Pragmatischer Eiskunstlaufcoach: Was bedeutet schon die Nationalität, wenn es Geld gibt
Choreograf Benoît Richaud betreut bei Olympia 16 Athlet:innen und wechselt fliegend Länderoutfits. Damit entlarvt er die Idealisierung der Nation.
Foto: Ashley Landis/ap/dpa
M oment mal, dachte ich mir, als ich zu Beginn der Winterspiele den Teamwettbewerb im Eiskunstlauf anschaute. Dieser glatzköpfige Typ da, der erwartungsvoll mit Team Frankreich auf die Punkte der Jury wartet, saß der nicht gerade noch bei Team Kanada mit auf der Bank? Nein, kann nicht sein, er trägt doch den gallischen Hahn auf der Brust, sagte ich mir dann, völlig überzeugt (und mitgerissen) vom Nationalstolzgehabe rund um die Olympischen Spiele. Und mit etwas schlechtem Gewissen, dass Männer mit Glatze für mich scheinbar alle gleich aussehen.
Aber dann tauchte auch noch ein zum Verwechseln ähnlicher Typ bei den US-Amerikanern auf, mit Stars and Stripes auf der Brust. Später bei den Georgiern. Sowie neben dem Spanier Tomàs-Llorenç Guarino Sabaté, der seine Kür als Minion verkleidet präsentierte. Und einige Tage später dann freut er – oder sein Doppelgänger? – sich über die Bronzemedaille im Paarlauf für Minerva Hase und Nikita Volodin, die für Deutschland antreten.
Kurz darauf wird mir ein Clip bei Instagram reingespült, und alles klärt sich zu meiner Erleichterung auf: Die ominösen glatzköpfigen Zwillinge, die vermeintlich für unterschiedliche Nationen antreten, sind tatsächlich ein und derselbe Typ – er wechselt einfach nur zwischen den Choreos sehr schnell die Teamjacke. Es ist Benoît Richaud, ehemaliger französischer Eiskunstläufer und heute einer der gefragtesten Choreografen in dem Bereich. Jedenfalls haben ihn für diese Winterspiele gleich 16 Athlet:innen gebucht. Bemerkenswert, dass er da nichts durcheinanderbringt.
Und bemerkenswert auch, denke ich mir, dass ich diesen Länderoutfits so viel Bedeutung beigemessen habe. Das kanadische Ahornblatt, der gallische Hahn, so what? Für Richaud sind Nationalteams eben nur Teams wie jedes andere beliebige Sportteam auch. Alte Jacke aus, neue Jacke an, und dann schauen, dass die Choreo passt und die Arbeit daran belohnt wird. Plötzlich fasziniert mich Richauds Pragmatismus. Und wie er damit unbeabsichtigt diese total veraltete Idealisierung von Nationalität bei den Spielen ins Lächerliche zieht.
Vermeintliche Liebe zur Nation
Ich meine, wie weit geht diese vermeintliche Liebe zur eigenen Nation bei den Sportlern überhaupt? Es tritt ja nicht manch ein Athlet aus Frankreich dann doch für Kenia oder aus Finnland doch für Bolivien auf, weil sein Herz jetzt zufällig für die andere Nation schlägt. Sondern schlicht, weil er oder sie dadurch die Chance hat, überhaupt am olympischen Wettbewerb teilzunehmen.
Und Richaud? Er ist eben beliebt, wird gebucht und erledigt seinen Job. Man hat fast das Gefühl, das Anstrengendste daran ist der schnelle Jackenwechsel. Ach ja, und dass etwa der halbe Wettkampf von ihm choreografiert ist.
Am Ende geht's doch darum, dabei sein zu können. Um möglichen Ruhm. Und um Geld. Da ist das Nationalemblem auf der Jacke eher Nebensache. Privat trägt Richaud übrigens meist einfach nur Schwarz.
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