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Proteste in IranEs braucht internationalen Druck

Daniela Sepehri

Kommentar von

Daniela Sepehri

Wieder erheben sich die Menschen in Iran, das Regime reagiert mit Gewalt. Die diplomatische Reaktion von Kanzler Merz ist einfach nur lächerlich.

Und der Westen schaut zu: Proteste in Iran, die niedergeschlagen werden Foto: Uncredited/AP/dpa

E s sind verstörende, brutale Bilder aus Iran, die verzögert nach draußen gelangen, denn seit Tagen ist das Internet im ganzen Land abgeschaltet. Bruchstückhaft und über Umwege, wie über das Satelliten-Internetsystem Starlink, erreichen einige Videos und Berichte dennoch die Außenwelt: Leichensäcke liegen da in Massen nebeneinander. Sicherheitskräfte schießen gezielt auf teils sehr junge Menschen. Krankenhäuser sind überfüllt, es fehlt an Ärzt*innen. Gleichzeitig strahlen Staatsmedien in Iran vermeintliche Geständnisse von inhaftierten Protestierenden aus: junge Menschen werden im Fernsehen vorgeführt und gezwungen, von sich zu behaupten, aus dem Ausland bezahlte Agenten zu sein.

Bereits im November 2019 kappte die Islamische Republik bei den landesweiten Protesten für fast eine Woche das Internet. Laut der Nachrichtenagentur Reuters wurden damals rund 1.500 Protestierende getötet. Auch die aktuellen Opferzahlen gehen wohl in die Hunderte. Die Abschottung ist Teil der Repression: Wenn niemand hinsieht, kann das Ausmaß der Gewalt vertuscht werden. Genau das geschieht jetzt wieder.

Von der internationalen Gemeinschaft bräuchte es jetzt maximalen Druck, doch aus Berlin kommt fast nichts. Kanzler Friedrich Merz meldete sich mit einem routiniert-diplomatischen Satz, statt politische Verantwortung zu zeigen: Man sei „zutiefst besorgt“, fordere die Behörden auf, „von Gewalt abzusehen und die Grundrechte der iranischen Bürger zu wahren“. Ein Statement, das an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist: Deutschland ist wichtigster EU-Handelspartner des Landes und schiebt dorthin ab. Beides legitimiert die Täter. Wer wirtschaftlich kooperiert und gleichzeitig „Besorgnis“ äußert, sendet nur ein Signal: Diese Gewalt hat keine Konsequenzen.

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Es bleibt Hoffnung

Es braucht öffentlichen internationalen Druck: die Terrorlistung der Revolutionsgarde in der EU, gezielte Sanktionen und internationale Strafverfolgung gegen die Täter, das Ende von Abschiebungen und eine klare Forderung nach Wiederherstellung des Internetzugangs. Europa sollte helfen und diejenigen unterstützen, die gerade heimlich verwundete Protestierende behandeln, die aus Angst vor Verhaftung nicht in ein Krankenhaus können. Stattdessen lehnt sich die Bundesregierung zurück und beobachtet lediglich.

Es besteht Hoffnung, dass das Regime eines Tages gestürzt wird. An diesem Tag wird man sich erinnern, wer geschwiegen und wer weggeschaut hat, während Menschen massakriert wurden.

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Daniela Sepehri
Jahrgang 1998, lebt in Berlin. Freie Social Media Beraterin, Autorin und Journalistin mit den Schwerpunkten Iran, Migration, Antirassismus und Feminismus. Bachelorabschluss in Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin.
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19 Kommentare

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  • Von einem Bundeskanzler F. Merz, der für sich einen Konrad Adenauer als sein Vorbild erkoren hat, ist auch wirklich nicht mehr zu erwarten, als ein paar abgenutzte Phrasen.



    Sehr erschütternd, aber wer hätte schon Kompetenz von Friedrich erwartet.

  • Das Regime hat vermutlich in zwei Tagen mehr Menschen getötet als während der gesamten Shah Zeit umkamen.

