Propaganda im Iran-Krieg: Kampf ums Narrativ
Gut-gegen-Böse-Erzählungen funktionieren in Kriegen besonders gut. Davon profitiert das iranische Regime – während die iranische Bevölkerung leidet.
Verfolgt man die Berichterstattung nach Beginn der brüchigen Feuerpause zwischen den USA und dem Iran, kann man denken, das größte Opfer des Kriegs sei der Ölpreis. Zumindest beherrschte er am ersten Tag des Waffenstillstands die Schlagzeilen – ganz im Sinne des Regimes in Teheran. Denn dessen Einfluss auf die Weltwirtschaft, die Preise von Öl, Benzin und Gas, ist seine stärkste Waffe. Die Botschaft an die Welt: Wer uns angreift, muss zahlen. Wortwörtlich.
Diese Macht werden die Vertreter der Islamischen Republik so schnell nicht aus der Hand geben. Sie kündigten an, auf unbestimmte Zeit eine Art Maut für die Passage durch die wichtige Straße von Hormus zu erheben, was ihnen viel Geld einbringen wird.
Und sie haben damit ein Druckmittel gegen Israel: Nach Verkündung der Feuerpause erklärte das Regime, man werde den maritimen Durchgang nicht öffnen, solange die israelische Regierung Ziele im Libanon angreifen lässt. Für das iranische Regime könnte es besser nicht laufen. Es präsentiert sich als Retter der Entrechteten, als Bollwerk gegen die Imperialisten, gar als Verteidiger der islamischen Welt.
Diese Propaganda ist nicht neu, durch den Krieg aber wohl erfolgreicher denn je. Auch, weil Gut-gegen-Böse-Erzählungen in Kriegen besonders gut funktionieren. Die USA und Israel sind böse, also muss das iranische Regime gut sein. Dabei scheren sich die iranischen Machthaber nicht um das Wohl der Menschen im Libanon, in Gaza oder in Iran. Menschen sind entbehrliche Figuren in einem Spiel der Autoritären um Macht, Geld und Einfluss.
Die iranische Bevölkerung findet kaum Gehör
Zusätzlich spielt dem Regime in die Hände, dass die iranische Bevölkerung in vielen westlichen Staaten politisch und medial kaum Beachtung findet. Dabei waren es schon immer die Menschen in Iran, die die Propaganda der Islamischen Republik als Lügen entlarvten. Doch während die Cyberexperten des Regimes im aktuellen Krieg hochwertige KI-Filmchen produzieren, in denen sie als cooler David gegen den imperialistischen Goliath kämpft, werden im Land weiterhin Menschen hingerichtet.
Allein seit Beginn des Kriegs wurden 14 politische Gefangene erhängt. Unter ihnen Saleh Mohammadi, Saeed Davoudi und Mehdi Ghasemi. Die drei jungen Menschen im Alter zwischen 19 und 21 Jahren wurden während der Proteste im Januar dieses Jahres festgenommen. Die einzige Gefahr, die sie für das Regime darstellten, war ihr Wunsch nach Freiheit.
Besonders viele Menschen tötet das Regime, wenn es unter Druck gerät. Laut Vereinten Nationen wurden im Jahr 2025 mindestens 1.639 Menschen hingerichtet. 2024 waren es „nur“ 975. Der Krieg zwischen Israel und Iran im Juni 2025 wurde zum Exekutionstreiber.
Wahrheiten wie diese stehen der Heldengeschichte der Islamischen Republik entgegen. Und so blockieren die Machthaber seit Anfang Januar, als im Land Massenproteste ausbrachen, nahezu durchgehend das Internet. Die Menschen im Land sollen weder miteinander noch mit der Welt kommunizieren, nicht von der täglichen Gewalt berichten: Massenüberwachung, willkürliche Festnahmen, Regime-SMS voller Drohungen, wirtschaftliche Not.
Sie könnten auch von den Bombardierungen berichten, den Zerstörungen, die die USA und Israel verursacht haben, den getöteten Menschen und davon, wie der Krieg die wirtschaftliche Krise verschärft. Doch das iranische Regime will das Narrativ vollständig kontrollieren.
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
In seine Erzählung passt auch nicht, dass die Bevölkerung seit Beginn der Waffenruhe zwar erleichtert über das Ende der täglichen Bombardierungen ist, insbesondere an stark betroffenen Orten wie Teheran. Doch der Großteil der Menschen wünscht sich weiter ein Ende der Islamischen Republik, kann und will keine Unterdrückung, Gewalt und Armut mehr ertragen.
Der Krieg brach aus, als die Bevölkerung noch unter Schock stand, nachdem das Regime Anfang Januar Zehntausende Menschen bei Protesten ermordet hatte und als die wirtschaftliche Existenzangst der Menschen mit der hohen Inflation und der fallenden Währung immer weiter wuchs. Ein mögliches Ende des Kriegs bringt zumindest ein wenig Hoffnung auf Ruhe und leichte wirtschaftliche Erholung.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Doch sieht die Bevölkerung sich dabei einer Führung gegenüber, die nun auch noch von sich behauptet, gegen die größte militärische Macht der Welt gewonnen zu haben. Das Regime ist hoch korrupt und wird die Menschen wirtschaftlich weiter ausbluten lassen. Damit stirbt für viele die letzte Hoffnung, dass Hilfe von außen sie unterstützen könnte.
Zumal das iranische Regime, eines der brutalsten der Welt, seine außenpolitische Legitimität durch den Krieg bisher sogar noch steigern konnte – gerade in progressiven politischen Lagern. So begrüßte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez in einem Post auf X den Waffenstillstand. Was man jetzt brauche, so schrieb der Sozialist, sei „Diplomatie, internationales Recht und FRIEDEN“.
Kein Wort darüber, dass es für die Menschen in Iran niemals Frieden geben kann, solange die eigene Führung die Bevölkerung unterdrückt, tötet, foltert, überwacht, hinrichtet. Ihre Stimmen werden, wieder einmal, ignoriert.
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