Staatssymbole in Belarus: Die „falsche“ Flagge

Das Weiß-Rot-Weiß der Opposition ist nicht erlaubt. Olga Deksnis erzählt von stürmischen Zeiten in Minsk. Folge 2.

Menschen im Dunkeln mit der Fahne der Opposition in Belarus, die leuchtet

Weiß-Rot-Weiß: Diese Flagge ist das Zeichen der belarussischen Opposition Foto: Sergei Bobylev/ITAR-TASS/iamgo

Weronika arbeitet als Managerin in einer Minsker Privatfirma. Neulich war ihr Lebenspartner, nachdem er seine Arbeit verlassen hatte, vorübergehend telefonisch nicht zu erreichen.

Записи из дневника на русском языке можно найти здесь.

Die Miliz sei zu ihm gekommen, erzählt Weronika. „Den Grund kenne ich nicht, aber an diesem Tag gingen mir verschiedene Gedanken durch den Kopf. So sind jetzt eben die Zeiten.“ Es gebe da immer mehrere Möglichkeiten: Festnahme wegen der Teilnahme an einem friedlichen sonntäglichen Autokorso. Schließlich könnten die Leute anhand ihrer Nummernschilder identifiziert werden und bekämen dann zu Hause Besuch. Dort werde ein Protokoll gemacht. Oder Fragen zur Arbeit. Im Falle ihres Freundes habe die Miliz um Aufnahmen von der Videoüberwachung gebeten. Denn ans Nachbarhaus hatte jemand die weiß-rote-weiße Flagge von Belarus (Symbol der Opposition Amn. d. Red.) gemalt.

Gegen Bekannte von Weronika, die so eine Flagge über die Brüstung ihres Balkons gehängt hatten, wurde eine Geldstrafe verhängt.

Dann nahmen irgendwelche Leute ohne Uniform (vielleicht Helfer des Katastrophenschutzes) die Flagge einfach ab. Die Menschen betrachten dieses Vorgehen als Diebstahl persönlichen Eigentums.

„Die Miliz bestellt jemandem zu einem Gespräch ein. Das ist so eine Art Disziplinarmaßnahme“, sagt Weronika. „Wenn diese Lektion nicht ausreicht, gibt es ein Protokoll über eine Rechtsverletzung von Verwaltungsvorschriften. Der Vorwurf: Zerstörung der Unversehrheit einer Gebäudefassade oder Propaganda für die Schändung staatlicher Symbole. Obwohl – die Verfassung sagt dazu nichts Konkretes.“ Vielleicht gebe es für Belarus eine verbindliche Flagge, doch die Menschen hätten schließlich das Recht, ihren Standpunkt auszudrücken. Wie zum Beispiel eine LGBT-Flagge. Das sei ausschließlich die Meinung einer Person.

Weronika hat auch am Balkon ihrer Mietwohnung entsprechende Symbole angebracht. „Als in meinem Viertel Flaggen entfernt und dabei Scheiben eingeschlagen wurden, habe auch ich meine Fahne zeitweilig wieder abgenommen. Meine Wohnung gehört mir ja nicht.“ Doch die Besitzerin unterstütze sie, sagt Weronika. Ihre Unterhaltungen endeten immer mit „Es lebe Belarus!“ (Schlachtruf der Opposition, Anm. d. Red.)

Übrigens: Am Abend wurde die weiß-rot-weiße Flagge am Nachbarhaus mithilfe von Spezialtechnik von Unbekannten übermalt – in Rot und Grün, den Farben der offiziellen Staatsflagge.

Aus dem Russischen Barbara Oertel

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

34 Jahre alt, lebt in Minsk und arbeitet bei dem Portal AgroTimes.by. Sie schreibt über besonders verwundbare Gruppen in der Gesellschaft: Menschen mit Behinderung, LGBT, Geflüchtete etc.

Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Tagebuch aus Minsk“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de