Pop-up-Radwege in Pandemie: Verkehrswende im Hier und Jetzt

Die Verkehrswende muss kein Projekt der nächsten Generation sein. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass es auch schnell und unbürokratisch gehen kann.

Radfahrerin in weißer jacke auf einem Pop-Up Weg

Der Pop-up-Radweg am Kottbusser Tor in Berlin hat sich nun ein Jahr lang bewährt Foto: Karsten Thielker

Bei allen schrecklichen Folgen der Coronapandemie gibt es auch einen Kollateralnutzen: enorme Modernisierungsschübe. Eines der sichtbarsten Beispiele dafür ist die Fahrradpolitik. Vor einem Jahr sind in Berlin quasi über Nacht die ersten temporären Radwege entstanden, die sogenannten Pop-up-Bike­lanes. Das war für Ra­dak­ti­vis­t:in­nen vielerorts der Startschuss, das Gleiche in ihren Städten einzufordern, in einigen mit schnellem Erfolg, andere werden einen langen Atem brauchen.

Hier wird die fachkundige Rad­le­r:in­nen­be­we­gung sichtbar, die in den vergangenen Jahren bundesweit entstanden ist und die jetzt große Unterstützung über die eigenen Kreise hinaus erhält. Die Coronapandemie führt einem großen Publikum vor Augen, dass die bestehende Infrastruktur für Rad­le­r:in­nen völlig unzureichend ist und sie gefährdet. Die Pop-up-Bikelanes zeigen: Wo ein Wille ist, ist auch ein Radweg. Die Verkehrswende muss kein Projekt der nächsten Generation sein, sie kann auch im Hier und Jetzt beginnen.

Es muss aber sehr viel mehr sehr viel schneller als bisher geschehen. Hierzulande gibt es deutlich weniger Pop-up-Radwege als etwa in Frankreich. Die deutschen Verwaltungen sind in der Regel sehr schwerfällig; Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat es versäumt, das Straßenverkehrsrecht fahrradfreundlich zu modernisieren. Beides blockiert Fortschritte. Im weltweiten Vergleich ist Deutschland deshalb noch nicht sehr weit gekommen. Leuchtende Vorbilder sind Paris oder Brüssel. Dort räumen die Verantwortlichen Fuß­gän­ge­r:in­nen und Rad­le­r:in­nen Vorrang vor dem Auto ein.

Die Gelegenheit, das auch in der Bundesrepublik anzugehen, besteht jetzt. Nach der Coronakrise wird es in den Innenstädten Gestaltungsspielräume geben wie in Westdeutschland seit der Nachkriegszeit und in Ostdeutschland seit dem Ende der DDR nicht mehr. Es besteht die Chance, den öffentlichen Raum neu zu verteilen, denn viele Kommunen werden vor der Frage stehen, wie sie ihre Innenstädte angesichts pleitegegangener Läden und Restaurants attraktiv gestalten können. Wer auf Fuß­gän­ge­r:in­nen und Rad­le­r:in­nen setzt und nicht auf das Auto, wird zu den Ge­win­ne­r:in­nen gehören.

Allerdings: Die Coronakrise droht die Verkehrswende an anderer Stelle erheblich zu bremsen. Denn viele von denen, die nicht auf ein Rad umsteigen konnten oder wollten, nehmen aus Angst vor Ansteckung in Bus oder Bahn jetzt lieber das Auto. Diese Leute müssen nach der Krise zurück in den öffentlichen Nah- und Fernverkehr geholt werden, etwa mit billigeren Tickets und besseren Verbindungen.

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