Politologin über Frauen und Klimawandel: „Keineswegs geschlechtsneutral“

Frauen tragen statistisch gesehen weniger zur Klimakrise bei als Männer. Von den Folgen sind sie aber teilweise stärker betroffen.

Eine Frau in einem lila Gewand rührt ihn einem Topf

Eine Frau kocht auf einem Boot während des Hochwassers in Bangladesch 2002 nahe Dhakas Foto: Pavel Rahman/ap

taz: Frau Hummel, steckt das Patriarchat auch im Klimawandel?

Diana Hummel: Unsere Forschung hat gezeigt, dass der Klimawandel keineswegs geschlechtsneutral ist. Sicherlich sind alle Menschen vom Klimawandel betroffen und auch von den Maßnahmen, die ihn bekämpfen sollen. Aber in beiden Facetten wirken sich auch Geschlechterverhältnisse aus.

Männer haben zum Beispiel statistisch gesehen einen höheren CO2-Fußabdruck als Frauen. Liegt das an individuellen Entscheidungen?

Nur teilweise, wie bei der Ernährung. Männer essen statistisch gesehen mehr Fleisch. Aber oft geht es um strukturelle Fragen, um geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen und um Machtgefälle.

Zum Beispiel bei der Mobilität: Frauen übernehmen immer noch einen Großteil der Care-Arbeit, das zeigt sich auch in ihrem Mobilitätsverhalten. Sie erledigen den Einkauf, begleiten Kinder zur Kita oder Kranke zum Arzt. Dabei geht es oft um kürzere, wenn auch vielzählige Strecken, für die es sich anbieten kann, zu Fuß zu gehen, das Rad zu nehmen oder die eine Station Bus zu fahren. Frauen fahren weniger Auto als Männer.

In Deutschland sind nur 34,2 Prozent der Autos auf Frauen zugelassen.

Männer haben im Schnitt auch größere Autos, nutzen sie häufiger und für weitere Strecken. Ihr Mobilitätsverhalten orientiert sich stärker an der Erwerbsarbeit. Das gleicht sich allerdings langsam an – Frauen im mittleren Alter fahren häufiger Auto als früher, junge Männer dafür weniger.

In vielen Bereichen gibt es aber eben noch deutliche Unterschiede. Zum Beispiel in der Erwerbsökonomie, etwa beim Gender Pay Gap, also geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden. Auch sind Rentnerinnen und Alleinerziehende überdurchschnittlich von prekären Einkommensverhältnissen betroffen.

Einkommen ist ja der beste Indikator für den CO2-Fußabdruck: Wer viel Geld hat, lebt durch Reisen und eine große Wohnfläche meist CO2-intensiv, selbst wenn Wissen und politische Einstellung dagegensprechen. Arme Menschen können sich das schlicht nicht leisten.

Und zu denen gehören Frauen häufiger. Diese strukturellen Unterschiede und sozio-ökonomischen Ungleichheiten spielen auch bei der Betroffenheit vom Klimawandel eine Rolle.

Frauen sind stärker betroffen als Männer?

Es gibt sehr interessante Studien zu Hitzewellen, die ja in Deutschland mit dem Klimawandel ziemlich sicher zunehmen werden. Die zeigen, dass die Sterberate bei solchen Ereignissen bei Frauen höher liegt als bei Männern. Da wird als Grund oft pauschal genannt, dass Frauen eine größere Lebenserwartung haben.

Also einfach durch ihr hohes Alter anfälliger sind?

Jahrgang 1963, ist Ko-Leiterin des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Bevölkerungsentwicklung, Biodiversität und Versorgung sowie Gender & Environment.

Weil der Anteil von Frauen in den höheren Altersgruppen dadurch größer ist. Aber die Forschung zeigt, dass es nicht so einfach ist und soziale Faktoren hinzukommen, etwa die ungleiche Zuschreibung von Verantwortung im Bereich der Care-Arbeit.

Eine Studie aus den USA hat zum Beispiel ergeben, dass dort Männer bei Hitzewellen viel häufiger ins Krankenhaus eingewiesen wurden als Frauen. Das deutet darauf hin, dass sie eine bessere Versorgung durch Angehörige erfahren und dass für Frauen im Alter oder Krankheitsfall diese Unterstützung häufig nicht gesichert ist.

Schließt sich da der Kreis? In heterosexuellen Partnerschaften rufen die sorgeerfahrenen Frauen für die Männer eher den Krankenwagen als andersherum?

Ganz genau. Deshalb ist es wichtig, dass Hitzeaktionspläne auch soziale Faktoren berücksichtigen wie die häusliche Situation der Menschen.

Ist das ein weltweites Phänomen?

Durchaus. Um ein weiteres konkretes Beispiel zu nennen: In einem unserer Projekte untersuchen wir Genderaspekte von Flutereignissen in Bangladesch. Dort zeigt sich, dass Frauen und Mädchen seltener schwimmen lernen. Oder sie tragen durch kulturelle Faktoren Kleidung, die ihre Mobilität einschränkt. Hinzu kommen Normen, nach denen Frauen teilweise das Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen dürfen.

Das alles macht die Flucht vor Fluten schwieriger.

Zu beachten ist – und dies gilt sowohl für den Globalen Norden als auch den Globalen Süden – dass Frauen und Männer keine homogenen Gruppen sind. Neben Geschlecht sind auch weitere Faktoren sozialer Ungleichheit zu betrachten, wie Alter, Einkommen oder die körperliche Verfasstheit.

In der Präambel des Paris-Abkommens steht, dass Klimaschutz Gender-Aspekte berücksichtigen sollte.

Das war ein großer Erfolg, denn es ist völkerrechtlich verbindlich. Auf internationaler Ebene war das Thema relativ früh präsent, die Klimarahmenkonvention hat es 2001 zum ersten Mal aufgegriffen. Mittlerweile gibt es einen Gender-Aktionsplan, der die Beteiligung von Frauen in klimapolitischen Entscheidungsprozessen adressiert, aber auch die gendersensible Umsetzung von Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel.

Und in Deutschland?

Im Umweltbundesamt, das uns schon mit einem Forschungsprojekt zu dem Thema beauftragt hat, und bei Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) gibt es ein Bewusstsein und Interesse am Thema Geschlechtergerechtigkeit. Dass Klimapolitik auch soziale Ziele und damit Gleichstellung berücksichtigen muss, wird mehr und mehr anerkannt.

Aber die Praxis lässt zu wünschen übrig?

Im Klimaschutzgesetz zum Beispiel hätte das Thema vorkommen müssen, um eine stärkere Verbindlichkeit zu schaffen. Unsere Forschung zeigt, dass ganz neue Lösungsansätze zutage treten, wenn man die Zusammenhänge von Gender und Klima berücksichtigt. Die Problemsicht wird differenzierter. Das ermöglicht, verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Damit kann Klimapolitik nicht nur gerechter, sondern auch wirksamer werden.

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