piwik no script img

Protestwelle im IranMut in seiner Reinform

Daniela Sepehri

Kommentar von

Daniela Sepehri

Wirtschaftliche Not hat die neue Protestwelle im Iran initiiert. Doch der Aufstand richtet sich gegen das gesamte System der Islamischen Republik

Exil-Iraner demonstrieren vor der iranischen Botschaft in Berlin in Solidarität mit den Protesten im Iran Foto: dpa

S eit einer Woche gehen die Menschen in Iran auf die Straße. Begonnen haben die Proteste, wie so oft, aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage. Eine Währung im freien Fall und ein unbezahlbarer Alltag nehmen der Bevölkerung regelrecht die Luft zum Atmen. Was als Wirtschaftsprotest auf den Teheraner Basaren begann, ist zu einer Revolte gegen das gesamte System der Islamischen Republik geworden.

Mindestens 582 Menschen wurden laut der Menschenrechtsorganisation HRANA in den ersten sieben Tagen festgenommen, mindestens 15 Protestierende getötet. In Ilam, im Westen des Landes, schossen Regimekräfte am Samstag auf De­mons­tran­t:in­nen und versuchten anschließend, ein Krankenhaus zu stürmen, um Verletzte festzunehmen. Dass es ihnen nicht gelang, lag am Widerstand der Bevölkerung. Menschen stellten sich den Bewaffneten entgegen, um ihre Verletzten zu schützen. Es sind Szenen, die man kaum aushält und die dennoch Hoffnung machen.

Diese Proteste leben nicht von großen Bühnen oder Anführern. Sie leben von vielen mutigen Einzelpersonen, die auf die Straßen gehen. Jeder Einzelne von ihnen wird zum Symbol des Widerstands. Von dem jungen Mann, der in Teheran alleine auf der Straße sitzt und den Polizisten auf Motorrädern nicht weicht, bis hin zu den zwei jungen Menschen in Hamedan, die sich den Wasserwerfern entgegenstellen. Von den Frauen, die ihre Kopftücher abnehmen und dafür Peitschenhiebe riskieren, bis hin zu den Kindern in Belutschistan, die „Nieder mit dem Diktator“ rufen.

Die internationale Gemeinschaft darf nicht, wie so oft, den Fehler machen, die Bewegung als einen einmaligen, kurzzeitigen Ausbruch der Wut zu betrachten. Es ist vielmehr die Fortsetzung des Widerstands, der nie aufgehört hat. Die Proteste sind der Normalzustand eines Landes, das seit Jahren gegen ein System aufbegehrt, das nur Gewalt kennt. Die Menschen wissen, was ihnen droht, und sie gehen trotzdem auf die Straße. Das ist Mut in seiner Reinform.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Daniela Sepehri
Jahrgang 1998, lebt in Berlin. Freie Social Media Beraterin, Autorin und Journalistin mit den Schwerpunkten Iran, Migration, Antirassismus und Feminismus. Bachelorabschluss in Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin.
Mehr zum Thema

21 Kommentare

 / 
  • Auffällig ist, dass der Widerstand wenig sichtbare Anteilnahmen im "Linken aufgeklärten" Community erfährt. Beispiel bei der Auseinandersetzung zu der Schließung der "Blauen Moschee" in Hamburg. Bei einer Veranstaltung waren "nur" ein paar Exiliraner wenige Andre. nIx von Omas gegen Ajatollah u.ä..

  • Im Deutschlandfunk wurde im Dezember berichtet dass die Zahl an Todesurteilen und Hinrichtungen 2025 im Iran stark angestiegen seien. Das Regime ist Willens und in der Lage sich mit Gewalt an der Macht zu halten. Welche Chance hat da ziviler Widerstand?

    • @MaCo:

      Vielleicht so, vielleicht so. Ein Regime wieder fest im Sattel bräuchte keine Hinrichtungen mehr.



