Protestorganisation in Belarus: Zur Demo im Schichtsystem

Eine Frau demonstriert, ihr Mann hütet die Katze. Olga Deksnis erzählt von stürmischen Zeiten in Minsk. Folge 6.

Unterstützer von Lukashenko halten gemeinsam eine riessige belarusische Flagge

Es gibt Pro-Lukaschenko-Leute, die für eine staatliche Gehaltszulage auf die Straße gehen Foto: Dmitri Lovetsky/ap

Alexander Senkewitsch, Unternehmer aus Minsk, erstellt Internetauftritte für seine Kunden. Seine Frau, Aktivistin und Projektmanagerin, nimmt fast jeden Tag an Protestaktionen gegen die derzeitigen Machthaber teil.

„Wir haben eine Katze, die uns so lieb ist wie ein Kind“, erzählt Alexander. „Meine Frau und ich haben vereinbart, dass wir abwechselnd zu den Demos gehen. So hat es sich ergeben, dass sie da eine aktive Rolle übernommen hat. Am Sonntag bin ich zur Arbeit gefahren. Und meine Frau ging, wie gewöhnlich, zur Demonstration. Für einige Stunden war in Minsk das mobile Internet abgestellt. Das wird hier dann gleich so interpretiert: Die OMON (Sondereinheit der Polizei, die vor allem gegen Demons­trierende eingesetzt wird; Anmerkung der Redaktion) jagt wieder friedliche Demonstranten, es kommt zu Festnahmen. Übrigens waren jetzt zum ersten Mal auch die Frauendemonstrationen betroffen. Für den Fall der Fälle zieht meine Frau gewöhnliche Kleidung und Schuhe an, hat aber auch eine Zahnbürste und ein paar „Frauensachen“ mit dabei. Wenn sie nicht auf SMS antwortet und man sie telefonisch nicht erreichen kann, habe ich Angst. Bislang hatte sie aber Glück und ist immer wieder nach Hause gekommen.

Записи из дневника на русском языке можно найти здесь.

Die Pro-Lukaschenko-Demos haben am 16. August begonnen, als Lukaschenko zum ersten Mal unters Volk gegangen ist und die Arbeiter der staatlichen Betriebe aus dem ganze Land nach Minsk zitiert hat.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Leute wegen der staatlichen Gehaltszulage, die sie dafür bekommen, auf die Straße gehen und nicht aus ideellen Gründen. Die Pro-Lukaschenko-Demos stehen unter dem Motto „Für Väterchen“, oder sie werden von dem Lied „Sanja bleibt bei uns“ begleitet.“ (Präsident Alexander Lukaschenko lässt sich gern „Väterchen“ nennen. „Sanja“ ist eine russische Koseform seine Vornamens; Anmerkung der Redaktion)

Und Alexander berichtet weiter: „Als ich auf dem Weg zur Arbeit war, fuhr auf dem benachbarten Fahrstreifen eine Autokolonne mit Pro-Lukaschenko-Demonstranten, so 50, 60 Autos, die meisten davon ziemlich teuer. Wissen Sie, die Leute, die unter den weiß-rot-weißen Flaggen demonstrieren, sind von einer Idee beseelt, von etwas Positivem. Auf den Gesichtern der Leute des Präsidenten habe ich keine Freude gesehen und keine Einigkeit. Ich hatte so ein Gefühl, als ob man sie hierher gezwungen hätte. Für gewöhnlich wird solchen Autokolonnen ‚Schande‘ entgegengeschrien. Oder die Leute zeigen, wie im Internet, mit einem Daumen nach unten.

Vor den Wahlen und direkt danach während der ersten Großkundgebungen beschuldigte Lukaschenko den Westen und Russland, dann änderte er die Strategie. Jetzt hat Putin ihm einen Kredit in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar versprochen, mit den Worten, ihn, Putin, als seinen großen Bruder zu bezeichnen“.

„Und jetzt“, so Alexander „demonstrieren die Pro-Lukaschenko-Leute mit russischen Flaggen, mit sowjetischen, mit georgischen und mit der staatlichen belarussischen (der grün-roten, die nach einem Referendum 1995 die weiß-rot-weiße ablöste; Anmerkung der Redaktion). Komische Mischung, oder? Ich wurde schon gefragt: ‚Warum geht deine Frau demonstrieren und du bleibst zu Hause?‘ Meine Frau hat geantwortet: ‚Die Veränderungen hängen von uns allen ab.‘ Die einen hängen Flaggen am Balkon auf, andere hupen sonntags als Zeichen der Solidarität, wieder andere bleiben zu Hause mit dem Kind, oder, wie ich, mit der Katze, während die Frau demonstrieren geht. Wir befinden uns gerade in einem Veränderungsprozess. Und jetzt mach ich mich daran, das Abendessen für meine Frau zu kochen, damit sie es gut hat, wenn sie nach Hause kommt, von diesem Kampf für die Freiheit. Aber wir werden auf jeden Fall siegen!“

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

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34 Jahre alt, lebt in Minsk und arbeitet bei dem Portal AgroTimes.by. Sie schreibt über besonders verwundbare Gruppen in der Gesellschaft: Menschen mit Behinderung, LGBT, Geflüchtete etc.

Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Tagebuch aus Minsk“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

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