  • "Schön, dass sich so viele Länder wie die Türkei mit mit dem "Iranischen Volk" solidarisieren und überall in der Welt vor den iranischen Botschaften zu Kundgebungen konnt und muslimische Geistliche die regierende im Iran zur Zurückhaltung auffordert".

  • "Tief besorgt" gehört seit langem zum Standardrepertoire als Phrase auch zum Völkermord in Gaza. Und da liefern wir sogar noch Waffen.



    Sogar unsere feministische wertebasierte Außenpolitikerin Baerbock hat auf dem Höhepunkt der Proteste im Iran vor ein paar Jahren wenig von sich hören lassen. Ich vermisse Anzeichen, dass unsere Regierung die Protestierenden und die Opposition dort generell unterstützt.

    Dass es Trump nicht um die Unmenschlichkeit des Regimes im Iran geht, kann man leicht daran sehen, dass er die USA selbst gerade in einen diktatorischen Gottesstaat umbaut. Auch wenn man an seiner Religosität zweifeln darf, ist es im Land der Evangelikalen KreationistInnen eine gute Stütze für Repression. Wie es Religion schon immer war.

    Und die Frage ist, ob die iranische Bevölkerung nicht möglicherweise von einem solchen Regime ins bächste fällt, wenn Trump eingreift und dann vermutlich den amerikafreundliche Schah-Sohn auf den Thron hebt. Der Schah mag westaffin sein, aber Demokrat ist er sicher nicht.

    WIr leben allerorten in düsteren Zeiten. Hier in Deutschland geht es uns noch gut, aber auch wir haben eine Regierung, die schon in bemerkenswertem Maße Tendenzen zeigt.

    • @Jalella:

      " . . . dass er (Trump) die USA selbst gerade in einen diktatorischen Gottesstaat umbaut."

      Sorry, ohne Trump verteidigen zu wollen und sicher auch keineswegs die US-Klerikalen, doch ein Vergleich mit den USA ist absolut daneben, absurd und grotesk.

      Soche Vergleiche sind schädlich da sie das entsetzliche Ayatollah-Regime relativieren und dadurch verharmlosen.

      • @shantivanille:

        Im Zweifel genau darlegen, für sich wenigstens, ob nicht das Trump-Regime durch diesen Vergleich verharmlost wird.



        Der Vergleich ist jedenfalls nicht "absurd und grotesk" in Ihrem Sinne.

  • Die Forderung nach "internationalem Druck" und die Kritik an der Reaktion des Bundeskanzlers verkennt die Ausgangssituation.

    Infolge der bestehenden EU-Sanktionen ist das Handelsvolumen mit dem Iran nahezu zum Erliegen gekommen. Der Iran orierntiert sich inzwischen mehr nach Asien und die aktuellen Vorkommnisse werden dort wohl kaum zum Anlass genommen werden, sich an irgendwelchen Sanktionen zu beteiligen.

    Auch Abschiebungen werden wohl temporär für die Dauer der laufenden Auseinandersetzungen ausgesetzt werden.

    Im Ergebis bleib realpolitisch nichts mehr übrig. Die im Artikel benannten Forderungen sind - im jetzigen Zeitpunkt - einfach nur lächerlich (um bei den Worten der Autorin zu bleiben).

  • Über Maduro fand Merz deutlichere Worte, aber hier beträgt das HAndelsvolumen auch nur ex 130/ imp 30 Millionen und nicht wie beim Iran ex 1,2Milliarden / imp 200 Millionen - und der Iran-Handel ist schon um 35% zurückgegangen!

    Auch die Verbesserung der Lebensqualität und Menschenrechte funktioniert für MErz nur nachdem Trickle-Down-Prinzip:

    Ich habe den Eindruck, dass deutet darauf hin, dass es bei uns auch schlimmer wird - und Zivil-Courage für die Iranische Zivilbevölkerung gerade jetzt wichtig ist!