      Die Basare trugen damals die Revolution und könnten nun die Seite gewechselt haben. Zumindest eine deutliche Lockerung ist evtl. drin, auch weil so langsam die Mullahs an sich selbst zweifeln könnten.

  • Mit Chomeini ( 1979 ) wurde der Iran von der Glaubenskrise heimgesucht. Seitdem glaubt man im Iran nicht mehr an das Gute. Wie lange noch...?

    • @Salinger:

      Sie würden dabei doch nicht sagen wollen, dass der Schah und seine Savak an das Gute glaubten?



      Zumindest nicht, was die Mittel der Repression betraf.

      • @Janix:

        Natürlich nicht. Der Schah war eine vom Westen installierte Diktatur.

      • @Janix:

        Der Shah hat ganz sicher auf die falschen Mittel gesetzt und „sein Volk nicht mitgenommen“. Aber was danach kam, war in Summe viel schlimmer, sagen meine iranischen Freunde. Denn für die Mullahs ist eigenes Denken nicht nur gefährlich, sondern Gotteslästerung.

      • @Janix:

        Klar tun wir mal die seit Jahrzehnten unterdrückten Freiheitsbestrebungen vieler Iraner:innen mit „Aber das Regime vor fast 50 Jahren war auch schlimm!1!1!1“ ab. Auch vor fast 50 Jahren haben im Iran viele Menschen an das Gute geglaubt. Der Revolution in den Rücken gefallen (bzw. Idealistische Linke verarscht) Haben aber Islamisten und nicht der Schah. Kommen Sie doch mal im Heute an. Heute ist der Gegner der Freiheit fr Iran das Mullahregime und die Revolutionagarden und nicht der Schah und die Savak.

  • Es ist keine Frage ob, sondern nur wann das Regime mit wessen Unterstützung stürzt. Mal schauen, wer von den klerikalen Kleptokraten es noch vorher nach Russland oder Xina schafft.

  • Das "Terrornetzwerk des Ali Chamenei" kostet wahnsinnig viel Geld.

    Libanon, Jemen, Palästinensische Gebiete, Irak, Syrien etc.

    Stellvertreterkriege wo man nur hinschaut. Hisbollah, Hamas, Islamischer Dschihad etc. Wieviel Kohle floss nach Syrien um Assad an der Macht zu halten? Oder die Revolutionären Garden, schon von Khomeini gestartet um das Regime gegen das Volk zu schützen? Allein Irans Atomprogramm wird auf weit über 100 Milliarden Dollar geschätzt.



    Alles Geld, das dem iranischen Volk fehlt.



    Schon 2018 schrieb der Schweizer Tagesanzeiger einen hervorragenden Hintergrundartikel: "Wenn das Volk hungert".



    Es ist noch schlimmer geworden. Der fanatische Antisemitismus Irans seit Khomeini, ein begeisterter Hörer des Nazi-Senders Radio Zeesen, Lieblingslektüre "Die Protokolle der Weisen von Zion", findet seine Fortsetzung bei Chamenei, der den Quatsch in einer 50teiligen Doku-Serie verfilmen ließ.

    Volle Solidarität!

    ZEIT: "Das Terrornetzwerk des Ali Chamenei"



    www.zeit.de/politi...nen-unterstuetzung

    "Wenn das Volk hungert"



    www.tagesanzeiger....ngert-576975527321

    • @shantivanille:

      Nun gibt es am Iran einiges zu kritisieren, bei den Fakten bleiben sollte man allerdings schon: das beginnt mit Ihrer Behauptung, Khomeini wäre ein begeisterter Zessen-Hörer gewesen (das Gegenteil ist, wie Sie zum Beispiel bei David Mortadella nachlesen können) und der 50-teiligen Fernsehserie, für deren Existenz es keinen Beleg gibt, und reicht bis zu den üblichen Regime vs. Volk-Vereinfachung (wer, glauben Sie denn, ist das Regime...) und der Tatsache, dass die Sanktionen, die erheblich zur Verarmung beigetragen haben, in Ihren Iran-Bild (ich nehme an, Sie waren nie dort?) gar nicht vorkommen. Mit ein bisschen mehr Sinn für Nuancen und weniger Ressentiments versteht man die Welt besser...

