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Propaganda im IrankriegMit den eigenen Waffen geschlagen

Mit KI-Clips im Lego-Stil erreichen iranische Botschaften ein Millionenpublikum. Die Machart zeigt ein tiefes Verständnis amerikanischer Popkultur.

Hat sich im Netz selbstständig gemacht: überlebensgroße Lego-Figur vor dem Unternehmenssitz in Dänemark Foto: Tom Little/reuters

dpa | US-Präsident Donald Trump beugt sich über die Epstein-Akten. Auf seiner Stirn stehen Schweißperlen. Neben ihm steht Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, beide als Lego-Figuren, mit starrem Lachen. Hinter ihnen ein roter Teufel mit einem Kelch in der Hand. Kurz darauf hebt eine Rakete mit amerikanischer Flagge ab. Die Szene soll vom Beginn des Irankrieges erzählen.

Explosionen folgen, Städte brennen. Eine Hand drückt einen roten Knopf. In einer Kommandozentrale stehen iranische Offiziere um eine Karte. Dann kippt das Geschehen. Raketen und Drohnen schlagen in Städten am Golf und in Israel ein. Die Ölpreise steigen. Amerikanische Soldaten kehren in Särgen zurück.

Die Videos erreichen ein Millionenpublikum

Die Botschaft dieser Videos ist eindeutig. Wer Iran angreift, wird verlieren. Die Clips verbreiten sich rasant im Netz und erreichen ein Millionenpublikum. Seit Wochen kursieren sie in sozialen Medien, oft unterlegt mit eingängigen Rap-Songs. Auch regierungsnahe iranische Medien teilen die Videos. Sie wirken spielerisch und unwirklich. Tatsächlich sind sie Teil einer gezielten Erzählung.

„Die politischen Botschaften in den Videos sind ebenso unverblümt und karikaturhaft wie die kantigen Lego-Figuren“, schreibt das US-amerikanische Magazin The New Yorker. In einem Artikel rekonstruiert das Blatt, wie ein Animationsstudio die Videos mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt hat. Unter dem Namen „Explosive Media“ veröffentlichte der Kanal auf Youtube schon vor dem Krieg politische Clips mit antiwestlicher Stoßrichtung. Kaum jemand sah sie. Erst mit den Lego-Figuren erreicht die Gruppe ein Massenpublikum.

Dass diese Clips so schnell ein Publikum finden, hat auch mit der Art zu tun, wie Kriege heute erzählt werden. Konflikte lassen sich nahezu in Echtzeit verfolgen. Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz zur Produktion von Videos gehört längst zur psychologischen Kriegsführung.

Studio kennt die amerikanische Popkultur

„Menschen wenden sich teilweise von einigen der realen Konfliktinhalte ab und suchen nach etwas, das das Geschehen schnell verdichten kann“, sagt der Experte Moustafa Ayad dem US-Magazin Wired. „Genau das leisten diese Lego-Videos.“ Sie zeigen die iranische Perspektive und greifen zugleich die politische Unzufriedenheit in den USA auf. Dem Magazin zufolge hat „Explosive Media“ ein tiefes Verständnis amerikanischer Popkultur.

Verbreitet werden die Clips auch durch offizielle Kanäle, etwa von Irans diplomatischen Vertretungen. Auch staatsnahe iranische und russische Medien teilen sie, ebenso Influencer mit Verbindungen zu den mächtigen Revolutionsgarden und großer Reichweite. Dennoch beteuert die in Iran ansässige Gruppe in mehreren Interviews, nicht mit der Führung in Teheran verbunden zu sein. Die BBC will aber einen der Macher gesprochen haben, der zugab, dass das iranische Regime ein „Kunde“ des Studios „Explosive Media“ sei.

Experte Ayad vom britischen Institut für strategischen Dialog sieht Hinweise für das Gegenteil. Er verweist auf den Internetzugang der Gruppe. „Angesichts der Tatsache, dass das Regime in Iran das Internet für praktisch alle anderen effektiv abgeschaltet hat, denke ich, dass man der Regierung ziemlich nahestehen müsste, um Zugang zum Internet zu haben“, sagt Ayad.

Youtube-Sperrung ruft iranische Regierung auf den Plan

Die Verbreitung ruft auch Gegenmaßnahmen hervor. Die Gruppe verbreitet ihre Videos vor allem über X und Telegram, seit Youtube ihren Kanal gesperrt hat. Irans Außenamtssprecher Ismail Baghai kritisierte diesen Schritt scharf. Er sei erfolgt, „um die Wahrheit über ihren „illegalen Krieg“ gegen den Iran zu verschleiern und die falsche Darstellung der amerikanischen Regierung vor jeglicher Gegenstimme zu schützen“, schrieb er auf X.

Die Lego-Videos von „Explosive Media“ gehören inzwischen zu den bekanntesten Clips, die regierungsfreundliche Narrative aus Teheran verbreiten. Sie sind Teil einer Entwicklung, die iranische Diplomaten und Regierungsvertreter seit Beginn des Krieges vorantreiben.

„Shitposting“ statt klassischer Kommunikationsstrategie

Experten ordnen die Clips in eine breitere Entwicklung ein. Die New York Times fragte kürzlich bang: ist das die Zukunft der Slopaganda – ein englisches Kofferwort aus dem Wort für KI-generierte Inhalte, „Slop“, und Propaganda)? Das Institut für strategischen Dialog spricht in diesem Zusammenhang von „Shitposting“, das klassische Kommunikationsstrategien zunehmend verdrängt. Gemeint sind provokante, absurde oder humorvolle Inhalte, die gezielt Reaktionen auslösen sollen und Reichweite erzeugen.

Die Denkfabrik mit Sitz in London schreibt in einem Bericht, dass Beiträge iranischer Auslandsvertretungen seit Kriegsbeginn rund 900 Millionen Aufrufe und 22 Millionen Likes erzielt haben. Das entspricht einem Anstieg um das Dreißigfache im Vergleich zu den 50 Tagen vor dem Krieg.

Die hohen Reichweiten ließen sich nicht allein durch den Krieg erklären. „Der Erfolg von Irans neuer Kommunikationsstrategie wirft daher Fragen über die Zukunft diplomatischer Kommunikation selbst auf, insbesondere im Hinblick auf autoritäre Staaten“, heißt es in der Analyse. Zwar sei es nicht neu, dass Diplomaten soziale Medien nutzen, um gezielt zu provozieren. Neu sei jedoch die breite Zustimmung und hohe Interaktion.

Iran als „Underdog“

Laut der Analyse hat sich vor allem die Darstellung im Netz verschoben. Iran erscheint dort zunehmend nicht mehr als Bösewicht, sondern als „Underdog“ im Widerstand gegen die USA. Frühere Menschenrechtsverletzungen treten dabei eher in den Hintergrund oder finden weniger Beachtung.

Zugleich sagen die Autoren, dass diese Entwicklung nicht allein auf Irans Kommunikation zurückgeht. Auch die Politik der USA hat Zweifel an etablierten Deutungen verstärkt. Teheran hat diese Dynamik aufgegriffen und für sich genutzt. „Dieses Rebranding ist wohl Irans bislang bemerkenswertester Erfolg in diesem Krieg.“

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