    Wir sind sicher nicht diesen Repressalien ausgesetzt, aber wir sind (für Friedrich Merz) auch jetzt schon keine Menschen mehr - und auch keine Bürger, wir sind Wähler. Und das ist für Politik heute der wichtigste Marker der Bevölkerungsidentität, dass kann genauso schief gehen wie alle im Mullah-Regime zu "Gläubigen" zu erklären - beides argumentiert unbedingten Machterhalt zur politischen Grundambition.

    Wir sollten uns vorsehen.



    WIr sollten Zivilcourage zeigen.



    Zan, Zendegi, Azadi – Frauen! Leben ! Freiheit!

  • Ich würde sagen, dass die Reaktion der BR und der EU eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit ist.



    Was fehlt (und vergleichsweise einfach ginge), wäre die Ächtung von Organisationen wie den Rev.-Garden hierzulande. Schwieriger würde es schon bei anderen Tarnorganisationen des Iran, die allesamt hierzulande den diversen Freiheitsgeboten unterliegen. Verbote sind selbst für einen eher polternden Innenminister wie Hr. Dobrinth sehr schwer durchzusetzen.



    Weiterhin kann sich Iran auf seine Verbündeten Russland und China verlassen, für die der Iran wiederum eine wichtige Figur im globalen Spiel der Großmächte ist.



    Iran hat sich zudem in der Vergangenheit als ziemlich sanktionsresistent gezeigt.



    Also die Möglichkeiten des europäischen Westens sind sehr beschränkt. Große Töne zu spucken, wäre dann mehr für die Galerie, aber ohne Wirkung. Insofern ist das Statement der BR auch ehrlich.



    Bliebe noch der gewaltsame Regimewechsel (bzw. die Beteiligung daran, wenn USA führen). Ich würde sagen: sofort, aber davon halten linksdrehende Köpfe noch weniger als vom Mullahregime.



    Also kann man nur abwarten, ob das Regime irgendwann implodiert.

    • @Vigoleis:

      Die "linksdrehenden Köpfe" haben vielleicht auch einfach mehr Realitätssinn - ich erinnere an die durchwachsene Bilanz westlicher Regime Change-Versuche in den letzten 25 Jahren. Wieso im Falle Irans funktionieren sollte, was schon in etlichen anderen Fällen katastrophal geendet hat, bleibt mir jedenfalls ein Rätsel...

    • @Vigoleis:

      Die derzeitige wirtschaftliche Lage im Iran ist auch Folge der Sanktionspolitik.



      Ob sich der Iran wirklich auf China und Russland verlassen kann, würde ich bezweifeln. Bei den Angriffen Israels auf den Iran und die Hizbollah hat Russland keinen Finger krumm gemacht, die haben in der Ukraine wohl doch genug zu tun.



      Auf Trump sollten sich die Demonstranten nicht verlassen. Der würde, wenn es ihm opportun erscheint auch wieder mit den Mullahs verhandeln ("einen Deal machen"). Ein Regime-change-Krieg erscheint unrealistisch, ob man den jetzt befürwortet oder nicht.



      Die Forderungen der Autorin sind sinnvoll. Kein ruhiges Hinterland für das Mullah-Regime.

    • @Vigoleis:

      "Bliebe noch der gewaltsame Regimewechsel (bzw. die Beteiligung daran, wenn USA führen). Ich würde sagen: sofort, aber davon halten linksdrehende Köpfe noch weniger als vom Mullahregime."

      Wow, Mal eben dafür plädiert, dass Deutschland gegen den Iran Krieg führt. Völkerrecht eh was für linkdrehende Köpfe.

      Chapeau.

      In den USA siehts auch nach Protest und gewaltsamer Zerschlagung aus. Ab wievielen Toten Anti-ICE Demonstranten rücken wir vor aufs weiße Haus? Sofort?

      • @Schleicher:

        Jetzt sage ich: wow, und wowwowwow. Die Regierung der USA mit dem Mullahregime im Iran zu vergleichen, dazu gehört schon was.



        Ich halte im Übrigen nichts davon, Krieg gegen Verbündete zu führen.