      • @O.F.:

        Wie immer kann ich Ihnen gern mit Fakten helfen, O.F.

        "Zu den regelmässigen Hörern dieser (Nazi)-Propaganda gehörte Ruhollah Khomeini. Als dieser im Alter von 36 Jahren aus dem Irak in das iranische Qum zurückkehrte, hatte er einen von der britischen Firma Pye gebauten Radioempfänger dabei. «Dieses Radio erwies sich als eine gute Investition», berichtet sein Biograph Amir Taheri. «Viele Mullahs und Religionsschüler versammelten sich an den Abenden in seinem Haus, um sich die Sendungen von Radio Berlin [= Radio Zeesen] anzuhören.» (Taheri 1986, 99–100). "

        norient.com/matthi...rundfunk-als-waffe

        Radio Zeesen war damals der leistungsstärkste Kurzwellensender der Welt, und die Goebbels-Propagandamaschine nutzte ihn effizient um ihre antisemitische Hetze im Nahen Osten zu verbreiten.

        Und

        "Raisi beaufsichtigte in seiner Zeit als Direktor (Chamenei als Chef) die Produktion eines 50-teiligen Dokumentarfilms unter dem Titel Des Teufels Plan, der eine aktualisierte Illustration des antisemitischen Klassikers Die Protokolle der Weisen von Zion darstellt.

        www.bpb.de/themen/...ranischen-regimes/

        • @shantivanille:

          Ich helfe wie immer mit Quellen-Kritik:



          1. Der von Ihnen verlinkte Artikel von Künzel kommt ohne Belege aus (und ist auch sonst keine wissenschaftliche Publikation); die maßgebliche Studie zu diesem Thema ist D. Motadel, Für Prophet und Führer – Motadel (der anders als Künzel auch über einschlägige Sprachkenntnisse verfügt) befasst sich dort auch mit den Reaktionen auf Radio Zeesen; Sie können dort erfahren, dass gerade gebildete Muslime – darunter der namentlich genannte Khomeini – davon eher abgestoßen waren.



          2. Grigat (der übrigens auch weder Persisch noch eine andere für die islamische Welt relevante Sprache beherrscht) stützt sich hier auf einen Artikel, der seine Behauptungen wiederum mit im Nichts endenden Belegen unterfüttert; die besagte Dokumentation wird zwar in manchen pro-israelischen Artikeln erwähnt, außerhalb dieser Echokommer findet sich allerdings keine Spur davon.



          Diese beiden Beispiele sind leider typisch für den hiesigen Iran-Diskurs: an die Stelle einer faktengestützten Analyse ist eine Dämonologie getreten, die versucht, möglichst viele Züge des NS in die Islamische Republik zu lesen. Seriös ist das nicht.

          • @O.F.:

            So wie Sie schätze auch ich Motadel, der definitiv einen guten Job macht.

            Unbedingt ergänzend dazu sei hier der amerikanische Historiker Jeffrey Herf genannt mit seiner hervorragenden Arbeit "Hitlers Dschihad"



            www.ifz-muenchen.d.../2010_2_5_herf.pdf

            Dass Sie Küntzel und Grigat nicht mögen, liegt auf der Hand. Hat jedoch absolut nichts mit deren wissenschaftlichen Kompetenz und Seriosität zu tun. Renommierte bekannte Wissenschaftler. Sie mögen einfach deren Analysen nicht. Passt nicht in Ihren Kram.

            Auch gehen Sie gar nicht auf Khomeinis Biograph Amir Taheri ein, sogar die Seitenzahl des Zitats war aufgeführt.

            So kommen wir nicht weiter.

