Proteste in Iran: „Wir brauchen dringend Hilfe“
Die Proteste in Iran scheinen weniger zu werden, weil das Regime extrem brutal reagiert. Was Menschen in Iran über eine Intervention von außen denken.
US-Präsident Donald Trump hat am Dienstag US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner angesichts der explosiven Lage dazu aufgefordert, Iran umgehend zu verlassen. Zugleich warnte er die an der Macht befindliche iranische Führung davor, erneut mit brutaler Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen. Sollten die Machthaber Proteste wieder blutig niederschlagen, werde das Konsequenzen haben: „Hilfe ist unterwegs“, schrieb er auf der Plattform Truth Social in Richtung der Demonstrierenden. Zudem warnte er als Reaktion auf eine Warnung von Amnesty International, das iranische Regime könnte am Mittwoch die erste Hinrichtung vollstrecken, man werde „sehr entschlossen handeln“.
Kommunikation mit Iran ist derzeit allerdings kaum noch möglich ist. Seit sechs Tagen ist das Internet vollständig abgeschaltet. Die Telekommunikation ist sowohl innerhalb des Landes als auch ins Ausland weiterhin massiv gestört. Die wenigen Quellen, denen es gelingt, über Starlink-Verbindungen Kontakt zur Außenwelt herzustellen, berichten, dass die Proteste seit Sonntag deutlich zurückgegangen seien. Das Regime soll in zahlreichen Städten äußerst gewaltsam vorgegangen sei. Augenzeugen sprechen von Tausenden Ermordeten. Sie sprechen von Massakern und äußern zugleich ihre Enttäuschung über die ausbleibenden Konsequenzen aus dem Ausland.
„Sie haben viele ermordet. Wir sind Geiseln dieses Systems. Wo ist die Hilfe und Unterstützung, die uns versprochen wurde?“, sagt ein junger Mann aus Teheran.
„Wir brauchen sofort Unterstützung“
„Es ist egal, welche politische Einstellung man hat, wenn es um Menschenleben geht. Wir brauchen sofort Unterstützung. Wir fühlen uns eingekesselt, hier findet gerade ein Massaker statt“, sagt ein Mann mittleren Alters aus Isfahan.
„Wir waren in Kahrizak. Dort haben wir mehr als 400 Leichname gesehen, sie passten nicht mehr in die Räume und lagen auf dem Boden der Halle. Sie schießen mit militärischer Munition. Vor meinen Augen wurden Menschen direkt erschossen. Wir brauchen dringend Hilfe“, berichtet ein junger Mann aus Islamshahr.
Viele der Menschen, die es trotz der anhaltenden Internet- und Kommunikationssperre geschafft haben, Kontakt aufzunehmen, schildern ein ähnliches Bild. Ihre Beschreibungen decken sich, obwohl die Kontaktpersonen einander nicht kennen, aus unterschiedlichen Städten stammen und unabhängig voneinander berichten. Alle zeigen sich erschüttert darüber, dass noch keine Unterstützung aus dem Ausland kam. Auffällig ist, dass sie den Begriff „militärische Intervention“ meist vermeiden. Stattdessen sprechen sie von „Hilfe“, „Unterstützung“ und „Support“.
„Wallah, sie ermorden uns in einem Ausmaß, das ihr euch nicht vorstellen könnt. Die Straßen sind leer, weil sie sich unter Demonstrierende gemischt und auf Menschenmengen geschossen haben“, sagt ein weiterer Mann aus Teheran. „Mit bloßen Händen können wir dieses Regime niemals stürzen.“
Ein Mann aus Teheran
„Mittlerweile wird kaum noch protestiert“
Die Proteste, sagt er, hätten ob der brutalen Reaktion des Regimes abgenommen: „Mittlerweile wird kaum noch protestiert. Die Menschen suchen in Krankenhäusern nach den Leichnamen ihrer Angehörigen. Scharfschützen stehen auf den Dächern und schießen gezielt auf Menschen.“
Auch Analysten, die das Protestgeschehen seit ihrem Beginn Ende Dezember dokumentieren, verzeichneten einen deutlichen Rückgang. Am Dienstag wurden einer Analyse des amerikanischen Critical Threats Project (CTP) zufolge nur noch sieben Proteste in sechs Provinzen registriert.
Bereits vor der von der iranischen Führung verhängten Nachrichtensperre seit dem 8. Januar hatten sich Menschen in Iran sowohl in sozialen Medien als auch in Gesprächen offen geäußert. „Viele denken: Die Wahrscheinlichkeit, vom Regime erschossen zu werden, ist höher, als in einem direkten Krieg zwischen den USA und Iran zu sterben“, sagte eine Frau aus Karadsch der taz.
Als Bilder von der Verhaftung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduros durch die USA Anfang Januar im persischsprachigen Raum kursierten, äußerten viele den Wunsch, ähnliche Bilder eines festgenommenen Ali Chamenei, des obersten Führers der Islamischen Republik, vor einem internationalen Gericht zu sehen. Allerdings ist die geopolitisch fragile Lage in der Region mit den Interessen vieler unterschiedlicher Akteure überhaupt nicht vergleichbar mit der Situation in Venezuela.
Die Proteste waren Ende Dezember ausgebrochen und nahmen an Fahrt auf, als kurdische Parteien zu Streiks aufriefen – zunächst als Reaktion auf Verbrechen des Regimes in einem Krankenhaus in Ilam und anderen kurdischen Städten. Kurz darauf rief Reza Pahlavi, der älteste Sohn des letzten Schahs, am 8. Dezember aus dem Exil zu landesweiten Protesten auf. Pahlavi ist als Oppositionsfigur umstritten, die Kurdinnen und Kurden folgen ihm nicht.
Unklar ist, ob Pahlavi damit gerechnet hat, dass die kurdische Bevölkerung ihn so klar ablehnen würde. Auch, ob er mit der fehlenden Strategie der westlichen Staaten gerechnet hat. Es bleibt derzeit vieles unübersichtlich.
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