Premiere am Ernst-Deutsch-Theater: Agitprop zum Mitklatschen
Reicht eine empowernde Wohlfühlinszenierung bei Gastarbeiterinnen-Geschichte? „Die Optimistinnen“ von Ayla Yeginer am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg.
Foto: Oliver Fantitsch
Eine wunderbare Chance, aus unvertrauter Perspektive auf das eigene Land zu schauen und vergessene Biografien empowernd fürs Hier und Heute aufzuarbeiten. Gün Tank erinnert mit ihrem Roman „Die Optimistinnen“ daran, dass Arbeitsmigration aufgrund der deutschen Anwerbung in den 1960er/1970er-Jahren keine Männerdomäne, sondern rund 30 Prozent der ausländischen Arbeitskräfte weiblich war. Nur ein Drittel der westdeutschen Frauen, aber mehr als die Hälfte der in Westdeutschland lebenden ausländischen Frauen waren damals erwerbstätig. Viele als Alleinverdienerinnen ihrer etwa in der Türkei, in Italien oder Spanien lebenden Familien.
Statt Ausbeutungsmechanismen zu erdulden, kämpften einige urgewerkschaftlich dagegen an. Murat Yeginer hat die Geschichten dramatisiert und bereits am Theater Bielefeld und im Alten Schauspielhaus Stuttgart inszeniert. Nun nimmt sich seine Tochter Ayla Yeginer, aus dem Leitungsteam des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters, des Stoffes auf der Kellerbühne des Hauses an. Und lässt erstmal programmatisch ein Lied von Cem Karaca anstimmen: „Es wurden Arbeiter gerufen /Doch es kamen Menschen an.“
Im Bühnenhintergrund hängt ein mit „Solidarität“ beschriftetes Banner. Um diese beispielhaft vorzuführen, brauchen fünf Schauspielerinnen nur ein paar Tische, um sich drauf zu fläzen und patriarchale Strukturen zu benennen. Aus ihrer Wut generieren sie den Mut und die Tatkraft, sich fortan nicht alles bieten zu lassen. Frauen diverser Nationalität verbinden sich dazu mit Kollegen und dem Betriebsrat – und dem Publikum.
Demoparolen mit Megafon
Männer werden mit Rosen beschenkt. Dann skandiert das Quintett mit und ohne Megafon vor allem Demo-Parolen. Es geht um menschenwürdiges Wohnen, Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, Achtstundentag, Abschaffung der Leichtlohngruppe, die extra zur Minderbezahlung der Frauen eingeführt worden waren.
Der am häufigsten gesagte Satz ist allerdings: „Wir müssen Deutsch lernen!“ Also kommt auch Sprachunterricht in den Forderungskatalog. Das Klischee der ersten Gastarbeiter:innengeneration – unmündig, unselbstständig, unterdrückt, unemanzipiert usw. – wird also radikal aufgebrochen.
Die Darstellerinnen wechseln dabei häufig die Rollen, bleiben aber immer irgendwie gleich stark, selbstbewusst, fröhlich, aktionistisch. Eben optimistisch. Dabei ist es allerdings unübersichtlich, wen wer gerade spielt. Orts- und Zeitwechsel sind ebenfalls nicht nachzuvollziehen. Zudem ist der Text dermaßen reduziert, dass keine Figur Profil gewinnen kann, geschweige denn, dass die persönlichen Situationen und sozialen Errungenschaften der Frauen sowie die politischen Hintergründe vertiefend lebendig würden.
Stereotyp keifende Witzfiguren
Alle Gegenspieler, deutsche Männer, werden in Comedy-Manier zur keifenden Witzfiguren überzeichnet. Geradezu agitprop-plump stehen also schwer sympathische, vorbildlich gute Gastarbeiterinnen den schwer unsympathischen, abschreckend bösen Machtmännern des Wirtschaftswunder-Kapitalismus gegenüber. Das ist so langweilig überdeutlich, dass es kaum Spaß macht, mit den richtig wichtigen Anliegen der Guten zu empathisieren.
Nicht zu verschweigen: Es wird mal kurz ein Angstmoment bei der Begegnung mit der Polizei angedeutet wie auch die Verunsicherung, durch Streikmaßnahmen den Arbeitsplatz und die Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren. Noch kürzer eingeworfen werden xenophobe und rassistische Beleidigungen der Aufrührerinnen, auch Propaganda-Schlagzeilen der Boulevardpresse angesichts der wilden Arbeitsniederlegungen 1973 bei Ford in Köln, von „Türken-Terror“ war damals die Rede.
Aber für keines der angedeuteten Themen interessiert sich die Aufführung nachhaltig. Die schlicht verknappenden Dialoge werden alle paar Minuten abgebrochen, um zu singen und zu tanzen, was die Zuschauer:innen zum Mitklatschen animiert. Worum es in den Songs geht, verstehen nur Türkisch-Kundige, Übersetzungen bietet das Theater leider nirgendwo an.
Yeginer inszeniert einen aufgekratzten bis übermütigen Wohlfühlabend, bei dem der Kampf um Arbeitnehmer:innenrechte als Party daherkommt. Was den Roman inhaltlich derart skelettiert, dass die aufklärerischen Möglichkeiten des Stoffes ungenutzt bleiben. Andererseits: Einfach mal mit guter Laune die Energie solidarischem Verhalten zu befeuern in Zeiten erodierenden Demokratieverständnisses, ist vielleicht auch nicht so verkehrt.
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