        Nur soviel: Ich habe nur mal aufgezählt, als Reaktion auf den Text oben, welche ernsthaften Möglichkeiten bestehen, auf das Regime im Iran Einfluss zu nehmen. Da bleibt eben so gut wie nichts aus deutscher Warte, wenn man die Zusammenarbeit mit den USA zu diesem Thema ausschließt.



        Oder haben Sie andere Ideen?

        • @Vigoleis:

          Diesen Vergleich wollte ich so erstmal garnicht anstellen.



          Gibt aber wohl doch einige Schnittmengen?



          Ohne jetzt in die Recherche einzutauchen:



          Todesstrafe zum Beispiel, Umgang mit Dissidendeten (Snowden, Assange mal als Beispiel).



          CIA Foltergefängnisse, erinnert sich wer?



          Guantanamo?



          Extralegale Tötungen weltweit.



          Zutiefst rassistische Gesellschaft mit zunehmend evangelikalem Extremismus.



          Aggressive Außenpolitik, Kriegsverbrechen, etc. etc.



          Die "Demokratie" dort ist auch wackelig. Die Republikaner schieben sich doch die Wahlbezirke so zurecht, dass Sie am Ende immer gewinnen, egal wie die Mehrheit der Bevölkerung abgestimmt hat.



          Naja.



          Und gewaltsame Trennung von Familien an der Mexikanischen Grenze, fällt mir auch noch ein.



          Nationalgarde in den Städten gegen Demonstranten..

          "Krieg gegen Verbündete" finde ich auch ungut. Ob die USA ein solcher Verbündeter sind oder sein sollten.. dahingestellt.

          Krieg gegen den Iran ist allerdings auch keine Option.

  • Das ist die Appeasementpolitik, die Merz auch anderswo an den Tag legt. Freilich ist er nicht der Einzige oder der Erste, der das so macht.



    Insgesamt hat die deutsche Politik ein Problem mit der Konsequenz. Gesetze werden nur bei politischer Opportunität streng durch gesetzt (Dobrindt verfolgt nur, was nicht stramm rechts ist) Steuerhinterzieher werden belangt, wenn es sich um ein paar zugepfusche Kilometer in der Pendlerpauschale handelt, Cum-Ex wird trotz Möglichkeit nur sehr mangelhaft verfolgt. Trump und seine Junta lassen ihre ICE-Gestapo agieren, kritisieren aber deutsche interne Angelegehneiten (Kennedy), besetzten völkerrechtswidrig andere Staaten, drohen einen Überfall auf einen unserer Nachbarn und was kommt von deutscher Regierungsseite? NIX. Bestenfalls Appeasemet - ist ja auch alles sehr komplex. Und auch die pflaumige Reaktion auf die Verbrechen im Iran reiht sich in diese Phalanx ein: es könnte den Profiten der Wirtschaft schaden wenn man Klartext redet. Das geht gar nicht!

    • @Perkele:

      Die im Artikel genannten Forderungen sind allesamt wirkungslos. Durch die bereits bestehenden EU-Sanktionen hat die EU im Iran doch jeden Einfluss verspielt und kann keinen Druck mehr ausüben.

      Wenn benannte Alternativen keine Wirkungen zeigen, weshalb sollte der Bundeskanzler dann jetzt anders reagieren.

      Eine andersartige Reaktion wäre doch allenfalls ein innenpolitisches Theaterstück.

      • @DiMa:

        Es gibt Möglichkeiten - wenn man denn will. Doch zu willenstarkem Handeln gehört Mut und den hat die Regierung nicht. Im Gegenteil, die haben Furcht vor der Wirtschaftslobby, vor dem Verlust von Parteispenden und "Berater"-Verträgen. Und noch einmal: es ist nicht die erste Regierung, die hier bei uns so inkonsequent ist.

        • @Perkele:

          "Willensstarkes Handeln" hat Trump in Venezuela bewiesen. Wollen wir das?

          Alles andere wäre im Iran wirkungslos. Welche Wirkung Sanktionen haben, zeigt sich ja am Beispiel von Russland.