Proteste in Iran: Verleumdung gegen Herausgabe des Leichnams
Das iranische Regime setzt Angehörige eines getöteten Demonstranten unter Druck, über dessen Todesursache zu lügen. Doch die Familie weigert sich.
Foto: Abedin Taherkenareh/epa
Als der Name Amir-Hesam Khodayari in der Nacht zum 1. Januar 2026 in den sozialen Netzwerken kursierte, dauerte es keine 24 Stunden, bis das iranische Regime eine eigene Version seines Todes präsentierte. Der 21-Jährige aus Kuhdasht sei kein Demonstrant gewesen, der von Sicherheitskräften erschossen wurde, hieß es plötzlich, sondern ein Mitglied der Basidsch-Miliz – getötet von Protestierenden. Staatliche Medien verbreiteten ein Foto Khodayaris in Militärkleidung, die Revolutionsgarde erklärte ihn zum „Märtyrer“. Auch in Deutschland machte diese Meldung Schlagzeilen.
Zeug:innen widersprechen dieser Darstellung entschieden. Nach Recherchen von Menschenrechtsorganisationen wurde Khodayari während der Proteste Ende Dezember durch direkten Beschuss von Sicherheitskräften getötet. Mehrere Augenzeug:innen identifizieren den Schützen als einen pensionierten Angehörigen der Revolutionsgarde, der als Zivilbeamter im Einsatz war. Khodayari habe zuvor an Sprechchören gegen das Regime teilgenommen.
Seit Khodayaris Tod steht seine Familie unter massivem Druck. Lokale und nationale Behörden, darunter Kommandeure der Revolutionsgarde, Vertreter der Provinzregierung und ein Parlamentsabgeordneter, sollen die Angehörigen wiederholt aufgesucht haben – teils mit Kamerateams. Sie drängten darauf, öffentlich zu bestätigen, Amir-Hesam sei Mitglied der Basidsch gewesen, einer paramilitärischen Freiwilligenmiliz, die unter dem Kommando der Revolutionsgarden steht.
Weil sich die Familie weigert, wurde sein Leichnam bislang nicht herausgegeben. In einem Video, das sich in den sozialen Netzwerken verbreitet hat, sagt der Vater vor einer Menschenmenge: „Mein Sohn war kein Basidsch.“ Die Behörden halten dennoch an ihrer Version fest.
Bekanntes Muster
Was sich derzeit im westiranischen Kuhdasht abspielt, folgt einem Muster, das die Islamische Republik seit Jahren anwendet. Bereits während der Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“ 2022 wurden Familien getöteter Protestierender unter Druck gesetzt, alternative Todesursachen zu bestätigen, die in das Narrativ des Regimes passen. Nach dem Tod der 16-jährigen Nika Shakarami behaupteten Behörden, sie habe Suizid begangen. Eine Recherche der BBC deckte später auf, dass sie nach einer Kundgebung in Teheran von Regimekräften verfolgt, misshandelt und getötet worden war.
Ein Angehöriger eines damals getöteten Jugendlichen schildert der taz, was das konkret bedeutet. Er möchte anonym bleiben. Artin Rahmani war 17 Jahre alt, als er am 16. November 2022 in Izeh von Sicherheitskräften mit drei Kugeln erschossen wurde. „Nach der Tötung von Artin wurden wir massiv unter Druck gesetzt“, sagt der Angehörige. „Uns wurde gesagt, wir müssten den staatlichen Medien Interviews geben und erklären, es habe sich um einen 'terroristischen Anschlagʼ gehandelt und Artin sei ein 'Märtyrer der Islamischen Republikʼ in Rahmani gewesen. Andernfalls würden sie uns seinen Leichnam nicht übergeben.“
Die Behörden hätten Artins Körper faktisch als Geisel gehalten. Ohne Zustimmung der Familie organisierten sie eine staatliche Zeremonie, über die regimenahe Medien berichteten. Auch der ehemalige Revolutionsgardenchef Mohsen Rezaei nahm teil. „Wir lehnten diese Zeremonie vollständig ab“, sagt der Angehörige. Trotz Drohungen und Einschüchterung habe sich die Familie geweigert, die offizielle Version zu bestätigen. „Von Beginn an haben wir klar gesagt: Artin wurde von der Islamischen Republik getötet.“
Erzwungene „Geständnisse“
Die iranische Menschenrechtsorganisation Hengaw berichtet, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Auch bei den aktuellen Protesten, die seit mehr als einer Woche andauern, mehren sich Hinweise auf systematischen Druck auf Angehörige. „In zahlreichen Fällen wurden die Familien der Getöteten unter massivem Druck dazu gezwungen, im staatlichen Fernsehen Erklärungen abzugeben, die die politischen Aktivitäten ihrer Kinder delegitimieren sollten“, erklärt Zhila Mostajer, Leiterin von Hengaw, der taz. „Ziel dieser Inszenierungen ist es, die Verantwortung des Staates zu verschleiern und den Protest moralisch zu diskreditieren.“
Immer häufiger kommt es jedoch, wie im Fall der Familie Khodayari, zum Widerstand. „Viele Familien sind inzwischen nicht mehr bereit, selbst im Austausch für die Herausgabe der Leichname ihrer Kinder, zu schweigen oder die offizielle Darstellung der Islamischen Republik zu akzeptieren. Sie verweigern sich den staatlichen Narrativen und bestehen auf Wahrheit und Aufklärung“, so Mostajer.
Parallel dazu versucht das Regime, die öffentliche Wahrnehmung zu beeinflussen. Staatsmedien strahlten zuletzt erzwungene „Geständnisse“ junger Festgenommener aus, die erklärten, sie seien vom Ausland bezahlt worden. Menschenrechtsgruppen dokumentieren seit Jahren, dass solche Aussagen unter Folter oder massivem Druck entstehen.
Währenddessen gehen die Proteste weiter. Laut der Menschenrechtsorganisation HRANA wurden bislang rund 2.000 Menschen festgenommen, mindestens 34 Protestierende getötet, darunter auch Minderjährige.
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