            • @shantivanille:

              Meine Kritik an Küntzel und Grigat ist sehr wohl wissenschaftlich begründet und ich habe ja auch angedeutet, wo das Problem liegt: beiden fehlenden die zum Quellenstudium nötigen Sprachkenntnisse, beide bedienen sich einer fragwürdigen Methodologie, die vor allem darauf beruht, Züge des NS in den Islam zu lesen, und beide folgen einer allzu offensichtlichen politischen Agenda. Herf ist eine andere Liga (wenngleich nicht unvoreingenommen), der von Ihnen verlinkte Artikel hat aber nichts mir der hier diskutierten Frage zu tun: dass die Nazis (genauso wie die westlichen Alliierten und die Sowjetunion – ein Aspekt, der bei Herf viel zu kurz kommt) Muslime umworben haben, ist unbestritten – die Frage ist, wie und bei wem sie damit Erfolg hatten: bei Khomeini nicht, der – wie viele auch konservative, Muslime – mit dem biologischen Antisemitismus der Nazis nichts anfangen konnte (und ja auch kein Problem mit Juden im Iran hatte). Zu Taheri habe ich mich in einem anderen, inzwischen erschienen Beitrag unten geäußert.

          • @O.F.:

            Übrigens: der in Ihrem Beitrag ebenfalls genannte Taheri ist, nun, für seine Phantasie bekannt: er hat, nicht zuletzt in seiner Khomeini-Biographie allerlei Zitate und Ereignisse einfach erfunden (Sie finden vernichtende Rezensionen online und eine Übersicht über einige seiner Fehler bei Wikipedia). Wie gesagt: Publikationen über den Iran sind leider allzu oft ideologisch motiviert und fachlich fragwürdig - trotzdem werden sie fleißig rezipiert. Darüber sollten man in der Tat nachdenken...

    • @shantivanille:

      Israel coachte mit der CIA damals wohl den Savak, der die Opposition unter dem Schah unterdrücken sollte. Und dass es offen völkerrechtswidrig unterwegs ist, im Libanon, in der Westbank, in Gaza, stimmt leider genauso wie, dass Antisemitismus enden sollte.

      Konzentrieren wir uns also wieder auf den Iran, dem um seiner selbst willen eine Regierung gegönnt wäre, wo weder ein Neo-Schah plus 'Elite' die Interessen des Lands an andere verschachern, noch die Nationalistenmullahs talpern und agieren, immer hilfloser übrigens. So langsam können sich die Henker wie einst die Savak bei den Kommenden absichern wollen.

      Was die Opposition in einem täglich säkulareren Iran überhaupt noch stoppen kann, sind solche Hasardereien wie die Netanyahus, der sie und die iranischen Juden erst mal als Israels Marionetten dastehen ließ. Ich hoffe, unabsichtlich, fürchte aber das Gegenteil. Da braucht jemand vielleicht Feinde zum eigenen Überleben.



      Auch deswegen Fokus auf die Interessen des Irans selbst.

      • @Janix:

        Es braucht keinen Netanjahu, um die verbliebenen ca. 10.000 iranischen Juden als "Spione Israels" dastehen zu lassen. "Die Opposition" weiß im Übrigen, dass sie es nicht sind. Überhaupt gibt es in der iranischen Bevölkerung auch viel Sympathie mit Israel (nicht unbedingt dessen Regierung). In Israel gibt es eine lebendige persisch-jüdische Kultur.



        Jedenfalls haben die israelischen Angriffe eine dramatische militärische Schwäche des Iran offengelegt.



        Ein Problem "der" iranischen Opposition sind Strukturen, die in der Lage sind, eine demokratische Revolution o.ä. durchzusetzen und zu verteidigen. Am besten sind vermutlich noch die Kurden organisiert, gerade diese hat die letzte Repressionswelle besonders getroffen.



        Trotzdem hoffe ich für und mit den Menschen im Iran.

      • @Janix:

        Klar der wahre Feind der Iraner:innen ist eigentlich Israel… was soll man dazu noch sagen?

  • Es gibt da Demonstrationen auch in Deutschland.



    Das Regime muss mindestens deutlich zurückrudern.