Postkoloniale Doku: Ins Gestern verstrickt

Von der Schwierigkeit, als weißer Europäer postkolonial abzubilden: Die Doku „Stop Filming Us“ ist in Hamburg zu sehen.

Drejarbeiten im konglesischen Goma: Weißer Kameramann filmt einen Schwarzen

Wer ist wie selbstverständlich hinter der Kamera? Und wer davor? Foto: Doxy Films

HAMBURG taz | Er hat einen Auftritt in diesem Film, wenn auch nur als Erwähnung: Belgiens König Leopold II., dessen enorm gewalttätige Herr-, ja sogar Eigentümerschaft über den „Freistaat Kongo“ – eine Kolonie, die nicht so heißen sollte – bis heute Auswirkungen habe auf die Menschen dort.

Dort, das ist die Demokratische Republik Kongo, ein Staat in Zentralafrika mit heute rund 90 Millionen Bewohner_innen. Dorthin also ist Joris Postema gereist, zwar kein Belgier, aber ein Niederländer, also Nachkomme derer, die jenen Kontinent einst unter sich aufgeteilt hatten.

Wessen Bilder – und wovon?

Postema ist Dokumentarfilmer, er will dort einen Film drehen und dabei die Fehler vermeiden, die so oft gemacht würden, das hören wir mehrfach in „Stop Filming Us“: Dass Fremde – Weiße – ins Land kommen mit einer festen Vorstellung davon, was sie zeigen wollen, ja: was es dort überhaupt zu zeigen gebe. Elend nämlich, Krieg, Hunger vielleicht und Korruption, so in etwa. Oder die vermeintlich unabdingbare Arbeit der 250 NGOs, die allein in der Stadt Goma an der Grenze zu Ruanda aktiv seien.

Welche Bilder es gibt, in den Köpfen, aber genauso auf Touchscreens und Leinwänden, wer sie macht und für wen: Das ist, was der Film zum Thema hat – und woran sein Macher scheitert, wenn auch auf eine Weise, die sich produktiv nennen lassen könnte. Wir sehen da also einem Weißen zu, der nicht Kolonisator sein will, der näher ran will an die Realität und auch versucht, die Gefilmten zu Filmenden zu machen – natürlich nur im Rahmen, den die Fördermechanismen ihm erlauben. Und der sich doch immer wieder verstrickt zeigt in die Auswirkungen des Kolonialen: „Warum“, fragt irgendwann Petna Ndaliko, selbst Filmemacher und „artistic director“ der Kultureinrichtung „Yole! Africa“: „Warum filmen wir nicht Joris?“

Denn sogar den ach so anders motivierten Weißen, der nicht sein will wie jene, die vor ihm kamen: Den kennen sie schon in Goma (und vermutlich auch anderswo). „Dekolonisation ist in Mode“, sagt einer seiner kongolesischen Gesprächspartner einmal. Umso wichtiger sei zu fragen: „Von wessen Kolonisierung ist die Rede?“

„Stop Filming Us“. Regie: Joris Postema, NL 2020, 95 Min.

Vorführung: So, 19. 9., 12.45 Uhr, Hamburg, Metropolis (OmeU, in Anwesenheit von Regisseur Joris Postema und des Protagonisten Ganza Buroko)

Diskussion + Q&A: 15 Uhr

https://dokfilmwoche.com/

Immerhin: Postema spielt mit vergleichsweise offenen Karten, lässt immer wieder Einwände gegen das eigene Projekt zu und Eingang finden in den Film. So kommt es zu einer Abstimmung darüber, ob die beiden Weißen – neben dem Regisseur noch Kameramann Wiro Felix – ihren Film drehen dürfen sollen oder doch lieber einheimische Kreative das machen. Und die letzten Minuten widmen sich den lebhaften Diskussionen nach einer Aufführung in Goma – der Aufführung einer Fassung des Films, die genau diese Sequenz natürlich noch nicht enthalten kann.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de