaus. Jetzt kann der 11-Jährige schon wieder laufen. Seine Familie meint, im Vergleich zu anderen Opfern russischer Drohnenangriffe in Cherson habe Andrij ziemlich viel Glück gehabt.
Drohnen-Gefahren-Zone
Nach Angaben von Human Rights Watch wurden zwischen Mai und Dezember 2024 in Cherson 30 Zivilisten durch russische Drohnen getötet, mindestens 500 wurden verletzt. Im Januar 2025 waren laut Angaben der Vereinten Nationen Drohnen mit geringer Reichweite, insbesondere FPV-Drohnen, für 70 Prozent aller Opfer unter der Zivilbevölkerung in dem von der Ukraine kontrollierten Teil des Gebietes Cherson verantwortlich.
Die Hafenstadt Cherson wird fast täglich beschossen. Die Stadt am rechten Ufer des Flusses Dnipro wurde im November 2022 von ukrainischen Truppen befreit. Heute leben hier nach Angaben örtlicher Behörden noch etwa 60.000 Menschen, im Januar 2022 waren es noch 279.000.
Je näher die Stadtteile am Dnipro liegen, an dessen linken Ufer die russischen Besatzer positioniert sind, desto gefährlicher ist es dort. Die Straßen sind mit langen Tunneln aus Anti-Drohnen-Netzen geschützt. Selbst Straßenlaternen, Geldautomaten und Bushaltestellen sind mit solchen Netzen geschützt. Zahlreiche Tankstellen auf der Strecke Mykolajiw–Cherson sind durch russischen Beschuss zerstört. Und am Ortseingang von Cherson warnt ein großes gelbes Plakat „Achtung! Gefahr! Feindliche Drohnen!“
„Drohnen-Safaris“ sind gängige Praxis in Cherson. Zuerst wurde angekündigt, dass sie die „rote Zone“ beschießen, das Gebiet direkt am Dnipro. Aber jetzt verletzen und töten ihre Drohnen Menschen in weit entfernt liegenden Stadtteilen“, sagt Oleksandr Tolokonnikov, stellvertretender Leiter der Militärverwaltung des Gebietes Cherson, gegenüber der taz.
Metallsplitter im Bein
Und tatsächlich wurde der 11-jährige Andrij im nördlich des Stadtzentrums gelegenen Plattenbaugebietes Tawriyskji getroffen, das als eines der sichersten und am dichtesten besiedelten gilt. Dort gibt es noch Geschäfte, Banken, einen kleinen Markt und sogar Cafés. Die Schulen in Cherson hingegen sind alle geschlossen, und die Krankenhäuser arbeiten überwiegend in Luftschutzräumen.
„Ich habe Metallsplitter im Bein. Das hat nicht sehr wehgetan. Aber geweint habe ich auch nicht vor Schmerzen, sondern aus Angst, dass mir keiner hilft“, erzählt Andrij. „Ich wollte zu einem Freund, es war fünf Uhr nachmittags, und um die Zeit sind die Straßen in Cherson leer“, so der Junge, der seit Beginn des russischen Großangriffs nur noch Onlineunterricht kennt. Er kann verschiedene russische Waffenarten an ihren Geräuschen erkennen, sein Spielplatz ist von Luftabwehr umgeben.
Zehn Tage war Andrij zusammen mit seiner Mutter Yuliia im Krankenhaus, davon fast die ganze Zeit in Luftschutzräumen. Dorthin gehen die Patienten, wenn in Cherson Lenkbomben angekündigt werden.
„Die Ärzte haben einen Splitter in Größe einer Münze aus seinem Bein geholt, einige andere Splitter sind noch in seinem Körper, man bekommt sie aktuell nicht heraus“, erzählt Yuliia. In den ersten Tagen sei ihr Sohn auf einen Rollstuhl angewiesen gewesen, später konnte er an Krücken gehen. „Aber Andrij ist ein lebensfroher Junge. Er läuft schon wieder herum und versucht sogar, Fahrrad zu fahren“, sagt Yuliia lächelnd. Doch dann fügt sie traurig hinzu, dass ihr Sohn jetzt Angst habe, draußen zu sein, wo er wieder unter Beschuss geraten könne.
„Sie versuchen, das zu zerstören, was ihnen nicht zusteht“
Ein Soldat der Grenzschutzabteilung von Cherson, der 35-jährige Drohnenpilot Oleh, Kampfname „Santa“, setzt wie gewohnt seine Pilotenbrille auf und startet seine Drohne. Mit deren Hilfe kann er die russischen Stellungen und den besetzten Teil des Gebietes Cherson beobachten.
„Als Pilot musst du immer unterscheiden: Sind es Zivilisten oder nicht? Einmal schwebte meine Drohne über einem Auto und ich sah einen Mann mit einer älteren Frau aus dem Auto steigen. Sie hatte kranke, geschwollene Beine. Also lenkte ich meine Drohne weg von dort. Russische Drohnenpiloten können genauso erkennen, ob sie Ziegen hütende Omas oder Kinder attackieren wollen – oder nicht. Wenn sie es dennoch tun, ist das Absicht“, sagt der Mann in Tarnkleidung und Schutzweste.
Der kleine Andrij wurde am 31. August attackiert. Und nur weniger als einen Monat zuvor war im Internet ein Video aufgetaucht, in dem ein Gemüsehändler versucht, vor einer ihn verfolgenden russischen Drohne zu fliehen, die schließlich in seiner Nähe explodiert und den Mann verletzt.
„Santa“, der ukrainische Soldat, hat sich dieses Video mehrmals angeschaut und versucht, die Handlung des russischen Drohnenpiloten zu analysieren.
„Das war kein Üben und auch kein Fehler. Der Mann war kein Anfänger – er hat einfach kaltblütig einen Zivilisten gejagt. Den Russen ist klar, dass sie Cherson nicht mehr einnehmen können. Und sie versuchen einfach zu zerstören, was ihnen nicht zusteht, was sie nicht bekommen können“, sagt der Mann, der seit den ersten Tagen des großen Krieges seine Heimatstadt verteidigt.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
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