Politische Bildung und Landtagswahlen: Im Gespräch gewinnen
Mit einem Wahl-O-Mat in den Straßenkampf? Das geht! Das Game „Kanzlerclash“ zeigt, wie schlagkräftig Argumente sein können – oder eben nicht.
Ich stehe auf dem Markplatz in Halle. Imposant ragen vor mir die Türme der Marienkirche empor. Die Abendsonne hat sie in ein warmes, versöhnliches Licht getaucht. Es ist Wahlkampf – ich bin hier, um Menschen zu überzeugen. Und um mich zu prügeln.
Was nach einem weiteren Beitrag zur Debatte über die Wehrhaftigkeit der Demokratie klingen könnte, ist aber tatsächlich ganz harmlos – und soll sogar Spaß machen.
Das kostenlose Browsergame „Kanzlerclash“ mischt Wahl-O-Mat und einfache Videospielmechaniken, um Wahlprogramme leichter zugänglich zu machen. Das Hobbyprojekt ging erstmals zur Bundestagswahl 2025 online und wurde jetzt für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin überarbeitet.
Alles beginnt wie bei einem klassischen Rollenspiel: Im Editor bastele ich mir einen Charakter in Pixeloptik zusammen und kann außerdem eine Fraktion wählen. Dann müssen drei Skillpunkte verteilt werden. Nicht auf Stärke, Ausdauer oder Geschicklichkeit, sondern auf 16 verschiedene „Themen“ wie Arbeit, Klima oder Integration.
Mein erster Sieg
So gerüstet begebe ich mich in den Wahlkampf – genauer gesagt in einzelne Regionen oder Stadtteile der drei Bundesländer. Mit Blick auf die 32-Bit-Version von Schloss Wernigerode erprügele ich im Harz meinen ersten Sieg gegen „FearedWitch610“. Der Kampf läuft dabei automatisch ab. Unter Begleitung von primitiven Animationen und Sounds wie aus der Arcade, prüft das Spiel im Hintergrund quartettartig, welche Figur in welchem Teilgebiet den höheren Skill hat. Meine zwei Punkte in Digitalisierung stechen jeweils einen Punkt in Wirtschaft, Steuern und Verkehr, meine Fraktion steigt in den Umfragen, ich in der Bestenliste.
Doch „Kanzlerclash“ belässt es nicht bei dieser konfrontativen Politikinterpretation: Während der politische Gegner im Straßenkampf gestellt wird, müssen die einfachen Leute im Gespräch gewonnen werden.
Um wieder neue Kraft für Kämpfe zu sammeln und weitere Skillpunkte freizuspielen, begegne ich verschiedenen Bürger:innen – Profile, die anhand statistischer Daten und mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt wurden, um unterschiedliche Bevölkerungs- und Wähler:innengruppen nachzubilden: das Rentnerehepaar Helga und Dieter, den Bundeswehrsoldaten Stefan, eine Landärztin, die alleinerziehende Nadine. Die Methodik hinter den insgesamt 16 sogenannten Personas lässt sich über die Website nachverfolgen.
In Chats tausche ich mich mit meinen potenziellen Wähler:innen über ihre Anliegen aus. Dabei saugt sich die KI einzelne Aussagen nebst Quellenangabe aus den Wahlprogrammen und fragt mich: dafür oder dagegen?
Je nach Antwort ist auch mein Gegenüber zufrieden und begründet seine eigene Entscheidung. Bei Meinungsverschiedenheiten bleibt es erfrischend unrealistisch: „Da sind wir auseinander. Aber genau dafür reden wir ja“, sagt mir Polizist Marco, nachdem ich mich gegen die staatliche Nutzung der KI-Überwachungssoftware Palantir in Sachsen-Anhalt ausgesprochen habe.
Im virtuellen Berlin kommen wir uns aber wieder näher. Zwar kann die AfD bei den KI-Rentnern Helga und Dieter mit ihrer Forderung nach ideologiefreiem Streusalzeinsatz auf Gehwegen (S. 84 des Landtagswahlprogramms) punkten, Robocop Marco ist die Forderung nach „Remigration“ für mehr Sicherheit (S.12) aber schlicht zu plump: „Ich verfolge Straftaten – egal, wer sie begeht. Sicherheit allein an ‚Remigration‘ zu hängen, ist mir zu pauschal und hilft mir im Einsatz nicht.“ Reden bringt halt doch mehr als Prügeln.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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