piwik no script img

Politik mit MemesKrieg der Bilder

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich analysiert in einem neuen Buch Strategien autoritärer Bildpolitik – und macht eine neue Regierungsform aus: die „Memokratie“.

Es gehört zu den Seltsamkeiten dieses Frühjahrs, dass das interessanteste Buch zu Donald Trumps zweiter Amtszeit von einem Kunsttheoretiker verfasst wurde. Wolfgang Ullrich lotet als Co-Herausgeber der Wagenbach-Reihe „Digitale Bildkulturen“ seit Jahren die politischen, psychologischen und ökonomischen Auswirkungen einer Bilderflut aus, die mit der digitalen Revolution anschwoll und seit der Implementierung künstlicher Intelligenzen über uns hinwegrollt. Mit handlichen Bänden etwa zu Emojis, Videospielen, Catcontent, Satellitenbildern oder Dick Pics versucht die Reihe für Ordnung zu sorgen.

Ein neues, eigenes Buch des Autors versucht nun den US-Präsidenten allein über die Bilder zu erklären, die er und seine MAGA-Anhänger produzieren. „Memokratie“, so nennt der Autor die analysierte Staatsform, in der die Bilder herrschen. Was ist damit gemeint? Ullrich erkennt in Memes, also in Variationen massenhaft verbreiteter digitaler Bilder, die derzeit mächtigste Waffe der Rechten im politischen Kampf. Während die auf Differenzierung und Diskurs bauende Linke sich mit Memes schwertue, nutze vor allem die Alt-Right-Fraktion dieses Instrument ohne Hemmung und Scham.

Die aggressive Verunglimpfung der Gegner und gleichzeitig die entschiedene Unterstützung Trumps in solchen Memes habe Trump aber nicht nur den erneuten Einzug ins Weiße Haus geebnet, sondern es bestehe ein wechselseitiges Verhältnis zwischen den eilig geposteten Bildchen und realer Politik. Und, ja, da ist etwas dran: Trump und seine Mitstreiter nehmen in der Tat willentlich Züge ihrer eigenen Memes an. Wenn Elon Musk den Hitlergruß zeigt oder mit einer Kettensäge herumfuchtelt, wenn Trump unterschriebene Dokumente immer wieder stolz in die Kameras hält oder mit zackigen Bewegungen zum Disco-Hit „YMCA“ tanzt, dann nähern sich politische Akteure den Memes an, die über sie kursieren.

Die Realität im Weißen Haus konkurriert mit der in den Schmuddelecken sozialer Medien, weshalb es einen nicht hätte überraschen müssen, als Trump KI-produzierte Videos postete, in denen er Kot über seine Kritiker schüttet oder seine Statue in einem touristisch hochgerüsteten Gaza–streifen thront. Wer hat hier wen erschaffen, was war zuerst da, fragt man sich: Trump oder sein Meme? Beide eint jedenfalls eine charakteristische Unzuverlässigkeit. Wenn Trump heute jenes sagt und morgen das Gegenteil behauptet, wenn er auf einmal mit kolonialen Ideen an die Weltöffentlichkeit tritt, die seit 150 Jahren niemand mehr erwogen hat, dann zeigt er die gleiche Wandelbarkeit, die auch Memes zu eigen ist.

Wer hat hier wen erschaffen, was war zuerst da: Trump oder sein Meme?

Der von dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins geprägte Begriff „Mem“ zielte auf eine Anwendung der darwinistischen Theorie auf kulturelle Inhalte. Memes erreichen Popularität und verbreiten sich nur durch ihre Fähigkeit zur Mutation, zur Veränderung. Zudem bringen sie, wie Ullrich betont, eine Härte und Brutalität in die Auseinandersetzung, in der sodann nur die Stärksten überleben.

Im „Meme-War“, von dem in Insiderkreisen gerne die Rede ist, gelte es, den Gegner mit einer Flut aggressiver Witzen kommunikativ zu vernichten. Das Ziel sei keine Verständigung über Inhalte, kein Kompromiss, sondern das Verstummen des Kontrahenten. Wie dergleichen vor sich geht, konnte man gut in den Monaten beobachten, nachdem Elon Musk Twitter übernommen hatte und so lange seine Algorithmen massierte, bis Linke und Moderate angewidert von Hass und Snuff-Porn von der Plattform flüchteten.

Von derlei Erfahrungen wohl demoralisiert, fällt Ullrichs Prognose pessimistisch aus. Für ihn steht nicht weniger als die Demokratie auf dem Spiel. Diese ist für ihn, da ist er bei Jürgen Habermas, auf Aushandlung und den Austausch von Argumenten angewiesen. Werde dieser Prozess durch Geschrei und schrille Bilder verunmöglicht, sehe die Zukunft öde aus.

taz schneller googeln

Sie nutzen Google? Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz als „bevorzugte Quelle“ einzustellen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen. Fertig.

Sie wollen Google meiden? Kein Problem, es gibt zahlreiche Alternativen. Stellvertretend erwähnt seien Ecosia, DuckDuckGo oder Startpage.

Mehr Details zur Funktion „bevorzugte Quelle“ bei Google finden Sie hier.

Das mag auch stimmen, allerdings idealisiert Ullrich den Zustand vor Donald Trump und seinem Krieg der Bilder. Auch ohne all die Trolle in Netz und Regierung hätte die US-Demokratie große Defizite, man denke nur an den Einfluss von Großspendern, an Gerrymandering oder das antiquierte Wahlverfahren, in dem faktisch nur die Bewohner einiger Swing States über den Präsidenten entscheiden. Wenn Hetzer, Bots und Aktivisten dieses System stören, dann steckt in ihren Strategien durchaus auch ein emanzipatorisches Potenzial. Man muss es nur für die richtigen Ziele nutzbar machen. Die Aufgabe für die Linke ist also klar: Mehr Meme wagen!

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare